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Der Bergpark: Auszeit von der Zivilisation

Die Wandergruppe auf verschlungenem Pfad in der Großen Schlucht.
Die Wandergruppe auf verschlungenem Pfad in der Großen Schlucht. FOTO: amz1
Bad Muskau. Wer im Gebirge unterwegs ist, sollte Kondition mitbringen, trittsicher sein und keine Höhenangst haben. Die gleichen Voraussetzungen werden aber auch für eine Exkursion durch den Muskauer Park empfohlen. amz1

Genauer gesagt, für den Bergpark, der rund 200 Hektar des auf deutscher Seite insgesamt 240 Hektar umfassenden Landschaftsensembles einnimmt. Für all die Mühen entschädigen fantastische Aussichten, herrliche Sichtachsen und wunderbare Waldbilder.

Allerdings, so berichten Parkmeister Bernd Witzmann und dessen Vorarbeiterin Jana Kretschmer, beide von der Stiftung Fürst-Pückler-Park, während einer Wanderung, friste der Bergpark heute ein Schattendasein. Kaum jemand, selbst viele Einheimische, würden diese Perle wirklich kennen. Warum, erklärt Jana Kretschmer so: "Hier steht eben kein Schloss, dass die Leute anzieht."

Wer allerdings Ruhe und Zeit für sich benötigt, ist im Bergpark genau richtig. Beispielsweise in der Großen Schlucht. Diese erstreckt sich nahe der Görlitzer Straße, etwa dort, wo das Hermannsbad/Badepark in den Bergpark übergeht. Zunächst ganz allmählich, dann immer steiler steigt der Pfad an, der sich am Neißehang entlang schlängelt. Uralte Buchen und Eichen begleiten die Wanderer.

Oben angekommen, wartet ein spannender Blick in die Schlucht, die in früherer Zeit belebter war als heutzutage. "Schon Parkbegründer Fürst von Pückler war von diesem Gebiet begeistert und sorgte für mehrere Attraktionen, unter anderem im Pferdesport", berichtet Jana Kretschmer. Zu DDR-Zeiten gab es sogar eine Skisprung-Schanze. Doch wo diese genau stand, darüber gibt es verschiedene Meinungen, wie Birgit Haraszin weiß. Die 73-jährige Bad Muskauerin erinnert sich gern an ihre Rodelausflüge in den Bergpark: "Wir haben uns auf die Schultornister gesetzt, und dann ging's ab ins Tal."

Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte richtig Leben im Bergpark. "Da haben die Leute die unmittelbar unter der Oberfläche anstehende Kohle gefördert, um ihre Wohnungen zu beheizen", erzählt Bernd Witzmann. Und wehe, jemand hatte sich an der Stelle des Nachbarn zu schaffen gemacht!

Doch was in den Schluchten des Bergparks am meisten beeindruckt, ist die Ruhe. Nur ein paar Hundert Meter von den großen Straßen entfernt, vernehmen die Naturfreunde lediglich das Zwitschern der Vögel und das Rauschen des Windes, sonst nichts. Darüber hinaus sorgt die Vielzahl der verschlungenen Pfade für Staunen. Immer wieder gehen Wege ab, die kaum begangen sind. Immer wieder eröffnen sich neue Sichten. Beispielsweise der Riesengebirgsblick.

Als der Muskauer Alaun-Bergbau im 19. Jahrhundert sein Ende fand, bestand der Bergpark aus weitestgehend unbewachsenen Kippen. Rund 40 Meter über dem Neißetal war da schon eine faszinierende Fernsicht möglich. Die gibt es trotz Vegetation immer noch. Und tatsächlich: "An zwei bis drei Tagen im Jahr, meist vor Regen, präsentiert sich in knapp 100 Kilometern Luftlinie das Riesengebirge am Horizont", weiß Jana Kretschmer. Sie hatte dieses Erlebnis erst im April genießen dürfen. Übrigens: Die "Alaun-Berge", die aus dem Abraum des Salz-Abbaus entstanden sind, wurden erst von Pückler-Schüler Eduard Petzold mit Buchen und Eichen bepflanzt. Somit präsentieren sich die noch immer sichtbaren Überreste des Bergbaus zumeist bewaldet.

Heute ist die erstaunlich vitale Wuchskraft dieser Bäume nicht überall gern gesehen. Beispielsweise in der Großen Schlucht. Während des vergangenen Winters, so berichtet Parkmeister Witzmann, hatten deutsche und polnische Jugendliche einen Teil der Hänge vom Bewuchs befreit und damit historische Sichtbeziehungen wiederhergestellt. Zuvor konnten die alten Pfade teilweise nur gebückt und auf Knien durchschritten werden, wenn diese als solche überhaupt noch erkennbar waren. Die Arbeiten sollen im kommenden Winter fortgeführt werden, kündigt Witzmann an.

Der Bergpark bietet noch zahlreiche weitere Attraktionen. Neben der Bergschen Kirchruine und dem Schüttauf-Stein zählt auch das "Milka-Plateau" als Aussichtspunkt dazu. Die Bezeichnung habe nichts mit Schokolade zu tun. Vielmehr könnte sich der Begriff aus dem slawischen Vornamen Miloslaw ableiten. Doch so ganz genau wisse dies wohl niemand.

Wer den Bergpark in Gänze erkunden will, sollte sich keineswegs nur ein paar Stunden Zeit nehmen. Vielmehr mehrere Tage, besser noch eine Woche, rät Bernd Witzmann. Denn immer wieder ergeben sich neue Ein- und Ausblicke. Und das Beste: Man hat fast immer seine Ruhe. Eben eine Auszeit von der Zivilisation.