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| 16:43 Uhr

Waldbrandwächter im Dauerstress
„Das menschliche Auge ist nicht ersetzbar“

Hochkonzentriert nehmen Johannes Ussler (l.) und Holger Neef mit dem Peilgerät eine Rauchentwicklung bei Trebendorf ins Visier.
Hochkonzentriert nehmen Johannes Ussler (l.) und Holger Neef mit dem Peilgerät eine Rauchentwicklung bei Trebendorf ins Visier. FOTO: Torsten Richter-Zippack
Schleife. Der Schleifer Feuerwachturm ist der einzige im Landkreis Görlitz, auf dem ein Team aus drei Feuerturmwärtern noch Dienst versieht. Das soll sich mittelfristig ändern. Von Torsten Richter-Zippack

112 Stufen auf acht schmalen Holzleitern muss Johannes Ussler Tag für Tag bewältigen. Dann hat der Weißwasseraner seinen Arbeitsplatz in rund 30 Meter Höhe auf dem Schleifer Feuerwachturm erreicht. Das kreisrunde Bauwerk aus DDR-Zeiten befindet sich nahe der Gemarkungsgrenze Schleife/Rohne und ist weithin sichtbar. Auch von oben hat Johannes Ussler einen prächtigen 360-Grad-Blick. Dieser reicht vom Muskauer Faltenbogen im Norden hinüber zur Trebendorfer Hochfläche, weiter über das Kraftwerk Boxberg hinweg zu den Bautzener Bergen und in die Kamenzer Gegend. Im Westen zeichnen sich das Kraftwerk Schwarze Pumpe und der Windpark auf der Trattendorfer Kippe ab, nach Nordwesten die Bahntrasse gen Spremberg. „Die Sicht reicht nach Süden etwa 50 bis 60 Kilometer“, sagt Johannes Ussler. Doch mögliche Brände kann er nur in einem Umkreis von rund zehn Kilometern zweifelsfrei identifizieren.

An diesem heißen Sommertag ist die Sicht allerdings etwas eingeschränkt. Sie präsentiert sich leicht diesig, die Oberlausitzer Berge sind nur schemenhaft am Horizont zu erkennen. Im Osten scheint es zu qualmen. Johannes Ussler nimmt sein Fernglas, schaut und gibt sogleich Entwarnung. „Das sind Feldarbeiten nahe der Mühlroser Straße“, erklärt der 74-Jährige. Würde es sich um einen Waldbrand handeln, wäre der Rauch zunächst weiß, dann schwarz. Jetzt ist allerdings nur eine braune Dreckfahne zu sehen. „Seit April hat es in der Region kaum mehr geregnet“, sagt Holger Neef, Weißwasseraner Revierförster. Zwar gab es während dieser Zeit dreimal Starkregen. „Doch dieser ist sehr schnell abgeflossen und hat den Pflanzen kaum etwas gebracht“, weiß der Forstmann.

Dementsprechend hoch ist auch die Brandgefahr. Nach Angaben von Julia Bjar vom Landkreis Görlitz wurden in diesem Jahr zwischen Muskauer Faltenbogen und Zittauer Gebirge bislang fünf Waldbrände mit einer Gesamtfläche von gut 0,6 Hektar registriert. Im gesamten Jahr 2017 war hingegen lediglich ein Areal von 0,06 Hektar betroffen.

Rund 30 Meter hoch ist der Schleifer Feuerwachturm. Er befindet sich am Rohner Grenzweg.
Rund 30 Meter hoch ist der Schleifer Feuerwachturm. Er befindet sich am Rohner Grenzweg. FOTO: Torsten Richter-Zippack

Plötzlich steigt wieder Rauch auf, diesmal direkt vom Trebendorfer Höhenzug. „Ein Waldbrand ist es aller Voraussicht nach nicht“, glaubt Johannes Ussler. „Vielleicht hat jemand seinen alten Badeofen angeheizt“, vermutet Holger Neef. Dann die Lösung: „Es könnte sich auch um das Teeren des Radweges von Trebendorf nach Weißwasser handeln.“ Und tatsächlich: Am Übergang der Muskauer Waldeisenbahn tragen die Männer das heiße, qualmende Gemisch auf, wie sich etwas später herausstellt.

Würde es sich um einen Waldbrand handelt, müsste Ussler mit seinem Peilgerät die entsprechende Richtung anpeilen und die so ermittelte Gradzahl telefonisch an die Leitstelle in Hoyerswerda durchgeben. Dort würden die Einsatzkräfte mittels weiterer Kameras abgleichen, ob es sich tatsächlich um ein Feuer handelt. Falls ja, erfolgt die Alarmierung der Feuerwehren. Diese seien in der Regel nur wenige Minuten später vor Ort.

Während der beiden höchsten Waldbrandwarnstufen IV und V dauert eine Feuerturmwärter-Schicht glatte zehn Stunden. „Es ist einsam hier oben, aber keinesfalls langweilig“, erklärt Ussler, der diese Tätigkeit seit zehn Jahren ausübt. Der gebürtige Warnsdorfer kennt die Region wie seine Westentasche. Kein Wunder, hat er doch drei Jahrzehnte bei der Armee, unter anderem auf dem nahen Truppenübungsplatz Oberlausitz, gedient. In manchen Jahren, nämlich dann, wenn das Frühjahr bereits trocken beginnt, sitzen er und seine beiden Kollegen schon ab März auf dem Schleifer Turm. „Zum Glück haben wir hier eine Gasheizung“, zeigt Ussler. Wesentlich unangenehmer seien heiße Sommertage. „Dann können die Temperaturen auf dem Turm schon mal auf über 40 Grad ansteigen“, weiß der Beobachter aus Erfahrung. Zum Glück kann er alle Fenster öffnen. Denn in dieser Höhe gehe immer ein leichter Wind.

Insgesamt vier Feuerwachtürme gibt es im Landkreis Görlitz. Drei sind mit Kameras für die Waldbrandüberwachung ausgestattet, einer mit Personal. Warum in Schleife noch kein künstliches Auge installiert wurde, erklärt Holger Neef so: „Daran hat die Lage des Turms großen Anteil“, sagt der Forstmann. Denn die Kamera am Aussichtsturm auf dem Schweren Berg südlich von Weißwasser kann nicht über die Trebendorfer Hochfläche schauen. Zudem spielt die Überwachung der Bahntrasse, auf der früher auch viele kohlebetriebene Züge unterwegs waren, eine große Rolle.“ Johannes Ussler ergänzt, dass trotz aller technischen Raffinessen das menschliche Auge unersetzbar bleibt. Allerdings werden Teile des Höhenzuges bei Trebendorf in den kommenden Jahren dem fortschreitenden Tagebau Nochten zum Opfer fallen. „Dann verliert der Schleifer Turm seine Funktion“, weiß Holger Neef.

Vor Jahrzehnten war jeder der Feuerwachtürme mit Personal bestückt. „Meist ältere Waldarbeiter, die keine schweren Tätigkeiten verrichten konnten“, erklärt Neef. Durch den Bergbau verschwanden aus der Region Weißwasser die beiden Türme von Hermannsdorf und am Jagdschloss. Als Ersatz diente fortan der Turm auf dem Schweren Berg, der gleich mit einer Kamera ausgestattet worden war.

In der knochentrockenen Gegend präsentiert sich laut Holger Neef die Brandgefahr genauso groß wie zu Seitz` Zeiten. Doch gebe es einen wesentlichen Unterschied: „Die Leute haben heute alle Handys. Falls sie Brände entdecken, wird meist gleich die Feuerwehr alarmiert. Daher hat es in den vergangenen Jahren bei uns keine Katastrophenbrände mehr gegeben.“