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| 17:36 Uhr

Zu Pfingsten unter Dampf
Ein Denkmal startet neu durch

 Die Brigadelok bei der Probefahrt auf der Zuckerrübenbahn in Kolin (Tschechien).
Die Brigadelok bei der Probefahrt auf der Zuckerrübenbahn in Kolin (Tschechien). FOTO: Heiko Lichnok
Weißwasser . Ihren 100. Geburtstag hat die Brigadelok 99 3317 in Einzelteilen zerlegt in einer Werkstatt in Tschechien verbracht. Zu Pfingsten will sie nun beweisen, dass sie noch lange nicht zum alten Eisen gehört. Von Regina Weiß

Ein bisschen muss man sich das vorstellen wie beim Puzzeln. Dort fängt man bei einem neuen Motiv mit dem Rahmen an und nähert sich Teilchen für Teilchen dem Gesamtbild. Das gibt es nur, wenn am Ende alles passt.

So ähnlich ist es bei der Brigadelok 99 3317. Bis in die letzte Schraube ist die alte Dame zerlegt worden. Schließlich ging es darum, herauszufinden, was geht noch und was muss ersetzt werden. Dafür hat der Waldeisenbahn-Verein – ihm gehört die Lok – das gute Stück aus den Händen gegeben. In einer Werkstatt im tschechischen Zamberk ist die Hauptuntersuchung erfolgreich absolviert worden.

Im März 2017 war sie außer Dienst genommen worden. Stillstand kennt die Lok aus anderen Zeiten: Ihr Platz war ein Denkmalsockel an der Muskauer Straße. Eisenbahnfans ließ sie nicht locker. Sie kümmerten sich um das Denkmal. Bis sie 1990 vom Sockel geholt wurde. Allerdings nur, um zu neuem Leben erweckt zu werden.

„1995 war sie bei der Waldeisenbahn das erste Mal wieder im Einsatz“, erinnert Heiko Lichnok, Geschäftsführer der Waldeisenbahn GmbH. Im damaligen Reichsbahnausbesserungswerk Görlitz wurde sie für den Einsatz auf den Schienen wieder fit gemacht. 2003/04 war die Zeit wieder reif, um das eine oder andere Teil zu ersetzen. das Dampflokwerk Meiningen übernahm diese Aufgabe. Zwischendurch und danach leistete die 99 3317 gute Arbeit. „Sie hat die ganze Zeit super funktioniert“, so Lichnok. Nicht umsonst hat sie bei den Waldeisenbahnern einen Namen weg: Sie ist nämlich die Gute.

Auch wenn die Lok, elf Jahre zum Stillstehen auf dem Sockel verdammt war, hat sie eine bewegte Geschichte hinter sich. 1918 wurde sie bei Borsig in Berlin gebaut. Es war eine Heeresfeldbahn-Brigadelok. Ihr Einsatz die Deutsche Eisenbahnbrigade. 1918 – es ist die Zeit des Ersten Weltkriegs. Wie hunderte baugleiche Kolleginnen soll sie in den Kriegseinsatz, um Truppen und Material zu transportieren. Sie fährt gen Osten, ins Gebiet um Wilna (heute Vilnius) . Die Lok verbleibt im litauischen beziehungsweise polnischen Gebiet. Jahrzehnte später wird sie von den Deutschen im Zweiten Weltkrieg für Rückführungen genutzt. 1947 dampft sie in der Grube Frieden – dem heutigen Halbendorfer See. 1952 erwirbt sie die Waldeisenbahn Muskau, bis sie 1977 letztmalig angeheizt wird. Und damit ein Jahr bevor die Waldeisenbahn ihren Dienst ganz einstellt.

Dass die Lok zum Denkmal wurde, ist aus zweierlei Hinsicht gut. Sie hält die ganze Zeit die Erinnerung an die Kleinbahn wach. Außerdem bleibt die Lok damit auch den Eisenbahnenthusiasten erhalten. „Das Land brauchte Devisen“, wirft Heiko Lichnok ein. Viele Loks verlassen im „Tausch“ gegen D-Mark die Deutsche Demokratische Republik. Die „Gute“ bleibt wie Diana im Land. Auch Lok Diana ist zu der Zeit Denkmal – in Oberoderwitz.

An der Brigade-Lok hängen die Waldeisenbahner auch deshalb so sehr, weil sie 1995 die erste eigene Dampflok nach der Wende ist. Nun ist sie sogar schöner denn je. Denn die Fachleute in Zamberk sind nicht nur technisch fit, sondern haben auch ein Faible für das historische Gesicht dieser Maschine. „Sie haben wirklich mit Liebe zum Detail gearbeitet“, findet Heiko Lichnok. Und er sagt es nicht nur so. Zusammengerechnet war er 18 Tage am Stück in der Werkstatt und ist dafür 7000 Kilometer Auto gefahren. In seiner Freizeit als Vereinsmitglied. Dabei sind auch viele Fotos entstanden, die dokumentieren, wie sich die Lok in Einzelteile „verwandelte“ und wie sie wieder zusammengepuzzelt wurde. Über 200 000 Euro hat den Waldeisenbahnverein diese technische Erneuerung gekostet. 75 Prozent davon hat der Freistaat gefördert. „Ohne das würde es auch nicht gehen.“

Mittlerweile hat die Lok nicht nur die Probefahrt auf der Zuckerrübenbahn in Kolin in Tschechien gemeistert, sondern war auch auf ihrer Heimatstrecke wieder unterwegs. Sie musste angefahren werden. „Intensiver als beim Auto“, sei das. Richtig unter Dampf steht sie nun zu Pfingsten. Zwei Dampflokzüge sind im Einsatz. Hinzu kommt ein Zug mit historischer Diesellok. Viele kennen nur ein Ziel: das 55. Park- und Blütenfest in Kromlau.

 Über zehn Jahre stand die Brigadelok als Denkmal vorm Eiscafé in der Muskauer Straße. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1987.
Über zehn Jahre stand die Brigadelok als Denkmal vorm Eiscafé in der Muskauer Straße. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1987. FOTO: Heiko Lichnok
 Von einer Dampflok ist hier nicht viel zu erkennen - sie wurde in hunderte Einzelteile zerlegt, geprüft, erneuert und wieder zusammengebaut.
Von einer Dampflok ist hier nicht viel zu erkennen - sie wurde in hunderte Einzelteile zerlegt, geprüft, erneuert und wieder zusammengebaut. FOTO: Heiko Lichnok
 Die Brigadelok bei der Probefahrt auf der Zuckerrübenbahn in Kolin (Tschechien).
Die Brigadelok bei der Probefahrt auf der Zuckerrübenbahn in Kolin (Tschechien). FOTO: Heiko Lichnok
 Über zehn Jahre stand die Brigadelok als Denkmal vorm Eiscafé in der Muskauer Straße. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1987.
Über zehn Jahre stand die Brigadelok als Denkmal vorm Eiscafé in der Muskauer Straße. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1987. FOTO: Heiko Lichnok
 Von einer Dampflok ist hier nicht viel zu erkennen - sie wurde in hunderte Einzelteile zerlegt, geprüft, erneuert und wieder zusammengebaut.
Von einer Dampflok ist hier nicht viel zu erkennen - sie wurde in hunderte Einzelteile zerlegt, geprüft, erneuert und wieder zusammengebaut. FOTO: Heiko Lichnok