Die Ohren sind bei einigen Jugendlichen durchaus gespitzt: „Ich empfehle allen Jugendlichen: Nach der Schule erst einmal so weit wie möglich weg, harte Zeiten durchmachen und dann mit viel Wissen und Erfahrung in die Heimat zurückkommen.“ Auf wohlwollendes Nicken ist diese Meinung von Wulf Stibenz, Leiter des OB-Büros im Rathaus Weißwasser bei einigen Jugendlichen getroffen. Zwar ist nur eine handvoll zum ersten Gesprächsformat „Talkstube“ in Weißwasser erschienen – einige haben auch über das Netz der Diskussion beigewohnt –, aber es ist ein Anfang.

Demokratie, Meinungsbildung und Medienkompetenz stärken

Das jedenfalls finden Anne-Sophie Hußler und Robert Seidel, die das Format ins Leben gerufen haben. „Wir hätten uns klar mehr Gäste gewünscht, aber die Veranstaltung ist noch nicht etabliert und vielleicht sind einige auch wegen Corona nicht gekommen“, sagt Robert Seidel im Nachhinein. Ziel des mit EU-Mitteln geförderten Projektes „Medienstube“ ist es, „mit Jugendlichen zusammen zu arbeiten, zum Demokratieverständnis, der Meinungsbildung und der Medienkompetenz beizutragen“, erläutert Robert Seidel.

Seit Anfang des Jahres sind dafür drei „Stuben“ initiiert worden: Die „Medienstube“, in der die Medienkompetenz der Jugendlichen gestärkt werden soll. Die „Zockerstube“ soll sich mit Computer- und Handyspielen beschäftigen. Und die „Talkstube“ soll ein Gesprächsformat liefern, das sich, wie Robert Seidel erklärt, „mit lokalen Themen beschäftigt und mit Jugendlichen diskutiert werden soll“. Die Jugend nämlich habe derzeit keine „Plattform in Weißwasser, um sich ausdrücken zu können“. Genau das wollen beide Initiatoren des Projektes ändern.

Der Auftakt zu der einmal im Monat stattfindenden „Talkstube“ hat sich mit der Frage beschäftigt, wie lebenswert Weißwasser ist und was dafür spricht, in der Heimatstadt bleiben zu können. Zu der Debatte eingeladen sind neben besagten Wulf Stibenz auch Ernst Opitz, Schulsozialarbeiter an der Bruno-Bürgel-Oberschule, Elvira Slawinksi, Sängerin und letzte Betreiberin der Gaststätte im Volkshaus Weißwasser sowie Willi Ott.

Positives Bild von Weißwasser und dem Umland

Letzterer ist Schüler am Landau Gymnasium in Weißwasser, blickt auf die Stadt und das Umland längst „nicht negativ“. „Wir haben eine schöne Natur hier, es ist alles kompakt und mit dem Fahrrad schnell zu erreichen. Das mag ich.“ Auch er meint, dass es für Jugendliche „nicht allzu viel in der Stadt und der Umgebung gibt. Aber man merkt, dass sich etwas ändert“. Gerade im Soziokulturellem Zentrum in Weißwasser entstehe viel.

Trotzdem wird Willi Ott die Stadt verlassen (müssen). „Ich möchte Lehrer werden und dazu muss ich studieren“, erklärt er. Das aber kann er in Weißwasser nicht. Freilich, eine Hochschule nach Weißwasser bringen, das wird in den nächsten Jahren nichts. Schlimm sei das aber nicht: „Ich kann mir gut vorstellen, danach wieder zurückzukommen, weil es mir hier gefällt und meine Familie und meine Freunde hier sind“, sagt der Gymnasiast.

Blick über den Tellerrand ist zu empfehlen

Genau das ist es auch, was Wulf Stibenz umtreibt: „Wenn man mit Lebenserfahrung zurückkommt, kann man etwas aufbauen, Dinge besser bewerten und sich einbringen“, meint er. Dazu sei es eben unerlässlich, über den Tellerrand der eigenen Stadt oder Heimat zu schauen. „Auch ein Auslandsaufenthalt ist zu empfehlen“, hakt Ernst Opitz ein.

Von der Kehrseite der Medaille berichtet Elvira Slawinski, deren Kind der Liebe wegen in der Ferne geblieben ist, dort inzwischen Haus und Hof hat. „Meine Enkel habe ich leider nicht aufwachsen gesehen. Und ich kenne viele in meinem Alter, denen das so geht. Das ist schon schade“, bekennt sie.

Weißwasser ein teures Pflaster?

Willi Ott erzählt, dass Freunde von ihm Feten in einem Jugendclub organisieren würden. „Die sind in Halbendorf fündig geworden. Es kommen Leute aus Krauschwitz, Sagar oder Weißwasser zu den Feiern. In Weißwasser ist ein solches Angebot einfach zu teuer“, berichtet Willi Ott von den Erfahrungen. Er wünschte sich, dass etwa das SKZ für einen schmalen Taler Räume zur Verfügung stellen würde.

Youtube Lebenswertes Weißwasser - Interviews

Wulf Stibenz möchte das nicht so ganz stehen lassen. „Es gibt sehr viele Angebote in der Stadt“, bekräftigt er und fügt an: „Meine Beobachtung ist, dass die Angebote aber so stark institutionalisiert sind, dass Jugendliche möglicherweise verlernen, selbst etwas auf die Beine zu stellen.“ Es gehöre eben dazu, Sponsoren zu gewinnen, Förderanträge zu schreiben und „sich zu kümmern.“ Stibenz wünscht sich, „dass die Jugend anerkennt, was es alles für Möglichkeiten in und um Weißwasser gibt. Ihr solltet euch ausprobieren, und das auch durchaus egoistisch“, sagt er.

Und wie sehen die Jugendlichen ihre Zukunft in Weißwasser? Ernst Opitz, der täglich mit Heranwachsenden zu tun hat, räumt ein: „Man kommt bei der Arbeit zu meist nicht dahin, über die Ziele in der Zukunft zu diskutieren. Oft geht es darum, den Alltag zu bewältigen.“ Dennoch habe Opitz den Eindruck, dass „sich die Jugend durchaus artikulieren möchte. Etwa die ökologische Zukunft des Planeten beschäftige viele.