ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 01:09 Uhr

Das schwärzeste Kapitel der Stadt

Weißwasser.. Vor 60 Jahren endete das schwärzeste Kapitel in Weißwassers Geschichte, die Zeit des Nationalsozialismus. So, wie es mit viel Getöse begann, endete es auch mit mächtigen Detonationen der Kriegswaffen. Weißwasser befand sich in diesen letzten Tagen mittendrin im teuflischen Inferno. Von Lutz Stucka

Nach der Machtübernahme des nationalsozialistischen Regimes wurden die Ämter des Magistrats und des Stadtparlaments von Weißwasser vollständig mit Hitler-Sympathisanten besetzt. Der sozialdemokratische Bürgermeister Lange musste trotz seiner hervorragenden kommunal-politischen Fähigkeiten gehen. Die Lehrerschaft, besonders aber die Schulleiter, wurden angehalten, sich der neuen nationalsozialistischen Bewegung zu nähern. Für einige, so auch für Rektor Heinrich Küllmann, ein großer Schritt empor der Karriereleiter. Besonders Leute aus der Mittelschicht erwarteten von dieser Bewegung persönliches Fortkommen und eine neue Zukunft. Auch musste der eine oder andere erwerbslosen Arbeiter hinzugezählt werden, der hier einen Ausweg aus seiner Notlage zu sehen glaubte.

Mehrheitliche Ablehnung
Für die übergroße Mehrheit der Weißwasseraner, die auch keine politisch relevanten Ämter bekleideten, hatte die neue Bewegung untergeordnete Bedeutung. Sie wurde sogar mehrheitlich abgelehnt. Die wirtschaftlichen Führer der großen Weißwasser Glaskonzerne hatten ihren Sitz in Berlin, nur wenige lebten hier in der Industriemetropole. Die Schicht der besseren Beamten und Angestellten, die in der Stadt lebten, war dünn. Sie hatten ihren Wohnsitz nur widerwillig hier, denn in dem gräulichen Weißwasser, wie Prof. Wilhelm Wagenfeld bemerkte, konnte man nur berufsbedingt leben. Den überwiegenden Teil der sozialen Struktur bildeten kleinere Gewerbetreibende und Handwerker sowie 80 Prozent Arbeiter. So ist auch nicht sonderbar, dass die politischen Sympathien zu 40 Prozent den Sozialdemokraten und jeweils zu 30 Prozent den Bürgerlichen und Kommunisten galten. Die Nazis hatten in Weißwasser keinen nennenswerten Rückhalt. Im Gegenteil, die vielen aktiven Gegner brachten der Stadt bald das Synonym „Rote Hochburg“ ein. Ihr Zulauf aus den Reihen des Kleinbürgertums und der Arbeiterschaft kann auch nicht sonderlich groß gewesen sein, denn von sozialem Elend, wie es in Großstädten durch die Weltwirtschaftskrise bestand, gab es hier durch die hervorragende Stellung der Glasindustrie sehr wenig. Zu offenen Konfrontationen auf politischer Ebene kam es in den dreißiger Jahren vergleichsweise eher selten, denn die konträren politischen Richtungen waren recht unausgewogen. Jedem nationalsozialistischen Anhänger standen etwa zweieinhalb dagegen. Den Großunternehmern der Glasindustrie war ein politischer Frieden in Weißwasser sehr wichtig, denn dieser Industriezweig befand sich zurzeit auf dem Weg aus einer schweren wirtschaftlichen Krise und brauchte keinen zermürbenden Machtkampf der Arbeiter untereinander. Gänzlich vermeiden ließen sich die Auseinandersetzungen allerdings nicht. Die ersten politischen Unruhen ents tanden, als die Nazis die Auflösung und Zusammenführung der zahlreichen Vereine im Ort durchzusetzen begannen. Auf Anweisung des Reichssportführers erfolgte die völlige Auflösung aller Sportvereine im Ort. Am 16. Dezember 1933 wurde der Zusammenschluss der sieben Arbeiter- und bürgerlichen Sportvereine zum Turn- und Sport-Verein Weißwasser (TSV) durch Turnvater Paul Klinke eingeleitet.

Von der SA beschlagnahmt
Die Durchführung dieser Order dauerte aber den neuen Machthabern zu lange, so dass eines Tages SA-Truppen anrückten, die Geräte des Rotsportvereins und des Männerturnvereins (MTV) sowie die Ausrüstung im Arbeiterschwimmbad in Beschlag nahmen, aber auch die Instrumente des Tambourkorps wurden von ihnen konfisziert. Die Nazis versuchten die Spielleute des MTV für ihre Reihen zu gewinnen, was ihnen aber nicht gelang. Daraufhin ließ der Ortsgruppen-Leiter der NSDAP, Bernhard, das Turnerheim schließen. Lediglich die Turnhalle blieb weiterhin für den Schulsport geöffnet.
Im Jahr darauf, am 1. April, wurde der leidenschaftliche Nationalsozialist Dr. Gerhard Weyh als neuer Gemeindeschulze (Bürgermeister), eingesetzt. Aber auch er musste schon am 13. August wieder seinen Hut nehmen, denn er war der Aufgabe nicht gewachsen. Die Neuregelung des Gemeindeverfassungsgesetzes am 15. Dezember 1933 ermöglichte die Neubeantragung der Verleihung der Stadtrechte für Weißwasser, deren Anträge zuvor mehrmals abgelehnt wurden. Aber erst die am 1. April 1935 in Kraft getretene neue deutsche Gemeindeordnung ermöglichte es, den lang ersehnten Wunsch zu erfüllen.

Stadtrecht
Am 5. September 1935 teilte der Landrat der Gemeinde Weißwasser fernmündlich mit, dass sie vom Oberpräsidenten durch Verfügung vom 28. August 1935 zur Stadt ernannt wurde. Die Verleihungsurkunde erhielt die Stadt am 6. September 1935 sehr unspektakulär per Boten überreicht. Der einige Monate bürgermeisterlose Ort erhielt am 15. Dezember ein neues Stadtoberhaupt. Es war Dipl. rer. pol. Karl Wenderoth, der das Amt bis zu seiner Flucht nach Süddeutschland am Ende des Krieges behielt. Besonders positiv gestaltete sich die von staatlicher Seite über gesellschaftliche Kräfte geförderte Kleinsiedlerbewegung, die übereinstimmend mit den Ansichten des Diktators, Schaffung von sozial verträglichem Umfeld bei gleichzeitiger Forderung hoher Arbeitsleistungen, bedeutend für die Wahrung des inneren Friedens war. In den Jahren 1933 bis 1937 entstand eine Siedlung an der Paul- und Helmuthstraße, heute Richard-Wagner- und Robert-Koch-Straße. Auch die Häuser an der heutigen Waldhausstraße, die ehemalige SA-Siedlung, wurde im Rahmen der Kleinsiedlerbewegung in dieser Zeit erbaut. Es entstanden auch eben solche Wohnhäuser in der Teichgeländesiedlung, am Anger und am Schulacker. 1936 begannen Mitglieder der Nationalsozialistischen Krie gsopferhilfe ihre Wohnhäuser am Südrand der Stadt zu bauen. So entstand hier auch der nach dem deutschen Heimatdichter Hermann Löns benannte Lönshof. Die rege Bautätigkeit endete 1937/38 mit der Errichtung der Wohnhäuser in der Südstadtsiedlung der Siedlergemeinschaft „Schlesische Heimstätte“ an der Schiller-, Luther- und Brunnenstraße sowie am Eichendorffweg. Damit erhielt die Stadt insgesamt einen Zuwachs von 108 Wohngebäuden und 44 Kleinsiedlungen.
Im Jahr 1936 war die Einrichtung einer Luftwaffen-Hauptmunitionsanstalt in der Stadt geplant, die aber schließlich westlich von Schleife an der Straße nach Graustein im Wald angelegt wurde, heute Wohnsiedlung und Schule.

KdF-Dienststelle
Als Ersatz dafür erhielt die Stadt die Kreisverwaltung der Deutschen Arbeitsfront, die Kreisdienststelle der Nationalsozialistischen Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ (KdF) und der Kreishandwerksmeister im Ort seinen Dienstsitz. Im selben Jahr wurde Professor Ernst Neufert (1900 bis 1986), bedeutendster Bauhaus- und Musterarchitekt des Deutschen Reiches, in Weißwasser tätig. Er projektierte für den Konzern Vereinigte Lausitzer Glaswerke das sechsgeschossige Lagerhaus an der Schmiedestraße und das einzige Wohnhaus im Bauhausstil der Stadt für den technischen Direktor dieses Konzerns, Dr. Bruno Kindt, in der Arnimpromenade, heutige Rosa- Luxemburg-Straße 10. Neuferts Einfluss wurde noch einmal während des Krieges in der Stadt bemerkbar. Für bombengeschädigte Flüchtlinge einiger deutscher Großstädte errichtete die Kommune an der verlängerten Heinrich-Heine-Straße hölzerne Behelfsbauten aus seiner Architekturwerkstatt.

Unterdrückung der Sorben
Der Geltungsdrang der Nationalsozialisten auf die Bewohner der Stadt nahm zu. Als Inhaber der entscheidendsten politischen Ämter versuchten sie knallhart, die nationalsozialistische Idee publik zu machen. Ein besonderer Höhepunkt im kulturellen Leben der Stadt sollte am 3. Oktober 1938 stattfinden. Im Haus der „Deutschen Arbeit“ (Volkshaus) an der Görlitzer Straße gastierte das Orchester des Führers zu einem großen Konzertabend. Ein wichtiger Schritt bei der Arisierung der Bevölkerung war die Unterdrückung der sorbischen Wurzeln vieler noch in Weißwasser lebenden Urfamilien dieser Minderheit. Alle öffentlichen Bezeichnungen slawischen Ursprungs wurden aus dem Sprachgebrauch verbannt. Neben der Umbenennung einiger Ortschaften der Umgebung, zum Beispiel Tzschelln wurde zu Nelkenberg und Krauschwitz zu Rudolfhütte, erfolgte auch die Neubenennung des Weißwasser Ortsgebietes Qualisch in Teichgebiet und der Qualischweg hieß künftig Teichstraße. Auch wurde der Name des jüdischen Großunternehmers in Weißwasser Joseph Schweig getilgt. Die Bezeichnung Schweig straße änderten sie in Richard-Seelinger-Straße und die Josefstraße in Osramstraße. Eine derart intensive Judenverfolgung, wie sie leider aus anderen Gegenden bekannt wurde, erfolgte in Weißwasser nicht. Im Jahr 1913 lebten im Ort 43 jüdische Leute, das war die Höchstzahl. 1920 waren es nur noch 34 Einwohner und 1932 sank die Zahl auf 29 herab. In der Zeit des Nazi-Regimes verringerte sich die jüdische Einwohnerzahl von 25 auf 18 im Jahr 1937.

Antisemitismus
Erst einige Tage vor der Kristallnacht, am 9. November 1938, wurde der antisemitische Hass, sicher nur einiger weniger in der Stadt, besonders deutlich. Dem angesehenen Arzt Dr. Hermann Altmann demolierten einige hiesige SA-Leute die Wohnung und Praxis. Auch sein gesamtes Vermögen und seine medizinische Ausrüstung beschlagnahmten und zerstörten sie. Für ihn war dies das Ende. Am 4. November 1940 schied er freiwillig aus dem Leben. Kurz zuvor hatte August Schweig, der letzte der bekannten jüdischen Unternehmerfamilie in Weißwasser, vom Vorhaben der Nazis interne Informationen erhalten und konnte rechtzeitig emigrieren. Er wurde als Fabrikbesitzer enteignet und seine Villa demoliert. Am selben Tag erschienen SA-Leute im Knappenweg, wo die Witwe des jüdischen Textilhändlers Max Pese lebte. Sie drangen in ihre Wohnung ein und verwüsteten und zerstörten die Einrichtung. Im April 1943 musste sich Frau Pese in einem Judenlager in Breslau melden, wo sie seit dem verschollen ist.

Gebäude am Rand
Am 12. Juni 1938 erfolgte die Grundsteinlegung zum Bau des Hitlerjugend-Heimes, späteres Makarenko-Heim am Nordrand der Stadt. Dieses Gebäude konnte allerdings von der HJ nicht recht benutzt werden, denn Ende 1940 mussten hier Berliner Schulklassen mit ihren Lehrern unterkommen. Das führte zwar zu Empörungen bei der örtlichen HJ-Gruppe, war aber durch die Kriegsereignisse notwendig geworden.
Zur Aufrechterhaltung der Produktion, denn fast alle wehrfähigen Männer waren an der Front, kamen Fremdarbeiter nach Weißwasser. Sie wurden in Baracken, die früher Sportlern dienten, in Fabriklagerhäusern, auch im ehemaligen Lok-Schuppen an der Bahnbrücke und anderswo untergebracht. Auch wurden 1944 spezielle Behelfsunterkünfte der Außenstelle des Konzentrationslagers Groß Rosen errichtet. Am Kromlauer Weg, Ecke Neuteichweg erinnern nur noch Fundamente an eine dieser Lagerbaracken, in der von September 1944 bis März 1945 Fremdarbeiterinnen untergebracht waren.