"Wir wussten nicht, wo er ist. Seine Mutter übrigens auch nicht", erzählt Franz Klenner aus Bad Muskau. So fehlt Albrecht Dittrich jedes Mal, wenn sich seine ehemaligen Mitschüler immer alle zehn Jahre trafen, um Schul erinnerung auszutauschen. An diesem Samstag ist es das erste Mal anders. Albrecht Dittrich sitzt mit am Tisch im Restaurant "Oleander". Alle sind älter geworden, alle haben ihre eigene Geschichte zu erzählen. Doch eine solche wie ihr Mitschüler Albrecht hat keiner. Als Jack Barsky hatte er sich eine andere Identität zugelegt. Und das aus einem besonderen Grund: Als Spion wurde er für den sowjetischen In- und Auslands-Geheimdienst KGB (Komitee für Staatssicherheit) tätig.

Über den Spion Jack Barsky berichtet im Mai 2015 das Magazin "Der Spiegel". Der ehemalige Sportlehrer Hans Schmidt aus Bad Muskau liest den Text und zählt eins und eins zusammen. Schließlich gibt er Organisator Franz Klenner den entscheidenden Tipp. Der sendet eine E-Mail in die USA.

Dort staunt Jack Barsky in dem kleinen Städtchen Schaghticoke nicht schlecht, als er Post aus der alten Heimat bekommt.

In Reichenbach in der Oberlausitz hatte er vor 66 Jahren das Licht der Welt erblickt. "Vier Jahre bin ich in Rietschen zur Schule gegangen, vier weitere Jahre in Muskau", so Jack Barsky. Die nächsten vier Schuljahre verbringt er in Spremberg, wo er das Abitur macht. "Mit Blick zurück zeigt sich schon damals, dass ich es an keinem Ort lange ausgehalten habe", gibt er mit einem Schmunzeln zu. Für Lacher sorgt er schließlich, als er erzählt, warum er überhaupt zum Klassentreffen in die Parkstadt gekommen ist. "Ich wollte meiner Mitschülerin Ingrid heute einmal sagen, wie verliebt ich einst in sie war."

Doch dann wird er ernst: "Sicher hat jeder seine Geschichte zu erzählen, meine ist ein bisschen ungewöhnlicher. Ich bin nicht stolz auf das, was ich gemacht habe. Es war nicht geplant, dass so etwas passiert."

Was war passiert? Albrecht Dittrich studiert in Jena. Viereinhalb Jahre Studium der Chemie liegen hinter ihm. Er denkt, er wird als nächstes wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni. Doch dann klopft es eines Tages an seiner Tür. Ein Mann möchte mit ihm über seine Karriere reden. Dieser Herr ist vom sowjetischen Geheimdienst KGB. Dittrich spürt, für ihn bietet sich die Möglichkeit für ein Abenteuer. Doch nicht nur das. Albrecht Dittrich glaubt damals an den Kommunismus, erzählt er. Will seinen Teil für die Sache beitragen, auch wenn er dafür in den Westen gehen muss. Doch sein Weg führt ihn nicht in die BRD. Beim Geheimdienst bemerkt man sein Sprachtalent. Nach anderen Schulungen wird er in Moskau für das amerikanische Englisch fit gemacht. 1978 braucht er es dann. Seine erste Station in den USA lautet Chicago. Er reist mit einem kanadischen Pass ein. In seinem Hotelzimmer zerstört er diesen. Er hat nun eine amerikanische Geburtsurkunde. Er heißt jetzt Jack Barsky. Diesen gab es wirklich, nur liegt er schon seit vielen Jahren auf einem Friedhof beerdigt. "Beerdigt" wird nun Albrecht Dittrich. Wie er sich in diesen Stunden gefühlt hat, als aus Albrecht Jack wird, will der 66-jährige an diesem Samstag nicht erzählen. Doch er wird es in naher Zukunft preisgeben. "Ich schreibe an einem Buch." 300 Seiten stark soll es werden. Darin will er dann seine komplette Geschichte erzählen, sozusagen reinen Tisch machen. Den ersten Entwurf hat er fertig.

So wird zu lesen sein, dass die zentrale Sicherheitsbehörde der Vereinigten Staaten, das FBI, dreieinhalb Jahre gebraucht habe, um herauszufinden, ob er noch aktiv sei oder nicht. "Sie haben sogar das Haus meines Nachbarn gekauft." Schließlich wird er nach 20 Jahren in den USA vom FBI auf einem Highway gestoppt. Der Beamte, der ihn damals aus dem Verkehr gezogen hat, sei heute sein Freund. "Wir spielen Golf zusammen."

Zehn Jahre war Barsky für den KGB tätig. "Ich habe nie eine Waffe in der Hand gehabt, keinem etwas persönlich zuleide getan", rechtfertigt er sich. Es ging um das Abschöpfen von Wissen. Geplant sei gewesen, dass er in den engeren Bekanntenkreis des Präsidentenberaters Brzezinski eindringt - heißt es zumindest bei Wikipedia.

1988 soll er nach Moskau zurück. Doch Barsky will bei Frau und Tochter bleiben. "Ich habe den Russen erzählt, dass ich Aids habe. Das war ja damals ein Todesurteil." So kann er vorerst unbehelligt seiner Arbeit als Programmierer nachgehen. Angefangen hatte er in den USA übrigens als Fahrradkurier. "Radfahren hatte ich schließlich hier auf dem Weg zur Schule gelernt."

Im Rückblick auf seine Geschichte will er nur soviel sagen: "Ich glaube, es ist für die USA und die Russen Unentschieden ausgegangen." Für ihn persönlich mit vielen Einschnitten. So war er mit mehreren Frauen liiert. Er hat fünf Kinder, wovon zwei in Deutschland leben.

Nun ist er amerikanischer Staatsbürger, der gern auf seine Zeit in Muskau zurückschaut. "Die Schulzeit waren die besten Jahre. Wir alle waren arm, aber wir wussten nicht, dass wir arm waren. Wir waren als Kinder einfach nur glücklich." Jahrzehnte soll es nun nicht bis zum Wiedersehen dauern. Wenn sein Buch fertig ist, dann will er wiederkommen. "Ich mache hier gern eine Buchlesung."