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| 09:44 Uhr

Diskussion
Der Förder-Dschungel muss gelichtet werden

Oliver Schenk (l.), Chef der sächsischen Staatskanzlei und Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten, im Gespräch mit Christoph Biele von der Zukunftswerkstatt Lausitz.
Oliver Schenk (l.), Chef der sächsischen Staatskanzlei und Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten, im Gespräch mit Christoph Biele von der Zukunftswerkstatt Lausitz. FOTO: Gabi Nitsche
Krauschwitz. Beim CDU-Mittelstandsforum in Krauschwitz mit Staatskanzleichef Oliver Schenk nahmen einige Unternehmer kein Blatt vor den Mund. Von Gabi Nitsche

Kati Struck ist Floristikmeisterin und betreibt mit ihrem Mann Daniel eine Gärtnerei in Schleife, und das in dritter Generation. Die Sorge um die Nachfolge treibt das Ehepaar um. Es gibt einfach niemanden, der sich als Florist oder Gärtner bewirbt. „Der Beruf ist für junge Leute nicht mehr lukrativ.“ Wenn sie Lehrlingen 380 Euro monatlich zahlen kann, große Unternehmen um die 800 Euro, dann funktioniere das eben nicht, sagte sie Donnerstagabend im Saal des Krausch­witzer Gasthofes „Zur Linde“. Hier hatte der CDU-Kreisvorstand, zu dem Kati Struck gehört, zu einem Mittelstandsforum eingeladen.

Wichtigster Gast des Abends war Staatskanzleichef Oliver Schenk. Kati Struck forderte unter anderem: „Die Bürokratie muss vereinfacht werden!“ Ein Tag in der Woche ginge dafür drauf. „Eigentlich brauche ich eine Bürokraft, doch die können wir uns nicht leisten.“ Wie hoch die Hürden der Bürokratie sein können, schilderte sie an einer Ausschreibung, wo es um Totholzbeseitigung im Wald ging und der öffentliche Auftraggeber ein Zertifikat verlangte, das nachweist, Strucks können die Verkehrssicherheit garantieren. Sie musste sich eine Firma dafür nehmen, 300 Euro hinlegen und das bei einem Auftragsvolumen von 2000 Euro.

Bürokratieabbau, so der Minister, das habe sich die Koalition in Sachsen auf die Fahne geschrieben. Absperren sei okay, wenn gearbeitet wird. „Aber es geht um Augenmaß und sinnvolles Abwägen.“ Was den Fachkräftemangel angeht, so gebe es keine leichte Antwort darauf, wenn man sich die Demografie anguckt, so der Minister. Er riet zu einer noch besseren Kooperation zwischen Firmen und Oberschulen. Im Landkreis Görlitz gebe es mit der Insider-Messe ein super Instrument, erklärte dazu Frank Großmann von der IHK. Um die 9000 Besucher findet alljährlich die Messe in Löbau, wo Handwerk und Jugend zusammengeführt werden. Das sei eine großartige Chance im Wettbewerb um die Köpfe. Seine Botschaft an den Minister: „Wir brauchen industrielle Kerne, damit die mittelständischen Firmen als Zulieferer eine Zukunft haben.“

Bankerin Michaela Marko ist Firmenberaterin. Wenn Unternehmen um Finanzierungen bitten, dann gehe es meist nicht um die an diesem Abend mehrmals geforderte innovativen Ideen, sondern um neue Hallen und so weiter. „Doch in dem Förder-Dschungel sieht keiner mehr durch, wo die richtige Stelle ist, so sich die Leute informieren können. Das muss viel übersichtlicher werden“, forderte sie und erhielt viel Applaus der Anwesenden. Christoph Biele von der Zukunftswerkstatt Lausitz gab ihr Recht. Das Resultat sei, dass statt Segen aus Förderungen Fluch werde.

Roland Jäkel, seit vielen Jahren Vorsitzender des Wirtschaftsvereins Niederschlesien und  Firmenchef, hat eine klare Forderung an die Politik: „Uns bricht die Basis weg. Wir brauchen eine neue. Wir brauchen Industrie! Nur mit neuer Basis hat die Region eine Chance.“ Und der Nieskyer setzte noch eins drauf: Wenn die Politik wieder einmal eine falsche Entscheidung treffe, wie bei der Energiepolitik, dann breche hier noch mehr weg.

CDU-Landtagsabgeordneter Stephan Meyer, der ein Verfechter von Innovationen in mittelständischen Unternehmen ist, weil so Firmen fit für die Zukunft gemacht werden können – Beispiele dafür gibt es –, verwies auf Förderinstrumente dafür. „Es gibt Förderungen für Innovationsassistenten und vieles mehr, aber keiner weiß etwas davon“, hielt auch Meyer den Finger in die Dschungel-Wunde. „Tourismus, die Seenlandschaft, ist schön. Aber wir müssen auch eine Industrieregion bleiben.“ Vorhandene Standorte müssen mit Forschung zusammengebracht werden. „Wir müssen stärker den Transfer von Forschung in die Praxis schaffen und aus diesen Möglichkeiten Ausgründungen generieren.“ Politik könne mit den entsprechenden Rahmenbedingungen helfen, so der Minister, und Geld für entsprechende Infrastruktur zur Verfügung stellen.

Und genau diese brauche es, unterstrich der Gablenzer Bürgermeister Dietmar Noack (CDU), der sich aber in erster Linie als Unternehmer einer Heizungsbaufirma zu Wort meldete. „Wir haben es verpasst bei der Polizei und bei Lehrern, legen jetzt nach. Aber beim Handwerk ist es schon 5 nach 12.“ Die Auftragslage sei jetzt sehr gut, aber es gebe keine Lehrlinge. Er hatte die letzten Jahre Glück und zwei ausgebildet. Einer geht zur Meisterschule. „In anderen Ländern ist so etwas kostenlos, hier muss ich 8000 bis 9000 Euro bezahlen.“

Noack berichtete von zig Pflichtlehrgängen, wodurch die Leute den Firmen nicht zur Verfügung stehen. „Am Ende bezahlt ihnen eine andere Firma zwei Euro mehr die Stunde, weil sie ja die Ausbildungskosten nicht hatte, und dann wechseln die Leute“, beklagte Noack. Er gab dem Minister die Forderung nach „Steuererleichterungen oder irgendwelchen Vergünstigungen“ mit auf den Weg.

Die Kritik am Förder-Dschungel teilt auch André Böhme von der Anlage Wake & Beach am Halbendorfer See, ebenso die am Fachkräftemangel. Die Region ist schön, sagte er. Aber: „Hartz IV macht es vielen Menschen leichter, zu Hause zu bleiben, statt für kleines Geld zu arbeiten.“ Er habe die Erfahrung gemacht, dass einige junge Leute ein gestörtes Verhältnis zum Geld hätten. Fünf Euro die Stunde bei Ferienarbeit sei einigen nicht genug.

Am CDU-Mittelstandsforum in Krauschwitz mit rund 60 Teilnehmern beteiligte sich auch Landtagsabgeordneter Stephan Meyer (2.v.l.) an der Diskussion.
Am CDU-Mittelstandsforum in Krauschwitz mit rund 60 Teilnehmern beteiligte sich auch Landtagsabgeordneter Stephan Meyer (2.v.l.) an der Diskussion. FOTO: Gabi Nitsche
Roland Jäkel, der Vorsitzende des Wirtschaftsfördervereines Niederschlesien
Roland Jäkel, der Vorsitzende des Wirtschaftsfördervereines Niederschlesien FOTO: Gabi Nitsche