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| 17:27 Uhr

Zukunftswerkstatt Lausitz
Das Leid mit dem Leitbild

Die beiden Seiten einer Medaille: Die Lausitz steht für Energie und Industriearbeitsplätze, aber mit dem Seenland auch für Tourismus, wie es die Boote am Sonntag auf dem Bärwalder See zeigen.
Die beiden Seiten einer Medaille: Die Lausitz steht für Energie und Industriearbeitsplätze, aber mit dem Seenland auch für Tourismus, wie es die Boote am Sonntag auf dem Bärwalder See zeigen. FOTO: Regina Weiß
Boxberg. Auch wenn am Sonntag ein reges Treiben rund um den Bärwalder See geherrscht hat, wird Boxberg künftig nicht nur vom Tourismus leben können. Wo die Reise hingeht, darüber wurde jetzt beim kommunalpolitischen Bürgergespräch diskutiert. Von Regina Weiß

Bisher haben die Räte von Boxberg einmal nicht öffentlich über das Leitbild der eigenen Gemeinde gesprochen. Es war ein Anstoß. Mehr nicht. Seitdem ruht still der (Bärwalder) See. Gemeinderätin Sigrun Hajdamowicz vermutet allerdings, dass es für Boxberg bei der weiteren Diskussion schon schwer werden dürfte, die 18 Ortsteile mit ihren Spezifika unter einem Hut zu vereinen.

Wie soll das dann erst in der Lausitz werden, wo es Ländergrenzen zu überwinden gilt, wo im Speckgürtel südlich Berlins andere Probleme herrschen als in den Weiten des Südens von Brandenburg oder im Norden von Sachsen? Und doch eint die Lausitz eins – das Damoklesschwert Kohleausstieg.

Die Strukturentwicklung in der Lausitz ist Herausforderung und Chance zugleich. Auch 2050 muss diese Region für die kommende Generation eine homogene wirtschaftliche, soziale und kulturelle Stabilität vorweisen. So steht es in der Einladung des Bildungswerkes für Kommunalpolitik Sachsen, der Freitagabend 30 Frauen und Männer in das Tourismusinformationszentrum am See gefolgt sind und die zum Großteil nicht mit ihrer Meinung hinter dem Berg halten.

Christoph Biele weiß, dass er meterdicke Bretter bohren muss, um vielleicht am Ende den Kompromiss zu haben, der ein Zentimeter groß sein wird, macht er im Gespräch mit der RUNDSCHAU deutlich. Er ist Projektleiter der Zukunftswerkstatt Lausitz mit Sitz in Bad Muskau, die Teil der Wirtschaftsregion Lausitz ist. Das Projektteam hat in diesem Jahr seine Arbeit aufgenommen. Schwerpunkte der Tätigkeit liegen vor allem in den Handlungsfeldern Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit der Unternehmen, Mobilität und digitaler Zugang sowie Perspektiven der Regionalentwicklung. Die Bevölkerung und die Akteure in der Lausitz sind aufgerufen, sich unter anderem in einem umfangreichen Leitbildprozess zu beteiligen. „Lokalpatriotismus schön und gut, aber so überrollt uns der Zug“, sagt Biele. Vielmehr müsse die Region aktiv werden, um den Prozess in die eigene Hand zu nehmen. Ziel solle es sein, sich in Brüssel geschlossen als Region zu präsentieren. Klar, dass in der Debatte dann nicht jeder mit seiner Dorfstraße kommen kann, die er unbedingt gebaut haben will. Noch hat Biele das Gefühl, dass viele reden, aber nicht unbedingt miteinander.

Dass viel geredet wird, aber nicht unbedingt etwas passiert, diesen Eindruck haben allerdings die Boxberger. Ihre Skepsis für den anstehenden Leitbildprozess ist im Raum  regelrecht greifbar. Landes- und Bundespolitik bekommt ihr Fett weg. Nochtens Ortsvorsteher und Handwerker Mario Weier sieht durch das, was jetzt passiert, ein großes Imageproblem auf die Lausitz zukommen. „Wenn jetzt eine Firma kommt und sagt, wir brauchen 500 Leute, woher sollen die denn kommen“, macht es Weier an einem Beispiel fest. Sigrun Hajdamowicz kritisiert, dass eine Sonderwirtschaftszone für die Region politisch nicht gewollt sei. Und noch eins treibt die ehemalige Kraftwerkerin um: Wer sorgt künftig für die Grundlast, wenn die Braunkohle ausläuft und keine Sonne scheint und es windstill ist? „Kriegen wir dann alle einen Dynamo zu Hause?“, fragt sie durchaus ketzerisch. Denn ohne Energie werde es auch künftig nicht gehen, soll das Industrieland Deutschland wettbewerbsfähig bleiben. Laut Hajdamowicz müsse diesbezüglich viel mehr geforscht werden.

„Wenn es so einfach wäre, dann würden wir heute hier nicht sitzen“, so Lothar Bienst, Landtagsabgeordneter der CDU und Vorsitzender des Bildungswerkes. Auch er unterstreicht, dass für die Zukunft der Lausitz im Großen gedacht werden muss. Dabei werde man auch Mehrheiten folgen müssen. „Klar muss uns dabei eins sein, wir sitzen alle in einem Boot.“

Aber was, wenn viele etwas wollen und es doch Jahrzehnte dauert, bis es umgesetzt wird. Gemeinderat Horst Jannack bringt die B 178, Mario Weier den Fortgang der Spreestraße ins Spiel. „Es tut sich aber nichts“, so Jannack. Und er bringt noch ein anderes Thema ein, dass gerade die Zukunft der Gemeinde belastet. „Die harte Realität ist bei uns, wenn wir den Haushalt neben unsere Wünsche legen“, so Jannack. Da müsse der Bund auch finanziell unter die Arme greifen. Und auch das Land muss mehr tun als bisher. Vieles sei im Freistaat verschlafen worden, findet Boxbergs Hauptamtsleiter Arian Leffs. Breitband, Kitas, Schulen nennt er als Beispiele. Der Landesentwicklungsplan müsse dringend angepasst werden, fordert Jannack.

Der Klittener Hartmut Ulbricht spricht sich dennoch für eine Leitbilddiskussion aus. Deren Ergebnis gebe dann die Marschrichtung für die öffentliche Hand vor. Dass der Prozess dorthin nicht in zwei Jahren abgeschlossen ist, ist auch Christoph Biele klar. Denn das Saarland oder das Ruhrgebiet haben dafür Jahrzehnte gebraucht. „Ja, es ist sicherlich eine Riesenaufgabe“, so Biele. Doch um die Region für Kinder und Enkel lebenswert zu halten – in diesem Dimensionen muss man laut Biele denken – müsse jetzt der Auftakt gemacht werden.

Bis Ende 2020 sollen umsetzbare Konzepte mit konkreten Projekten sowie praktische und wissenschaftliche Empfehlungen für die zukünftige Ausrichtung der regionalen Strukturpolitik auf Bundes- und EU-Ebene ebenso wie eine klare Entwicklungsstrategie für die Lausitz vorliegen, hieß es im März zum Auftakt der Zukunftswerkstatt in Görlitz.

Christoph Biele, Projektleiter für das Büro Zukunftswerkstatt Lausitz
Christoph Biele, Projektleiter für das Büro Zukunftswerkstatt Lausitz FOTO: Regina Weiß