ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 01:03 Uhr

Der Bauboom und seine Wirkungen

Weißwasser.. Die durch den Bauboom in Weißwasser ausgelöste Nachfrage konnte von einem Sägewerk allein nicht abgesichert werden. Es wurden weitere in Betrieb genommen. Wahrscheinlich sogar vor dem Betriebsbeginn der gräflich Arnimschen Schneidemühle, wie diese Betriebsstätten umgangssprachlich auch bezeichnet wurden, begann der Bauunternehmer und Sägewerkbetreiber Gottlieb Wauro an der Muskauer Straße, dort, wo heute der Neubaukomplex an der Einmündung Brunnenstraße steht, mit dem Betrieb eines Sägewerks. Von Lutz Stucka

Nach kurzer Zeit entwickelte sich dieses Unternehmen zum größten Bauunternehmen des Ortes, was die Errichtung von Wohn- und Geschäftshäusern und sogar Industriebetriebe vornahm.
Am 20. März 1843 wurden der Maurermeister Krüger, Zimmermeister Mudra und dessen Geselle Wauro mit dem Wiederaufbau der abgebrannten Pechofenwirtschaft in Hermannsdorf, Ostteil Weißwassers, vom Wirtschaftsamt des Fürsten Pückler beauftragt. Die drei Handwerker kamen aus Muskau her und erfüllten die Arbeiten am standesherrschaftlichen Besitz, denn der Pechofen war an eine Bauernfamilie verpachtet.

Hoffnungen
Als sich abzeichnete, dass Weißwasser zu einem wirtschaftlich hoffnungsvollen Standort werden könnte, gingen wahrscheinlich die beiden Söhne des Gesellen Wauro, Gottlieb und Oskar, nach Weißwasser, um hier am wirtschaftlichen Aufschwung teilzuhaben. Gottlieb eröffnete, vagen Überlieferungen zu Folge um 1870 ein Sägewerk, dem später ein Baugeschäft angeschlossen wurde. Das nötige Baugrundstück erwarb er vom Arbeitgeber seines Vaters Mudra, dessen Familie an der Muskauer Straße, gleich gegenüber der Schänke Weißwasser, später Kino, eine Bauernwirtschaft mit entsprechendem Land herum bewirtschaftete. Sehr wahrscheinlich ist es auch, dass Gottlieb Wauro über eine Heirat in nahe verwandtschaftliche Beziehung zur Familie Mudra gelangte.
Oskar eröffnete im Jahr 1899 im Wohngeschäftshaus des Schleifermeisters Ottomar Conrad an der Bahnbrücke, eine Fleischerei mit Schlachthaus. Das Gebäude wurde ebenfalls, um 1880, auf einem Grundstücksteil der Bauernfamilie Mudra gebaut. Aber schon am 5. Januar 1903 ging das Fleisch- und Wurstwarengeschäft von Oskar Wauro an Fleischermeister Ernst Scholta über.

Flächen für Wohnungen
In den folgenden Jahren stellte die Familie Mudra weitere Grundflächen aus ihrem Besitz, östlich der Muskauer Straße, Interessenten zum Bau von Häusern zur Verfügung. Gottlieb Wauro übernahm die Bauplanung und lieferte auch das nötige Holz aus seinem Sägewerk. Ebenso wie Joseph Schweig, der hier gleichfalls ehemaliges Bauernland kostengünstig für seinen Bergbaubetrieb erwarb und somit Wauros Grundstücksnachbar wurde, sicherten sich beide, auf Grund der wirtschaftlich sensationellen Entwicklung in mitten des Waldes und den angrenzenden bäuerlichen Wiesen und Feldern, gute Gewinne.

Bürgerliche Kleinstadt
Zu Beginn der neunziger Jahre des vorletzten Jahrhunderts plante Baumeister Gottlieb Wauro die Anlage einer bürgerlichen Kleinstadt. Er teilte das Mudrasche Grundstück, östlich der Muskauer Straße bis zur nur wenige hundert Meter verlaufenden Grenze von Hermannsdorf, quer über den heutigen Marktplatz verlaufend, in Karrees ein, projektierte Straßenzüge und begann mit dem Bau einzelner mehrstöckiger Eckhäuser, um den Stadtcharakter zu markieren. 1893 ließ Wauro eine Villa an der Muskauer Straße, heut Stadtvilla, errichten, die er anschließend mit seiner Familie bewohnte. Zwei Jahre später projektierte und legte er eine von seinem Wohnhaus an der Muskauer Chaussee abzweigenden „Neuen Straße“ an. Wenig später benannte er sie nach seiner Ehefrau: Henriettestraße. Nach etwa einhundert Metern begrenzte eine Querstraße diesen Verlauf, es war die heutige Dr. Altmann-Straße, früher Kaiser Friedrich, oder nur Friedrich Straße genannt. In gleicher Manier entstanden die Schmiedestraße, die Marktstraße, heute Karl-Marx-Straße und die Klempnerstraße, später Schulstraße, heute Neubaukomplex. Anschließend bebaute er an den Kreuzungen Eckhäuser und im Jahr 1900 begann er mit dem Bau eines großstädtischen Wohngeschäftshauses, heut nicht mehr vorhanden, an der Neuen Straße (Henriettestraße), Ecke Kaiser Friedrich Straße. Entlang der Henriettestraße maß es 22 Meter und an der Friedrichstraße 19 Meter. Es enthielt zwei Ladengeschäfte, die an Händler verpachtet wurden. Sp&a uml;ter ging das Gebäude in den Besitz von Dr. Altmann über.
Für den Bau von Häusern benötigte Wauro Fensterglas, was er von außerhalb Weißwassers heranschaffen musste, denn im Ort wurde diese Glasart noch nicht hergestellt. Zu dieser Zeit waren Verhandlungen im Gange, die den Bau einer Fensterglashütte zum Inhalt hatten. Wenig später gründete Kaufmann Fritz Thormann, der wiederum den Brennstoff Braunkohle über seinen Bruder, den Obersteiger Carl Thormann bezog, mit Teilhaber Maschke und Baumeister Gottlieb Wauro, der das Grundstück beisteuerte, das „Lausitzer Tafelglashüttenwerk Thormann & Maschke“ an der heutigen Schmiedestraße gelegen. Warum sich gerade Gottlieb Wauro an Kaufmann Fritz Thormanns Fensterglaswerk beteiligte und warum gerade er sich mit der Herstellung dieses zuvor hier nicht beachteten Glasartikels befassen wollte, ist leicht erklärt. Fritz Thormanns Cousine, die Tochter seines Bruders Carl, war später verheiratet mit Martin Mudra, einem Sohn, der gleichnamigen, hier einst alles Land gehörenden Bauernfamilie. Die Leute waren eben schon viele Jahre gut befreundet.

Politisch aktiv
Am Bau der ersten Tafelglashütte in Weißwasser wird das führende Bauunternehmen im Ort, das Sägewerk G. Wauro, sicher großen Anteil genommen haben und am Bau der benachbarten Glashütte „Union“ , die von Martin Mudra gegründet wurde, ebenso. Gottlieb Wauro war als Inhaber eines der ersten Unternehmen in Weißwasser auch politisch aktiv.
Als Mitglied des Kreistages beantragte er am 30. November 1903, gemeinsam mit Glashüttenbetreiber Wilhelm Gelsdorf, die Verlegung des Kreissitzes von der Stadt Rothenburg nach Weißwasser. Als Begründung gaben beide unter anderem an: „. . . Weißwasser ist bei weitem der größte Ort des Kreises Rothenburg. Dazu kommt, dass Rothenburg ganz am Ende des Kreises liegt und mangels einer direkten Bahnverbindung sehr schwer zu erreichen ist, während andererseits Weißwasser ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt ist. Schon jetzt haben mehrere Behörden, wie das Königl. Bezirkskommando, das Königliche Hauptsteueramt, der Königliche Kreisarzt ihren Sitz außerhalb der Kreisstadt, was nicht der Fall sein würde, wenn dieselbe günstiger gelegen wäre . . .“ .

Pro und Kontra
Weißwasser war zwar günstiger gelegen, wies aber zu dieser Zeit noch zu wenig städtisches Ambiente auf. Das erkannten auch viele Weißwasseraner, als sie von dem Ansinnen der beiden Kommunalpolitiker hörten. Dieser Antrag, so vermuten die Weißwasser Gemeinderäte, wird auf dem Kreistag nur einen Heiterkeitserfolg erzielen, weil gewisse einflussreiche Persönlichkeiten ihre gesamte Geltung gegen die Verlegung des Kreissitzes kundtun werden. Auch wird die politische Gesinnung der Mehrzahl der Einwohner eine ablehnende Rolle spielen, vermuteten sie weiter. Aber, so waren sich Wauro und Gelsdorf einig, beantragen kann man es ja mal und dann werden wir sehen. Dabei blieb es dann aber auch.
An einer, zur damaligen Zeit durchaus nicht alltäglichen Aktion, die wie eine Expedition zur Erforschung der Erde im Ort bekannt wurde, beteiligte sich der Bauunternehmer Gottlieb Wauro. Mit seinen Freunden, den Fabrikbesitzern Carl Janke und Julius Müller sowie dem Superintendenten Friedrich Froboeß, alle aus Weißwasser, startete er im Jahr 1901 eine Reise durch die Länder Schweden und Norwegen. Die Reise fand unter den Weißwasseranern anschließend hohe Beachtung und es wurde viel darüber berichtet. Sicher hatte Gottlieb Wauro das Alter für ein Lebensende noch nicht erreicht, aber dennoch konnte er seine Pläne zur Weiterbebauung der heutigen Weißwasser City nicht fort führen. Im Frühjahr 1905 verstarb er. Mit seinen bauunternehmerischen Initiativen entstand die Henriettestraße, später Bismarckstraße und heute Straße der Glasmacher, im großs tädtischen Aussehen. Sie wurde zur geschäftsreichsten Straße Weißwassers, bis sie im April 1945 fast vollständig in Schutt und Asche versank. Neunzehn Einzelhandelsgeschäfte, eine Fleischerei, ein Gasthaus, ein Café, ein Friseur, eine Glasfabrik, eine Metallwarenfabrik, ein Zeitungsverlag, und nur zwei Wohnhäuser für Glasmacher zierten beide Seiten dieser Magistrale. Ebenso war das attraktive Rathaus mit seinem ersten Bau, dem Amtsgerichtsgebäude, an diesem Straßenzug zu finden.

Neben Henriette
Gottlieb Wauros Platz im Kreistag nahm nach seinem Tod kein geringerer als Joseph Schweig ein und auch sein Platz bei Witwe Henriette blieb nicht lange frei. Sein Freund Carl Janke war ebenfalls Witwer und wusste dadurch, wahrscheinlich richtig zu trösten. Noch im selben Jahr heirateten Carl und Henriette und lebten noch viele Jahre gemeinsam in der Villa an der Muskauer Straße. Das Sägewerk übernahm im Jahr 1907 August Scholta, möglicherweise ein Verwandter des Fleischermeisters Ernst Scholta, der den zwei Jahre zuvor verstorbenen Oskar Wauro ersetzte. Unter dem neuen Besitzer sollte das Unternehmen als „Dampfsägewerk und Holzhandlung Scholta & Co.“ eine höhere Dimension einnehmen. Da der Bauboom in Weißwasser längst abgeklungen war, blieb auch die Entwicklung der Firma bescheiden. Die neue Zeit brachte das Automobil mit. So entschied die Familie Scholta, das Sägewerk zu schließen und einige Werksgebäude an den Glasgroßhändler Alfred Langhammer sowie einen anderen Teil des Werksgrundstücks dem Grafen Arnim zu vergeben.
Weitere Betriebsräume, an der Muskauer Straßenseite gelegen, behielt Emil Scholta in seinem Besitz und eröffnete hier 1936 eine Auto-Reparaturwerkstatt mit dem Opel-Dienst. Schon im Jahr 1929 ließ Scholta hier zwei Leuna-Benzinzapfsäulen aufstellen und erkannte bald, dass die Zukunft beim Automobilwesen liegt.
Auch einige Autogaragen, Attribute der neuen Zeit, für betuchte Weißwasseraner entstanden hier.

Zeittafel 200 Mark für den Nachtwächter
Februar 1893. Die Gemeindevertretung lässt bei Grundstückseigentümern, die Anlieger von zentral gelegenen Wegen und Straßen sind, anfragen, ob Interesse am chausseemäßigen Ausbau besteht. Baumeister Gottlieb Wauro erklärt sich bereit, die Vermessung kostenlos ausführen.
19. Februar 1893. „Es wurde zur Wahl des Nachtwächters geschritten. Angenommen wurde Kreisel, dem 200 Mark im Jahr bewilligt werden. Dafür muss er aber Hermannsdorf mitbewachen. Das Wächterhaus wird bei Herrn Gottlieb Wauro an zentraler Stelle aufgestellt.“ (an der Einmündung Muskauer- in die Brunnenstraße).
17. Juli 1893. Die am 4. April des Jahres gewählte Friedhofskommission bestimmt den Viertelbauern August Matthika als Totengräber. Es wurde weiterhin „. . . bestimmt, dass er nicht eher ein Grab in Angriff nehmen darf, bis er vom Friedhofs-Cassierer Gottlieb Wauro eine Anweisung erhält.“
Nach 1945. Tischlermeister Schatte betreibt in den ehemaligen Werksgebäuden des Sägewerkes Scholta seine Möbelwerkstatt.
1950. Das Betriebsgelände der Firma Scholta wird zwangsversteigert. Das Kommunale Wirtschafts-Unternehmen der Stadt (KWU) erwirbt es.
1955 bis 1976. Der VEB Kraftverkehr Schwarze Pumpe, Stützpunkt Weißwasser unterhält auf dem Gesamtgelände seinen Betriebsstützpunkt. Viele Linienbusse werden auf dem Grundstück untergestellt und technisch gewartet.
1976. Der Neubaukomplex „Muskauer Straße“ entsteht an Stelle des ehemaligen Sägewerkes.