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| 21:14 Uhr

Porträt eines Landrates im Unruhestand
Der Kreissitz ist Ironie der Geschichte

 Im Jahr 2016 haben Erich Schulze (r.) und Historiker Jan Bergmann die neuen Daubitzer Zeittafel präsentiert. Schulze hat sich bereits seit jahrzehnten der Heimatgeschichte verschrieben.
Im Jahr 2016 haben Erich Schulze (r.) und Historiker Jan Bergmann die neuen Daubitzer Zeittafel präsentiert. Schulze hat sich bereits seit jahrzehnten der Heimatgeschichte verschrieben. FOTO: Torsten Richter-Zippack
Daubitz. Von 1990 bis 2001 hat der Daubitzer Erich Schulze die Geschicke des Landkreises Weißwasser und des späteren Niederschlesischen Oberlausitzkreises geführt. Heute möchte der 69-Jährige indes kein Landrat mehr sein. Von Torsten Richter-Zippack

Gut 2100 Quadratkilometer misst der Landkreis Görlitz. Rund 90 Kilometer sind es von der nördlichsten Stelle bei Köbeln bis zum Südpol unweit Lückendorf im Zittauer Gebirge. „Dieses Gebilde ist viel zu groß“, urteilt Erich Schulze. „Solch ein Gebiet ist heute kaum mehr zu beackern. Da möchte ich kein Landrat sein.“ Als Schulze in den Jahren von 1994 bis 2001 den Niederschlesischen Oberlausitzkreis regierte, war er für 1340 Quadratkilometer zuständig, 60 Kilometer von Görlitz bis Bad Muskau. Und während seiner Weißwasseraner Landratszeit hatte der Daubitzer „nur“ 425 Quadratkilometer zu verwalten. Für die 30 Kilometer von Schleife bis Rietschen brauchte Erich Schulze rund eine halbe Stunde. Im heutigen Landkreis Görlitz sei man von Nord nach Süden über zwei Stunden auf Achse.

„Meine Zeit als Landrat: Die war wunderbar“, resümiert der heute 79-Jährige, der als studierter Physiker zunächst im Wissenschaftlich-Technischen Betrieb Bad Muskau Trinkgläser auf deren Festigkeit testete. „Mit meinen Mitarbeitern im Landratsamt konnte ich eine Menge bewegen.“ Dazu gehörten unter anderem Projekte der Infrastruktur, der Bildung und vieles andere mehr. Eines hingegen ist dem Daubitzer nicht gelungen. „Nämlich den Kreissitz des NOL-Kreises nach Weißwasser zu holen.“ Den schnappten sich die Görlitzer, obwohl der Ort damals Stadtkreis war. „Immerhin hat es im Jahr 1996 geklappt, die Kreisverwaltung nach Niesky zu holen“, sagt Erich Schulze. In diesem Atemzug seien die Weißwasseraner über ihren eigenen Schatten gesprungen und stimmten für die Zinsendorfstadt. Dass heute erneut Görlitz den Kreissitz inne hat, sei eine Ironie der Geschichte. „Wenigstens befindet sich die Stadt heute innerhalb des Landkreises“, sagt Schulze.

Als im Zuge der deutschen Einheit Landräte gesucht wurden, wusste der Daubitzer mit dieser Funktion nichts anzufangen. „Landrat? Was ist denn das?“, fragte sich der Politiker damals. Letztlich habe ihn der damalige Daubitzer Pfarrer Hennerjürgen Havenstein (1931-2001), einem der Wegbereiter der friedlichen Revolution im Kreis Weißwasser, gefragt, ob Schulze dieses Amt in der Glasmacherstadt nicht übernehmen wolle. Schließlich engagierte sich der Physiker bereits seit dem Jahr 1989 im Neuen Forum, einer regierungskritischen Plattform der späten DDR. Dieses Bürgerbewegung zählte damals im Kreis Weißwasser über 2000 Mitglieder. Bereits der Großvater von Erich Schulze war politisch sehr interessiert. „Er hatte sich im Jahr 1955 ein UKW-Radio gekauft, mit dem er alle Berliner Sender empfangen konnte“, erinnert sich der Enkel. Und Erich Schulzes Schulzeit begann anno 1956 bereits turbulent, nämlich mit dem Ungarn-Aufstand. Dieser und zwölf Jahre später der Prager Frühling haben ihn sehr geprägt. „Dann war mir klar, dass sich bei uns nur etwas Grundlegendes ändern würde, wenn dieser Prozess in Sibirien beginnt.“ Ohnehin interessierte den Daubitzer schon immer, was in den Nachbarländern Polen und der Tschechoslowakei so passierte. Doch das Reisen war für DDR-Bürger selbst in die sozialistischen „Bruderstaaten“ nicht so einfach. So galt beispielsweise bis zum Jahr 1972 eine Einladung für einen Besuch in Polen als Voraussetzung. „Ich hatte keine, habe mir aber aus einer Jugendzeitschrift eine Adresse ausgeschnitten und mich auf Englisch selbst eingeladen. Und es klappte: In Görlitz ging es zu Fuß über die Grenze, anschließend per Bahn weiter nach Breslau, Schweidnitz und Waldenburg.“ Später lernte Schulze Polnisch. „Das hat mir nach 1990 Türen geöffnet“, resümiert der Ex-Landrat. Bereits im Herbst 1991 wurde beispielsweise die Patenschaft mit der Weißwasseraner Nachbarregion Sorau/Zary begründet.

Schulze bezeichnet sich schon immer als kritischen Geist. „Ich wurde beispielsweise nie angesprochen, ob ich nicht in der SED mitmachen wollte. Stattdessen gehörte mein Engagement stets der Kirche.“ Kein Wunder, waren bereits Schulzens Eltern, Vater Zimmermann und Mutter Landwirtin, Mitglieder der evangelischen Kirche. „Letztlich hat mich auch Pfarrer Havenstein stark geprägt. Er kümmerte sich außerordentlich um unsere Gemeinde“, erinnert sich Erich Schulze.

Darüber hinaus forscht der Daubitzer in der heimatlichen Geschichte. Im Gewandhaus am Markt gibt eine Dauerausstellung des Heimatvereins, dessen Vorsitzender Erich Schulze ist, spannende Einblicke in die über 650-jährige Geschichte. Eine der bislang interessantesten Erkenntnisse: „Unser Daubitz ist älter als das größere Rietschen, auch wenn es nur 20 Jahre sind.“