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"Dann kann ich der Heimat den Rücken kehren"

Auch Umsiedler aus Schleife und Rohne beteiligten sich an der Kundgebung, ebenso Philipp Noack aus Gablenz und seine Freundin Maika.
Auch Umsiedler aus Schleife und Rohne beteiligten sich an der Kundgebung, ebenso Philipp Noack aus Gablenz und seine Freundin Maika. FOTO: Tschätsch
Berlin/Weißwasser. Kohlekumpel und Energiearbeiter haben am Sonnabend in Berlin Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) die Rote Karte gezeigt. Sie erteilten seinen Plänen von einer zusätzlichen Abgabe für ältere Kraftwerke eine schallende Ohrfeige. Unter den 15 000 Teilnehmern waren auch zahlreiche Beschäftigte der Branche aus der Region Weißwasser. Ingolf Tschätsch / igt1

Ein Meer von Fahnen der IG BCE und Verdi, Männer, Frauen und Jugendliche mit roten Gewerkschaftsmützen, Trillerpfeifen im Mund, Plakate und Sprechchöre. Der Invalidenpark im Herzen von Berlin ist an diesem Sonnabend voll von Menschen. Kohlekumpel und Energiearbeiter aus ganz Deutschland machen mobil gegen die Pläne von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel von einer zusätzlichen Kohle-Abgabe für ältere Kraftwerke.

Mindestens 15 000 - unter ihnen Kumpel, die schon in Rente sind, Angehörige und Freunde - stehen vereint gegen einen kurzfristigen Ausstieg aus der Braunkohle und möglichem Abbau von 100 000 Arbeitsplätzen und damit dem Blackout ganzer Regionen, wie es im Aufruf der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie heißt. Vattenfall befürchtet die Stilllegung von Kraftwerksblöcken in Boxberg eventuell schon ab 2017.

Damit stünde auch die berufliche Zukunft von Philipp Noack in den Sternen. Der 25-jährige ist am Morgen mit seiner Freundin Maika in einem der von der IG BCE und Vattenfall organisierten Busse von Weißwasser zur Demo gefahren. "Ich bin Azubi im zweiten Ausbildungsjahr im Kraftwerk Boxberg. Will Elektroniker für Automatisierungstechnik werden, müsste noch rund anderthalb Jahre lernen. Doch was wird dann? Dann kann ich nur der Heimat den Rücken kehren und mein Glück woanders suchen", erklärt der junge Mann der RUNDSCHAU. Die Folgen würden weit hinein ins Private reichen. "Maika stammt aus Weißwasser und ist wegen mir aus Dresden in ihre Heimat zurückgekehrt. Sie arbeitet jetzt in der Gaststätte ,Muskauer Hof' in Bad Muskau. Dann müsste sie dort aufhören", fügt der Kraftwerker mit Blick auf seine Freundin hinzu.

Und noch etwas bewegt Philipp Noack: Erst im Februar ist er zum stellvertretenden Leiter der freiwilligen Feuerwehr in seiner Heimatgemeinde Gablenz gewählt worden. "Müsste ich wegen meines Jobs wegziehen, dann kann ich auch diese Funktion nicht mehr ausüben und muss meine Tätigkeit bei den Brandschützern an den Nagel hängen. Dabei suchen doch die Feuerwehren händeringend Nachwuchs. Ein Ausstieg aus der Braunkohle hätte somit auch verheerende Auswirkungen auf das Ehrenamt", ist der 25-Jährige überzeugt.

"Angie, vergiss die Lausitzer Jugend nicht", ist auf einem der Protestplakate als Forderung an die Bundeskanzlerin zu lesen. Dieses Thema liegt Holger Kuboth besonders am Herzen. "Die Jugend hier darf nicht weggehen", betont der 50-Jährige.

Er arbeitet seit acht Jahren als Ausbilder in Schwarze Pumpe, ist verantwortlich für die gesamte betriebliche Ausbildung beim Energiekonzern Vattenfall in der Lausitz. Vorher war er 25 Jahre im Tagebau beschäftigt, kennt die Branche aus dem Effeff, hat viele Höhen und Tiefen miterlebt. "Wir bilden jedes Jahr 94 junge Leute aus - ein Potenzial für die Zukunft, das nicht verloren gehen darf", so Kuboth. Er findet, die Politik sei so unberechenbar geworden, dass die Industrie vor Investitionen in der Region zurückschrecke.

Der Weißwasseraner hat in seinem Alter noch ein Eigenheim gebaut, seine Frau erwartet ein Kind. "Sonst wäre sie heute hier", erklärt er lachend. Ihn freut es, dass so viele aus dem Raum Weißwasser bei der Großdemonstration dabei sind und Flagge zeigen. "Ich habe auch welche von Schleifer Firmen gesehen", erzählt er. "Eishockeyspieler aus Weißwasser sind ebenfalls dabei. Vattenfall unterstützt ja auch den Eissport, wie überhaupt viele Vereine der Region", bringt Kuboths Kollege Falk Wuttke aus Weißwasser einen anderen Aspekt ins Spiel. "Das würde es dann nicht mehr geben, wenn der Energiebranche der K.o.-Schlag versetzt wird."

Später, nach der Kundgebung vor dem Kanzleramt, sitzen er und Kuboth wieder im Bus nach Weißwasser. "Ich bin optimistisch und hoffe, dass unser Auftreten heute hier in Berlin Wirkung bei den Politikern zeigt", sagt Holger Kuboth nachdenklich.