Warum tun wir das“ Ein verdorbenes Essen wird durch das Beten nicht genießbar und ein vergiftetes Essen wird durch das Beten nicht unschädlich.
Einer hat mal gesagt: „Die meisten Gebete laufen auf die Veränderung der Naturgesetze hinaus.“ Das zeigt ein witziges Kindergebet: „Lieber Gott, mach, dass die Vitamine im Kuchen sind und nicht im Spinat.“ So hätte ich als Kind auch beten können. Von einem alten Mitglied meiner Kirchengemeinde lernte ich einmal dieses Tischgebet kennen: „Gott und Vater, wir danken dir für die Gabe, die du uns reichst. Wir nehmen sie aus deiner Hand und bitten um deinen Segen.“ Das ist etwas anderes als die Bitte um Veränderung der Naturgesetze. Wer so betet, nimmt es nicht als selbstverständlich hin, so am gedeckten Tisch sitzen zu können. Er erinnert sich an die Not, in der so überaus viele Menschen stecken, die nicht ausreichend zu Essen bekommen. Er wird Gott dankbar für das, was er hat und er erkennt seine Pflicht, sich um die nach besten Kräften zu sorgen, die zu verhungern drohen. Das hat etwas mit Segen zu tun, dass wir alles aus Gottes Hand nehmen und unsere Verantwortung erkennen für die, die nicht an unserem Reichtum teilnehmen können. Beten: Seinen Dank und seine Sorgen vor Gott bringen und sich von Gott die Augen öffnen lassen für die, die mich brauchen. Es stimmt schon: Not lehrt beten. Ich kenne aber auch Menschen, die in der Not das Beten verlernt haben. Das gibt es also auch. Ich muss das respektieren.
Ich weiß auch um Gebetsmissbrauch. So fühle ich mich gar nicht wohl, wenn ich daran denke, was Präsident Bush, der jede Kabinettssitzung mit einem gemeinsamen Gebet beginnt, gebetet haben mag, als er den Irak-Krieg plante. Ich kann ihm nicht ins Herz sehen und muss daher vorsichtig mit meinem Urteil sein. Aber mein ungutes Gefühl kann ich nicht verbergen.
Wir haben in unserer Gemeinde während des Irak-Krieges täglich 19 Uhr in der Kirche gebetet. Als ein Gemeindeglied dieses tägliche Gebet vorschlug, war ich skeptisch. Wer wird schon jeden Tag kommen und wer weiß, wie lange der Krieg dauern wird„ Ich hätte den Montag zum wöchentlichen Friedensgebetstag ernannt und auch 19 Uhr zum Gebet eingeladen. Ich bin aber eines anderen belehrt worden: Jeden Abend kam eine größere Zahl von Menschen zum Gebet um Frieden zusammen. Einige sind gar keine Kirchenmitglieder, und doch beteten sie. Nein, Naturgesetze stülpt Gott nicht um, aber Herzen der Menschen kann er verändern, harte Herzen kann er weich machen. Das war das Anliegen der Gebete. Ich will nicht behaupten, Gott habe unsere Gebete erhört. Wie kann ich das, angesichts der immer noch viel zu vielen Toten dieses Krieges“ Wir beteten um Frieden, lieber heute noch als morgen. Waren unsere Gebete umsonst„ Wir mü ssten die Iraker fragen können. Ob sie nicht dankbar sind, dass es hier in Deutschland Menschen gab, die ihre Not vor Gott brachten, Menschen, die Mitgefühl zeigten, die feinfühlig blieben, wo Gewalt und Rohheit zu siegen drohten“
Wer sagt denn, dass es nichts bringt, wenn Menschen leidende Menschen, denen sie ihr Leid nicht abnehmen können, im Herzen behalten und vor Gott bringen. Ich glaube: Mitleid ist nicht sinnlos. Gebete sind nicht sinnlos. Im Gebet bleibt der Mensch wach und wahrnehmungsfähig für das, was Gott will. Jemand hat mal gesagt: „Wir beten nicht, um Gott zu orientieren, sondern um von ihm orientiert zu werden.“
Dietrich Bonhoeffer, den die Nazis wegen seines Widerstandes umgebracht haben, hat gesagt: „Gott erfüllt nicht alle unsere Wünsche, aber er steht zu allen seinen Verheißungen.“

* Der Autor dieses Beitrages
ist Pfarrer in Kreba-Neudorf