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"Die Angst bleibt – hoffentlich wird sie kleiner"

Ein Herz und eine Seele – Anja Gröschner und Fabian.
Ein Herz und eine Seele – Anja Gröschner und Fabian. FOTO: ni
Weißwasser. Hinter Fabian und seiner Mutter Anja Gröschner liegt eine sorgenvolle schwere Zeit. Ende 2013 erkrankte der damals Neunjährige an seltenem Knochenkrebs. Auch wenn der Junge seit einigen Wochen wieder in die Schule geht, bleibt Anja Gröschners Angst allgegenwärtig. Gabi Nitsche

Draußen stürmt es. Aprilwetter vom Feinsten. Fabian zieht sich seine Mütze vom Kopf. Anja Gröschner streicht ihrem Sohn zärtlich über den Kopf - "ja, die Haare wachsen wieder". Nach über einem Jahr. Sie waren ihm mit der ersten Chemotherapie ausgefallen. Fabian ist zurück im Leben.

Im Dezember 2013 war ein aggressiver seltener Knochenkrebs bei dem Jungen entdeckt worden und trachtete nach dessen Leben. Von einem Tag auf den anderen war aus dem kerngesunden Kind ein schwerkrankes geworden. Und niemand, kein Arzt dieser Welt, hätte seiner Mutter Anja garantieren können, dass Fabian überhaupt überlebt.

Der große Tumor war mit der neunten bis elften Rippe verwachsen und wuchs rasant. Die Ärzte in Cottbus entschieden sich für eine hoch dosierte Chemotherapie. Das in der Hoffnung, er möge schrumpfen, um ihn dann operativ zu entfernen.

Anja Gröschner wich nicht mehr von der Seite ihres Sohnes, konnte dafür im Ronald McDonald Elternhaus nahe der Klinik wohnen. Das ist eine Einrichtung, die das dank Spenden ermöglicht. Fabians Fußballverein VfB 1909 Weißwasser startete ein Benefizturnier der G-Jugend, das eine breite Unterstützung fand. "5225 Euro wurden eingesammelt und auf das Spendenkonto überwiesen", ist Anja Gröschner noch immer angetan und von Herzen dankbar. "Wenn ich meine Mutti, meine Schwestern und enge Freunde wie Doreen Bleye aus Weißwasser oder auch Torsten, Erich und Christian vom Behindertenwerk Spremberg nicht hätte - allein wäre ich mit der ganzen Situation nicht klargekommen und würde es nicht", sagt Anja Gröschner.

Sechs Chemoblöcke mit heftigsten Nebenwirkungen musste der Junge über sich ergehen lassen. "Dann hieß es, der Krebs spricht gut darauf an und ist kleiner geworden." Knapp sechs Monate waren zu diesem Zeitpunkt vergangen.

Am 27. Mai letzten Jahres wurde Fabian stundenlang operiert. "Der Tumor war zwölf Mal 15 Zentimeter groß, und die Ärzte mussten von meinen Rippen neun, zehn und elf große Teile entfernen ", berichtet Fabian. Der Krebs war mit diesen verwachsen. Dort, wo die Rippen vorher waren, schließt eine Membran die Lücke. Doch die gewohnte Stabilität fehlt nun. Fabian zieht seinen Pullover hoch und zeigt auf die große Narbe. "Dreißig Zentimeter ist die lang." Inzwischen kann er sich wieder gut bewegen.

Aber nach der Operation fiel ihrem Kind jede noch so kleine Bewegung schwer, erinnert sich Anja Gröschner. Und als wäre diese Krebserkrankung nicht schon viel zu viel für ein Kind, kam noch ein Krankenhaus-Keim hinzu und damit neue Sorgen. "Zwei Monate wurde Fabian auf der Isolationsstation behandelt. Der Keim hatte sich auch auf den eingesetzten Katheter ausgebreitet, so dieser ersetzt werden musste. Hinzu kamen weitere Bestrahlungen wegen der ursächlichen Erkrankung", zählt die Mutter auf. Sie ist so stolz auf Fabian, der diese ganzen Torturen hinnahm. "Er wollte doch gesund werden."

Der Katheter heißt Port und wird für die Chemos benötigt. "Er sitzt unter der Haut hier oben", erklärt Fabian und zeigt auf eine Stelle unterhalb des Schlüsselbeins. Alle vier bis sechs Wochen wird er in der ambulanten Sprechstunde im Carl-Thiem-Klinikum in Cottbus durchgespült, also gereinigt. Wenn alles gut verläuft, soll das Teil im Sommer wieder entfernt werden. Die letzte Chemo hatte Fabian Mitte Dezember. Im Januar musste er noch einmal in die Klinik zur umfassenden Kontrolle. "Und das Ergebnis der jüngsten MRT-Untersuchung lautet: alles in Ordnung", berichtet Anja Gröschner strahlend. Dennoch sagt sie: "Die Angst bleibt - hoffentlich wird sie kleiner." Die Gefahr, dass der Krebs wiederkommen könnte, ist allgegenwärtig. Jedes Vierteljahr nehmen die Ärzte Fabian auch weiterhin unter die Lupe. Sein Blut wird etwa monatlich kontrolliert, um beim kleinsten Verdacht sofort reagieren zu können.

Ein Jahr musste Fabian wegen des Krebses sein liebes Zuhause mit dem Krankenhaus tauschen. Er arrangierte sich mit dem Unausweichlichen, ertrug es tapfer und geduldig. "Wenn er bei Kräften war, hat ihn eine Lehrerin unterrichtet, er hat gespielt, gelesen - vor allem lustige Taschenbücher", so die Mutter. "Und Geschichtsbücher, zum Beispiel über die Römer. Die lese ich super gern", sagt Fabian. Seine damaligen Mitschüler aus der Grundschule Sagar besuchten ihn mit Klassenleiterin Sabine Slawe oder schrieben Briefe.

Je näher das Ende des Krankenhausaufenthaltes rückte, desto mehr freute sich Fabian auf den Alltag. "Dass er nun kein Torwart mehr sein darf, weil keine Rippen mehr da sind, die die Milz dahinter ordentlich schützen, hat Fabian akzeptiert. Aber als der Arzt bei der Reha im Februar sagte, jegliche Kontaktsportarten sind für ihn jetzt tabu, brach eine Welt für ihn zusammen." Anja Gröschner beließ es nicht dabei, holte sich eine weitere Meinung ein von einem gestandenen Sportarzt, der auch schon Energie Cottbus betreute. "Er gab grünes Licht, aber er hat Fabian eindringlich gesagt, er muss immer aufpassen." Nun trainiert ihr Sohn wieder. Ihr würde es am liebsten sein, immer mit einer Schutz bietenden Korsage. Fabian verzieht das Gesicht. Die sei so schwer, dass er kaum vom Fleck komme. Es gehe auch ohne, versucht er seiner Mutter weiszumachen. Die Geduld, die er in den vergangenen Monaten zeigen musste, habe sich jetzt rar gemacht. "Ich bin mit allem viel vorsichtiger geworden, würde ihn am liebsten in Watte packen - mehr, als er will. Die richtige Balance zu finden ist schwierig", räumt Anja Gröschner ein.

Auch der Schulalltag hat Fabian wieder. Inzwischen als Schüler der 5/II am Landau-Gymnasium. Nach der Reha durfte er drei Stunden täglich am Unterricht teilnehmen. Jetzt sind es vier, ab Mai vielleicht das volle Programm. Obwohl er ja viel versäumte, komme Fabian gut mit. Die Klinik-Lehrer sprachen sich gut ab mit den hiesigen, so Anja Gröschner. Nur in Englisch seien ihm die anderen voraus. Bei fünf Wochenstunden kein Wunder.

Apropos Schule. "Die Klinik-Lehrerin und die Psychologin waren zu Schuljahresbeginn am Gymnasium und haben Fabians Mitschüler aufgeklärt über seine Krankheit, die nicht ansteckend ist, sie ihm also die Hand geben können." Anja Gröschner ist froh, dass er von Anbeginn nicht ausgeschlossen wurde. Inzwischen habe er sich gut integriert. "Schule, Freunde, Fußball - langsam tritt Normalität ein."