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| 15:15 Uhr

Kriegsgräber
„Das geht schon an die Nieren“

Alexander Förster und Sven Knischke aus Dresden gehören zu dem zehnköpfigen Team, das in Krauschwitz im Einsatz war. Hier reinigen sie das Denkmal aus dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71.
Alexander Förster und Sven Knischke aus Dresden gehören zu dem zehnköpfigen Team, das in Krauschwitz im Einsatz war. Hier reinigen sie das Denkmal aus dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71. FOTO: Joachim Rehle
Krauschwitz. Die Reservisten-Arbeitsgemeinschaft hofft nach ihrem jüngsten Einsatz in Krauschwitz auf den Fortgang dieses Projekts. Von Regina Weiß

Es sind nicht nur einfach Steine oder Kreuze. Es sind Gräber. Doch sie sind noch viel mehr. Sie sind Stätten der Erinnerung, des Gedenkens. Es sollen aber auch Stätten des Mahnens sein, findet Pfarrerin Miriam Arndt, als sie am Donnerstag in der Gaststätte „Zur Linde“ in Krauschwitz beim Begegnungsabend mit eindringlichen Worten Andacht hält und das Gebet spricht. „Kriegsgräber sollen etwas vermitteln – welches Leid über die Generationen gebracht wurde“, sagt die Pfarrerin. Das auch deshalb, weil die Zahl der Zeitzeugen immer geringer wird.

Dass diese steinernen Zeugnisse Gefühle hervorrufen können, weiß Wilhelm Minschke, Oberstleutnant i. R., nur zu gut. Er ist einer derjenigen, der seit 2000 in der Reservisten-Arbeitsgemeinschaft Sachsen/Braunschweig (früher Heimatschutzbataillon Braunschweig) Kriegsgräber pflegt. Erst in Braunschweig und Salzgitter, nun schon seit 13 Jahren in der Oberlausitz. In Weißwasser, Bad Muskau, Pechern, Skerbersdorf, Klitten und Jahmen, Nochten, Uhyst, Drehna und Reichwalde haben die Reservisten oft in Unterstützung mit aktiven Bundeswehrsoldaten und dafür ihren Urlaub nehmend ihre Spuren hinterlassen. Gepflegte Kriegsgräber­anlagen sprechen für sie.

Wilhelm Minschke erinnert sich an einen Einsatz in Nochten. Dort gibt es einen Gedenkstein an der Kirche. Der erzählt eine traurige Geschichte. Man kann lesen, dass der Krieg innerhalb von drei Tagen sieben männlichen Mitgliedern einer Familie das Leben gekostet hat. „Sie waren alle Teil einer Familie. Dass muss man sich mal vorstellen, um es zu verstehen“, erzählt Minschke. Wie überhaupt die letzten Kriegstage  hier viele Opfer gekostet haben, weil mit Kanonen auf einzelne Soldaten gehalten wurde, 14-Jährige als Deserteure erschossen wurden – „sie vollkommen sinnlos geopfert wurden“. Dieses Grauen richten Kriege an. „Das müssen wir daraus lernen“, klingt wie eine Mahnung.

Sich immer wieder damit zu beschäftigen, „das geht schon an die Nieren“, zeigt Minschke Gefühl. Eben weil es nicht um einzelne Steine geht, sondern um die Menschen darunter. Die eindringliche Rede am Donnerstag kann man besser verstehen, wenn man weiß, wie viel Arbeit die Männer auch mit Unterstützung aus den jeweiligen Kommunen und mit der Hilfe von Betrieben der Region in die Sanierung und Pflege gesteckt haben. Hinzu kommt, dass wegen der schwierigen Rahmenbedingungen derzeit ein großes Fragezeichen hinter dieser ehrenwerten Aufgabe steht.

Dass sie aller Ehren wert ist, betonen der Krauschwitzer Bürgermeister Rüdiger Mönch (Freie Wähler) und Kraftwerksleiter Carsten Marschner. Er sagt beispielsweise: „Heute ist Mahnung wichtiger denn je, wo wir doch nur noch eine Spaßgesellschaft sind.“ Auch Henry Hauptvogel, Landesgeschäftsführer Sachsen des Reservistenverbandes, findet die geleistete Arbeit beispielhaft.

Für die Zukunft könnte eine mögliche Lösung sein, dass sich in Weißwasser eine Reservistenkameradschaft gründet. Diese sei offen für alle: Männer und Frauen, Gediente der Bundeswehr genauso wie für ehemalige NVA-Angehörige. Auch die Mitglieder der Denkmalkommission von Weißwasser machen sich so ihre Gedanken. Sie wollen die gute Sache auf keinen Fall im Lausitzer Sand verlaufen lassen, erklären Günter Segger, Karl-Heinz Melcher und Uwe Mühle übereinstimmend.  Privat organisierte Pflegeeinsätze sind denkbar, wie auch Patenschaften für einzelne Grabanlagen.

Wilhelm Minschke hofft jedenfalls, dass er sich nach der Übergabe der Gräber an die Vertreter der Kirche und der Gemeinde Krauschwitz durch die Reservisten und Helfer sowie einem gemeinsamen Gottesdienst am Freitag nicht auf Dauer aus der Lausitz verabschieden muss.

Die Reservisten beim Beginn der Arbeiten an der Gedenkstätte für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges.
Die Reservisten beim Beginn der Arbeiten an der Gedenkstätte für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges. FOTO: Günter Segger