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Weißwasser
„Hansel“ und der Schwanenvater vom Braunsteich

Kurt Rösler beim Füttern des Schwanenpaares. Gäste der angrenzenden Waldhaus-Gaststätte können oft dieses Schauspiel beobachten.
Kurt Rösler beim Füttern des Schwanenpaares. Gäste der angrenzenden Waldhaus-Gaststätte können oft dieses Schauspiel beobachten. FOTO: Ingolf Tschätsch / Tschätsch Ingolf
Weißwasser. Der 89-jährige Kurt Rösler aus Weißwasser ist begeisterter Kanute. Neben dem Wassersport gehört sein Herz den Schwänen. Von Ingolf Tschätsch

 Es ist ein berührendes Bild, wie der ältere Mann die Schwäne füttert und mit ihnen dabei spricht.  „Na, Hansel, komm“, redet er einem Tier gut zu, während er ihm ein Stück Toastbrot hinhält, dass es ihm aus der Hand frisst. Die großen, weißgefiederten Vögel haben keine Scheu vor dem Menschen. Sie kennen offensichtlich ihren „Betreuer“ ganz genau.  In der Tat. Fast immer, wenn es Kurt Rösler zum Paddeln an den Braunsteich zieht, sind auch „seine“ Schwäne zur Stelle. Sie scheinen zu wissen: Wenn ihr Kurt kommt, gibt es Futter.

Seit 64 Jahren ist der Weißwasseraner begeisterter Paddler. Als sich am 1. März 1953 in der Stadt die Sektion Kanu der damaligen BSG Chemie gründete, stieß Kurt Rösler nur zwei Monate später zu den sechs Pionieren der ersten Stunde hinzu. Er ist seitdem dem Wassersport treu geblieben, den er heute mit den anderen in der Abteilung Kanu von Grün-Weiß Weißwasser betreibt. Damit ist der Senior der älteste noch lebende Zeitzeuge des Sportereignisses vor 64 Jahren.

Fast täglich ist Kurt Rösler am Bootshaus anzutreffen. Seit seine Frau vor vier Jahren starb, noch häufiger als sonst. Er kümmert sich um all die Arbeiten, die dort anfallen, und setzt sich natürlich auch in sein Faltboot. Mit kraftvollen Paddelschlägen durchpflügt er regelrecht das Wasser  - von einem Alter von 89 Jahren keine Spur.

Wie seine Westentasche kennt Kurt Rösler den Braunsteich und all das Getier, das dort lebt. Aber besonders den Schwänen gehört seit vielen Jahren seine Aufmerksamkeit.

Zu „Hansel“, den er gerade füttert, hat der sportliche Senior eine ganz spezielle Beziehung. Es ist jener verletzte Schwan, der vor Wochen für Aufregung in der Öffentlichkeit sorgte und schließlich in einer Rettungsaktion von einer Dresdener Tierärztin und ihren Helfern eingefangen, operiert  und wieder ausgesetzt worden ist (die RUNDSCHAU berichtete ausführlich).

Kurt Rösler erinnert sich an das Drama um seinen „Hansel“. Bei einer Paddeltour fand er heraus, warum das Schwanenmännchen in seiner Beweglichkeit eingeschränkt gewesen war und  deshalb ein merkwürdiges Verhalten gezeigt hat. „Er hatte sich in einer abgerissenen  Angelsehne so verheddert, dass ihm der linke Fuß regelrecht abgeschnürt worden ist.“  Ein vielleicht ein Meter langer dünner Ast steckte mitten im Gefieder.

Rösler war erschüttert, wollte helfen. Tausende Gedanken jagten damals durch Röslers Kopf, sagt er.  Mit seinem Sohn war er dann rausgepaddelt  und konnte  wenigstens den Ast ein Stück abschneiden. Kurt Rösler freut es ungemein, dass es solche hilfsbereiten, tierlieben Mitmenschen gibt, die das taten, was leider nicht in seiner Macht stand und das Tier retteten.

Inzwischen kommen „Hansel“ und seine Partnerin wieder regelmäßig ans Ufer des Bootshausgeländes und lassen sich von Kurt Rösler füttern. Ihn freut es, dass es dem Schwan soweit gut gehe und dieser recht munter sei.

Trotzdem bedrückt Kurtz Rösler ein Problem. „Als ich das Pärchen einmal gefüttert habe, hat es Hansel nur mit Mühe aus dem Wasser geschafft. Er hat sich dann gleich hingesetzt, war von dieser Anstrengung sichtbar erschöpft. Offenbar ist es so, dass er kaum das Wasser verlassen kann. Was soll aber im Winter werden, wenn der Teich zufriert und er nicht an Land gelangt? Und an Fliegen ist erst recht nicht zu denken“, zeigt sich der 89-Jährige besorgt. Daran will Kurt Rösler aber heute nicht weiter denken, schiebt solche Gedanken erst einmal von sich, während „Hansel“  wieder dem „Schwanenvater“ vom Braunsteich ein Stück Brot aus der Hand holt.