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Das Waldhaus am Braunsteich

Weißwasser.. In Verbindung mit heimischen Fichten- und Kiefernbeständen sowie einer früheren Moorlandschaft stellt der Wald westlich des Braunsteichs ein ideales Reservat für Rotwild dar. Die Vegetationsstruktur weist Parallelen zum wenige Kilometer entfernten Urwald am Jagdschloss auf. Der Kartograph Schreiber bezeichnete das Gebiet erstmals im Jahr 1759 als „Thier Garthen“ . Von Lutz Stucka

Noch heute findet man neben dem natürlichen Vorkommen der Lausitzer Tieflandfichte vereinzelt verschiedene Eichenarten, Tannen und Weymouthskiefern. Dieses Tal, was sich beiderseits des Rotwassergrabens vom Braunsteich bis nach Keula erstreckt, wurde vom Heimatforscher Pohl als „. . . eine Waldlandschaft voll Anmut und düsterer Schönheit. . .“ beschrieben. So ließ am Rand dieses anmutigenden Waldes im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts Graf Arnim, Besitzer der Standesherrschaft Muskau, am Ufer des idyllisch gelegenen Braunsteichs eine Jagdhütte errichten. Aufgrund der intensiveren weidmännischen Nutzung des Gebietes um das Jagdschloss und nach der Einzäunung des Großen Gatters am Südhang des Schweren Berges verlor der Keulaer Tiergarten seine Bedeutung als Jagdeldorado. Arnims wirtschaftlichem Unternehmergeist kam es daher sehr gelegen, dass seine Jagdhütte am Braunsteich eine Weiternutzung erfahren sollte, wobei auch noch Pachteinnahmen zu erwarten waren.
Der 1895 gegründete Handwerkerverein Weißwasser war auf der Suche nach geeigneten Möglichkeiten zur Erholung und Freizeitgestaltung seiner Mitglieder. Das ungenutzte Jagdhaus des Grafen aus Muskau bot eine günstige Gelegenheit. 1898/99 pachtete der Verein das Terrain am Ostufer des Braunsteichs und nutzte das Waldhaus als Vereinsunterkunft. Der altehrwürdige Braunsteichdamm mit seinen viele hundert Jahre alten Eichen gab dieser Gegend einen besonderen Reiz. Von nun an herrschte hier, besonders an den Wochenenden, reges Treiben. Der Pächter des inzwischen zur Restauration gestalteten Waldhauses, Max Henk, erfreute sich riesigen Zuspruchs. Wassersport begeisterte Mitglieder des Handwerkervereins errichteten am Ufer vor dem Waldhaus eine Anlegestelle für Ruderboote. Mit selbst gefertigten Kähnen erkundeten sie den idyllisch gelegenen Braunsteich.
Eine Werbeanzeige lud in einem überregionalen Reiseführer zur Wanderung durch den Keulaer Tiergarten ein. „Vom Weißwasseraner Bahnhof führt der Weg entlang bis zur Muskauer Chaussee. Auf dieser ein Stück weiter bis zur Hebestelle (eine Bergbaukettenbahn wurde hier angehoben und führte über die Straße hinweg und weiter entlang der heutigen Waldhausstraße - der Verf.). Hier zweigt an einem Wegweiser ein Fahrweg nach rechts durch einen niedrigen Nadelwald über die Muskauer Bahnlinie, bald darauf zum Brauns teich und zum Restaurant Waldhaus im schönen Keulaer Tiergarten ab. Der Weg biegt links um, geht lange durch prächtigen Tannenwald und kommt außerhalb desselben schließlich an einer Schneidemühle vorbei in Keula.“ Das Waldhaus wurde nicht nur von Weißwasseranern aufgesucht, auch viele Leute aus den umliegenden Ortschaften trafen hier ein, und manche blieben auch über Nacht. Ein Pferdestall für die Zugtiere der Kutschen entstand hinter dem Gast- und Vereinshaus im September 1901. Auch ein Toilettenhäuschen kam hinzu.
Der Zuspruch dieses Ausflugsziel war von Beginn an riesig. In den Sommermonaten wurde der Platz für die vielen Gäste knapp. Der Pächter entschied darauf hin, an der Nordseite des Waldhauses im März 1902 eine hölzerne Kolonnade aufzustellen. Daran befand sich ein offener Pavillon, in welchem Gäste Platz nehmen konnten und neben der gastwirtschaftlicher Betreuung die Reize des uralten Waldes und die angrenzende Wasserfläche des Braunsteichs direkt auf sich einwirken lassen. Ein paar Jahre später, so um 1906, hatte der Gastwirt einen kleinen Raddampfer beschafft. Eine Werbeschrift aus jener Zeit bezeichnete das Waldhaus als „. . . schönsten Ausflugsort der Umgebung. Mit Terrasse unter gewaltigen Eichen, bei Gondel- und Dampferfahrt und reichhaltigem Angebot an Bier, Wein und Speisen kann der Stadtmensch es sich wohl ergehen lassen.“ Das Naherholungsgebiet Braunsteich wurde ab 1909 weiter ausgebaut. Die Menschen in der nahen Glasmachermetropole Weißwasser drängte es förmlich nach getaner Arbeit aus den düsteren Glashütten in die freie Natur. Der Schwimmklub „Neptun“ wurde gegründet. Es entstanden am Braunsteichdamm zwei separate Badeanstalten, eine für Männer und eine für Frauen. Schwimmtrainer war Walter Höregott, und dessen Bruder August bewirtschaftete das Restaurant Waldhaus. Aber damit nicht genug, am 14. März 1921 erfolgte die Gründung des Verein für Gesundheitspflege und Naturheilwissenschaften e. V. Weißwasser. Es wurde vom Grafen Arnim weiteres Land am Nordufer des Braunsteichs gepachtet und das Naturheilbad, das spätere Kinderferienlager „Philipp Müller“ errichtet. Hier entstand in den Folgejahren eine Anlage von etwa 100 Lauben und Wochenendhäusern. Ein Sonnenbadestrand, eine Liegehalle, die Strandbaude und auch ein weiteres Schwimmbad rundeten das Bild ab. Während einer Werbeaktion aus den dreißiger Jahren wurde berichtet: „Am idyllisch gelegenen Braunsteich mit Badestrand, Liegeterrassen und Spielplatz mit Turn- und Sportgeräten, ebenso Bootsfahrten und Gastwirtschaftsbetrieb in der Strandbaude können sich Vereinsmitglieder und deren Besucher bestens erholen.“ Jährlich bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurden hier das Sommernachtsfest und die „Italienische Nacht“ gefeiert. Der Gaststättenbetrieb im Waldhaus wurde in den zwanziger Jahren zugunsten der benachbarten Strandbaude eingestellt. Im Jahr 1930 begann der Schwimmtrainer Walter Höregott mit großer Initiative und an vergangene Zeiten anknüpfend, das Gasthaus wieder zu betreiben. Es entstand eine Freitanzfläche, die wieder zahlreiches Publikum anlockte. Sechs Jahre später am 17. März stand das Waldhaus lichterloh in Flammen. Gastwirt Höregott hatte persönliche Probleme, entstanden durch eine unglückliche Liaison mit einer Kellnerin und beging Selbstmord. Er erhängte sich am Dachstuhl des Gebäudes, nachdem er das Haus in Brand gesteckt hatte. Ein Zeitzeuge berichtete Folgendes : „Ich habe als Maurerpolier bei der Baufirma Wilhelm Knödel gearbeitet und das Waldhaus im Auftrag des Grafen Arnim wieder neu aufgebaut. Der letzte Pächter Walter Höregott war Junggeselle und litt an Depressionen. Er beschloss, seinem Leben ein Ende zu setzen. Er band sich einen Strohballen auf den Rücken und steckte diesen sowie das Waldhaus in Brand.“ Ein Polizeibeamter berichtete dazu : „Es stellte sich heraus, dass es Brandstiftung war, um eine Straftat zu vertuschen. Wir fanden auf dem Dachboden den Gastwirt Höregott stranguliert vor und seine Geldkassette war erbrochen und geplündert. Es kann aber auch Raubmord gewesen sein. Die hiesigen Kriminalbeamten kamen zu keinem endgültigen Ergebnis. Auch die zur Verstärkung herbeigerufene Berliner Kriminalpolizei konnte an diesem Ergebnis bis heute nichts ändern.“ Graf Arnim als Eigentümer ließ das Waldhaus wieder aufbauen. Der Architekt war Mitglied der Reichskammer der bildenden Künste in Berlin und die bauausführende Firma das Baugeschäft Wilhelm Knöfel aus Weißwasser. Am 1. November 1937 konnte das neue Haus fertig gestellt werden. Im darauf folgenden Sommer begann die neue Vereinshaus-Pächterfamilie Ryder mit dem Restaurationsbetrieb. In der Waldgaststätte Waldhaus mit Fremdenzimmern genossen die Gäste „. . . im ganzen Jahr die sehr beliebten Tanzabende sowie im Winter regelmäßig stattfindende Theatervorstellungen.“ Pferdekutschen waren jetzt nicht mehr. Mit Kraftwagen fuhr man vor. Im Frühjahr 1939 legten Mitglieder der Technischen Nothilfe, Ortsgruppe Weißwasser, einen Autoparkplatz am Waldhaus an. Zur Verbesserung der Zufahrt besonders mit Kraftwagen war bis dahin im Rahmen umfangreicher Baumaßnahmen der nationalsozialistischen Siedlerbewegung der Promenadenweg am Westufer des Braunsteichs zum Waldhaus und weiter durch den alten Tiergarten nach Keula angelegt worden.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Haus aus dem enteigneten Besitz des Grafen Arnim in die Hand der Stadtverwaltung Weißwasser gegeben. Diese stellte einen Gastwirt ein und eröffnete am 25. Dezember 1952 das Waldhaus als HO-Tanzgaststätte. Der Gastwirtsbetrieb im Angestelltenverhältnis hatte zur Folge, dass sehr oft die Betreiber wechselten. Erster Betreiber des Restaurants war die Familie Passeck. Drei Jahre später wurde sie für zehn Jahre von Bruno Zeidler abgelöst, als Horst Richter neuer Waldhauswirt wird. Schon nach einem Jahr übernahm dieser die Leitung des Kulturhauses in Weißwasser und übergab die Waldhausgaststätte an Helmut Schmidt. Der zu dieser Zeit im Waldhaus beschäftigte Kellner Stöcker wurde Schmidts Nachfolger. Nicht viel Zeit verging und der neue Wirt hieß Werner, ein ehemaliger Beschäftigter des Porzellanwerkes Weißwasser. Mitte der achtziger Jahre bewirtschaftete Hagen Weise das Haus, was er bald an Gastwirt Schulz übergab. Schließlich folgte ihm die heutige Gastwirtsfamilie Valentin, die nach der politischen Wende das Haus k& auml;uflich erwerben konnte.

Zeittafel Fischen, Maifeiern und mehr
18. Oktober 1903. Ein großes Fischen im Braunsteich veranstaltet der Gastwirt des Waldhauses Henck.
Mai 1905. Erstmals wird von einigen hundert Arbeitern in Weißwasser die Maifeier begangen. Ein Einwohner erinnert sich: „An diesem Tag wagten es die 80 Holzarbeiter der beiden Muskauer Tischlereien, den Maifeiertag durch Arbeitsruhe zu begehen. Früh 6 Uhr zogen sie mit Frauen und Kindern zu einem Spaziergang nach dem Braunsteich durch die Straßen der Stadt. Staunend standen die Leute an den Fenstern; das war unerhört! Selbst Gendarm Hase kam zwei Stunden später auf seinem Schimmel zum Braunsteich nachgeritten, um uns zu überwachen.“
1929. Fünf Jugendliche beginnen auf dem Braunsteich mit selbst gebauter Ausrüstung erstmals Eishockey zu spielen. Dieses Ereignis wird zum Ausgangspunkt des traditionsreichen Eissports in Weißwasser.
15. Dezember 1932. Der Verein Eishockey Weißwasser wird im Keglerheim an der Gartenstraße gegründet. Eissportstätte ist im Winter natürlich der Braunsteich.
1934. Am Braunsteich wird ein bronzezeitliches Gräberfeld der Illyrer festgestellt. Bereits 1891 wurde an der Halbendorfer Stadtgrenze ein ebensolches Grab gefunden. 1936/38 werden an der Gablenzer Stadtgrenze bei der Grünen Fichte das erste gut erhaltene Steinplattengrab der Oberlausitz und ein germanisches Grab am Trebendorfer Weg auf dem Grundstück der Familie Werlisch entdeckt. Erneut können Urnenfunde 1952 am Brauns teich verzeichnet werden.
Sommer 1951. Aus dem während des Krieges notdürftig und provisorisch eingerichteten Lager der Aktion Kinderlandverschickung (KLV) wird das Pionierlager Zeltlager der Freundschaft auf Initiative der VVB Ostglas und der Hauptverwaltung der VVB Glas/Keramik Berlin gestaltet.