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Das Haus an Weißwassers Stadtrand

weißwasser.. Die Kinder- und Jugendbetreuung in Weißwasser wurde bis Anfang der dreißiger Jahre ausschließlich von Elternhaus, Schule, Kirche und durch Jugendvereine bestimmt. Ein Teil der Jugendvereine verfügte über eigene Räume, sogar Gebäude, wo sie sich treffen konnten. So wurde im Jahr 1929 der Saal des evangelischen Vereinshauses an der Muskauer Straße zu einem Jugendheim umgestaltet. Von lutz stucka

Die Möglichkeit, in Weißwasser eine Zentralberufsschule für Glasmacher der Regierungsbezirke Liegnitz und Breslau einzurichten, war nicht nur für Bürgermeister Wenderoth ein ehrgeiziges Ziel. Dafür musste die Stadt ein entsprechendes Internatswohnheim bereitstellen. Am 12. Juni 1938 erfolgte durch den Bürgermeister die Grundsteinlegung für ein solches Wohnheim, dem späteren Makarenkoheim. Als sich aber herausstellte, dass die Schule nicht im geplanten Umfang aufgebaut werden konnte, wurde das neue Gebäude am Nordausgang der Stadt nach Muskau zur Jugendherberge und Hitler-Jugend-Heim bestimmt. Mit der Machtergreifung des nationalsozialistischen Regimes erfolgte auch die Zentralisierung und Vereinheitlichung (Gleichschaltung) der Jugenderziehung. Die bis dahin bestehenden Jugendvereine wurden aufgelöst, und es entstanden Ortsgruppen der Hitlerjugend und des Bundes Deutscher Mädels (BDM).

„Anmutiges Fleckchen“
Das neue Hitler-Jugend-Heim sollte in großem Umfang der Kinder- und Jugenderziehung zur Verfügung stehen. „Auf einem der anmutigsten Fleckchen von Weißwasser, wo die Stadt ihr einzigartig schönes Gesicht zeigt, liegt mitten im Grünen das Hitler-Jugend-Heim. . . hier kann die Jugend Erholung und Entspannung genießen, aber auch das Gemeinschaftsgefühl und die Kamerad schaftsfähigkeit für einen möglichen Einsatz im Krieg erlernen. . .“ wurde es gepriesen.
Schon Ende 1940 kamen allerdings hier Berliner Schulklassen mit ihren Lehrern unter. Das nationalsozialistische Regime war bestrebt, der Jugend etwas Besonderes zu bieten. Erholung, kameradschaftliche Erziehung, letztere war im militärischen Einsatz wichtig, und Liebe zur Heimat. Sie sollten kennen lernen, was zu verteidigen wert ist. Weißwassers HJ-Gruppe empörte sich, denn die Nutzung des neuen Heims wurde vorrangig ihnen zugesichert. Noch nie hatte die Führung und Erziehung der Jugend solch hohen Stellenwert, noch nie erhielt die Jugend so viel Freizeitangebote und auch noch nie weilten derart viele Jugendliche als Gäste in Weißwasser, die gut versorgt und unterhalten werden sollten. Die Kulturverantwortlichen der Stadtverwaltung nutzten die reiche Sporttradition der Glasmacher und organisierten gern Wettkämpfe unterschiedlichster sportlicher Bereiche. So fand ein großes Sportfest der Jugend am 8. Juni 1941 auf dem Turnerheimplatz statt, woran 900 Jungen und 400 Mädchen teilnahmen. Erstmals kam es in der Stadt zu einem derart umfangreichen Jugendtreffen, was mit einem Abschiedsmarsch der Teilnehmer, angeführt vom HJ-Musikkorps des Heimes, durch die Straßen endete.
Im Jahr darauf konnte bei einem weiteren Sportfest mit einer kleinen Attraktion, die Teilnahme einer Rollschuh-Abteilung, aufgewartet werden.

Aus Sonthofen
Im September 1941 lebten im HJ-Heim sieben „Adolf-Hitler-Schüler“ , die in den Glashütten der Stadt arbeiteten. Es waren besonders ausgewählte Schüler, die zur „absoluten Elite“ der deutschen Jugend gemacht werden sollten und aus der Jugend-Ordensburg Sonthofen stammten. Sie hatten sich für eine bestimmte Zeit in allen möglichen Praxisbereichen zu erproben und sich für Sondereinsätze zu stählen. Im Jahr 1943 kamen erneut Gastkinder aus anderen Gegenden Deutschlands nach Weißwasser, um für ein paar Monate Erholung zu finden. Natürlich wurden auch in andere schöne naturreiche Gegenden Deutschlands Kinder aus den Ballungsgebieten der Rüstungsindustrie, besonders aus dem Ruhrgebiet, verschickt. Diese Maßnahmen gehörten zur Kinderlandverschickung (KLV), einer Aktion der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV). Sicher ist es auch verwunderlich, dass Weißwasser mit seiner umfangreichen Glasindustrie ebenfalls zu den auserwählten Erholungsgegenden bestimmt wurde. Die waldreiche Umgebung und deren Erschließung zu Erholungszwecken mit Beginn der zwanz iger Jahren führte dazu, dass der Stadt etwa 15 Jahre später das Prädikat „Fremdenverkehrsgemeinde“ verliehen wurde.
Bei Spiel, Sport, und Wanderung sollte das Bewusstsein entwickelt werden, dass nur derjenige sein Vaterland wirklich lieben kann, der es erlebt hat. So sollte „. . . die Jugend die Schönheiten ihres Heimatlandes kennen lernen, wofür es sich immer zu kämpfen lohnt. . .“ . Auch für die Kleinen aus Weißwassers Kindergärten fanden oft Spiel- und Bastelnachmittage statt. Drei Jugendheime waren neben dem Lager am Braunsteich vorhanden. Im HJ-Heim verbrachten 87 Jungen, im KLV-Lager „Glashütte“ , heute Volkshochschule, 50 Mädchen und im KLV-Lager „Hanna Reitsch“ 32 Mädchen ihre Ferien. Während der Kriegsjahre stellte das HJ-Heim nicht nur für Ferienkinder einen zentralen Punkt dar, sondern auch für viele Jugendliche der Stadt. Eine gewisse Pflichtteilnahme war immer gegeben, denn wer nicht dafür war, war dagegen, wurde argumentiert. So organisierten sie Altpapier-, Bücher- und Kleidersammlungen, aber auch in den Wintermonaten bastelten sie Spielsachen für die Kleinsten, die anschließend auf dem heimischen Weihnachtsmarkt angeboten wurden. Für andere Jugendliche, die in der HJ-Feuerwehrgruppe organisiert waren und sogar eigene Uniformen und Ausrüstungsgegenstände besaßen, war es ebenfalls eine Zufluchtsstätte.
Die Jugendlichen, die stärker der neuen nationalsozialistischen Bewegung zugetan waren, bildeten bereits 1932 bei der SA-Ortsgruppe Weißwasser eine eigene Formation, die Schutz-Abteilung-Jugend (SAJ). Sie trafen sich im SA-Heim an der Vorwerkstraße, später an der Jahnstraße, wo der Vorsitzende des örtlichen SA-Sturms 31/19, Kohlenhändler Dahms, den Jugendlichen eine Unterkunft überließ.

Stärke und Macht
Auch die hiesige HJ-Gruppe wurde zahlenmäßig erweitert und intensiv militarisiert. Mehrfach zeigten sie sich in der Öffentlichkeit als militärähnliche Formation, um Stärke und Macht zu demonstrieren.
Das größte dieser Szenarien fand am 26. April 1941 statt. Da erfolgte der Aufmarsch des Hitler-Jugend-Bannes 347 auf dem Platz der SA (Marktplatz) zum Frühjahrsappell. 2600 HJler hatten sich in Weißwasser aus nah und fern dazu versammelt.
Es wurden anschließend an verschiedenen Stätten Sportveranstaltungen durchgeführt und am Sonntag auf dem Marktplatz erneut aufmarschiert. HJ-Stammführer Muschiol und Weißwassers Gebietsführer, Ortsgruppenleiter Dr. Lefana, nahmen mit einem Obergebietsführer die Weihe der Fahnen der angereisten HJ-Gruppen vor. Es erfolgte danach mit viel würdevollem Spektakel der Marsch, angeführt von der ortseigenen HJ-Kapelle, entlang der Muskauer Straße, vorbei am Kino „Gloria-Palast“ , vor dem der HJ-Obergebietsführer Aufstellung genommen hatte. Besonders den Einwohnern um den Marktplatz und auch vielen anderen der Stadt legte man nahe, ihre Häuser festlich zu schmücken.

Vorbereitungen
Ende 1942 bewohnten einige Gebietsführungsmitglieder das HJ-Heim am Stadtrand. Sie hatten die Aufgabe, die Erziehung von 70 Lehrlingen und Jungarbeiter vorzunehmen. Diese waren im von der Stadt Weißwasser eingerichteten überbetrieblichen Jugendwohnheim (heute Soziotherapeutische Wohnstätte an der Muskauer Straße) untergebracht.
Als Weißwasser zwei Jahre später zur Verteidigung vorbereitet werden sollte, waren dazu einige militärische Einheiten in der Stadt stationiert. So wurde das HJ-Heim zum Stützpunkt des HJ-Einsatzkommandos des Kampfkommandanten von Weißwasser, SS-Sturmbannführer Graf von und zu Egloffstein. Nachdem die regulären Wehrmachtseinheiten in den Monaten Februar und März 1945 an andere Frontabschnitte verlegt wurden, blieben die Jugendlichen unter Graf Egloffstein als Verteidiger neben etwas Volkssturm und einigen wenigen Polizeibeamten allein zurück.
Als der Angriff der russischen Armeen am 16. April 1945 an der Neiße begann, erhielten die Jugendlichen vom HJ-Heim aus militärische Aufgaben. Die Aufklärungsabteilung des HJ-Einsatzkommandos erhielt den Befehl, Streifzüge in der näheren Umgebung der Stadt zu unternehmen, um eventuell durch die Frontlinie „gesickerte Sowjets“ aufzuspüren. Der Panzervernichtungstrupp dieses Kommandos hielt sich im unvollendeten Luftschutzbunker im Luther-Park, unterhalb der Eisdiele Habermann, für den Einsatz bereit. Am frühen Nachmittag dieses Tages erhielt diese Gruppe, welche den Grafen Egloffstein zum Jagdschloss begleitete, die Aufgabe, zur Panzerbekämpfung mit dem Fahrrad, ausgerüstet mit Karabinern und Panzerfäusten, zum Kromlauer Weg und zur Grünen Fichte (Landstraßeneinmündung Muskauer Straße nach Gablenz) zu fahren. Zu einer Feindberührung kam es jedoch nicht. Der Graf war zu dieser Zeit aus seinem Quartier, dem HJ-Heim, ausgezogen und erkannte bald, dass die militärische Lage für die von ihm angeführten Verteidiger Weißwassers aussichtslos war und löste sie auf.
Nach der Einnahme der Stadt Weißwasser durch die Rote Armee diente das ehemalige HJ-Heim zurückkehrenden Einwohnern als Notunterkunft. Ab 1949 wurde es der Volksbildung als „Landesheim für gesellschaftliche Erziehung schwer erziehbarer Kinder“ zur Verfügung gestellt. Der bald gegründete Chor des Kinderheimes kreierte mehrere Heimatlieder.

„Unser Weißwasser“
Das Lied „Unser Weißwasser“ wurde im Dezember 1951 uraufgeführt. Es galt als das erste neue Lied unserer engeren Heimat. Weitere folgten, wie „Meine Oberlausitz“ , „Schönes Sachsenland“ , „Lied auf die Heimat“ und andere. Mit diesen Liedern errangen die Kinder und Jugendlichen beim Kulturwettstreit 1952 den ersten Platz. Weitere Lieder, wie „Heimlied“ , „Makarenkolied“ , „Morgen, Abend- und Nachtlied“ " „Fußballlied“ , „Lied vom Bezirk“ und das „Brandenburger Lied“ wurden bei vielen Gelegenheiten gesungen. Auch der Fanfarenzug des Heims war erfolgreich. Er konnte im November 1953 den Titel „Bester Pionier-Fanfaren-Zug des Bezirkes Cottbus“ erringen. Am 13. März 1953 erhielt das Kinderheim den Namen des russischen Pädagogen Anton Semjonowitsch Makarenko, dessen Erziehungsmethoden die neuen Maßstäbe in der jungen DDR bilden sollten.
Mit der Darbietung interessanter Aufgaben für die Kinder und Jugendlichen und die sachkundige Begleitung für einige Jahre sollte die Erziehung dieser problembehafteten jungen Menschen zu einem vollwertigen und selbstständigen Mitglied der Gesellschaft erfolgen.

Kein Aushängeschild
Die 50 schwer erziehbaren Kinder, die hier neben Erziehern und ihren Lehrern lebten, stellten für die heile Welt der DDR-Jugend kein Aushängeschild dar und traten in den folgenden Jahren öffentlich kaum mehr in Erscheinung. Die Kinder wurden mehr ins öffentliche Leben integriert und als Normalkinderheim für elternlose Kinder, die nicht mehr im Heim isoliert unterrichtet wurden, umgestaltet. Die Kinder besuchten die Schulklassen der Stadt und wohnten im Heim, bis eine Eingliederung mit Beginn der Lehre in das gesellschaftliche Leben erfolgte.
Mit der politischen Wende erhielt das Kinderheim ab dem Jahr 1991 als Kreiskinderheim eine spezielle Richtung. Es wurde als Lebensstätte für Kinder und Jugendliche, die in Zusammenarbeit mit Eltern und Jugendamt vorübergehende Erziehungshilfe erhalten. Das Fachwerkgebäude wurde bis 1995 umfangreich saniert und beinhaltet 15 Einbett- und neun Zweibettzimmer für etwa 30 Kinder und Jugendliche im Alter von neun bis 18 Jahren.
Seit dem 1. Juni dieses Jahres gehört das Kinderheim zum Diakonischen Werk Hoyerswerda.