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| 15:24 Uhr

Bundeswehr wird wegen Tagebau umgesiedelt
Lausitzer erkunden Schießbahn auf dem Truppenübungsplatz Oberlausitz

Boxberg. Die Bundeswehr muss umziehen. Der Tagebau Reichwalde rückt vor. Von Torsten Richter-Zippack

Sie ist rund 700 Meter breit und 2800 Meter lang. Zu Jahresbeginn hat die Bundeswehr ihre neue Schießbahn im westlichen Teil des Truppenübungsplatzes Oberlausitz-West in Betrieb genommen. Jetzt ist die Anlage erstmals der Öffentlichkeit gezeigt worden. Knapp 200 Menschen haben die Trainingsstätte für die Verteidigungskräfte im Rahmen des Bundeswehr-Wandertages in Augenschein genommen.

Geschossen, so erläutert Hauptfeldwebel Stefan Wünsch, wird unter anderem mit Übungs- und Manövermunition. Ziel sei, die via Computertechnik gesteuerten Attrappen möglich schnell und aus möglichst vielen Richtungen zu treffen und im wahrsten Sinne des Wortes umzulegen. Eine ganze Kompanie, also 40 bis 60 Mann, könne auf der nagelneuen Anlage, deren Bau bereits im Jahr 2013 begonnen hatte, ihr Können unter Beweis stellen. „Eigentlich handelt es sich um einen Umzug“, erklärt Stefan Wünsch. Denn die bisherige Schießbahn nahe der B 115 bei Rietschen müsse mittelfristig dem Tagebau Reichwalde weichen. Daher sei der Neubau im Wald westlich der Spree erfolgt.

Wildwest dürfen die Soldaten allerdings nicht spielen. Auch für die Bundeswehr gelten Lärmobergrenzen, sagt Thomas Bradel, der sich für deren Einhaltung verantwortlich zeigt. „Tagsüber 70 Dezibel, nachts 65 Dezibel. Das sind die normalen Grenzwerte.“ Allerdings würden diese während des Schießens weit übertroffen. Der Wert von 137 Dezibel sei vom Gesetzgeber als oberste Schmerzgrenze anerkannt. Dieser dürfe die Grenzen des Truppenübungsplatzes nicht überschreiten. Schließlich seien die Soldaten mit Gehörschützern unterwegs, die Anwohner der umliegenden Orte dagegen nicht. Daher befinden sich rund um die Schießbahn 22 Messpunkte. Diesen Sommer finde ein spezielles Schießen statt, bei dem die genauen Lärmwerte ermittelt werden sollen. Das gesamte Vorhaben solle in der nächsten Zeit in Neustadt, dem nächstliegenden Dorf, öffentlich präsentiert werden. Von dort sind es bis zur Schießbahn vier Kilometer.

Darüber hinaus marschieren die Gäste zu landschaftlichen Juwelen im westlichen Teil des Truppenübungsplatzes, die Normalbürgern in aller Regel verborgen bleiben.

Beispielsweise geht es zu den Tzschellner Wiesen. Dank der Bundeswehr wurden die Flächen nach ihren früheren Besitzern benannt und mittels Schildern im Gelände sichtbar gemacht. So gibt es die Adam-Wiesen, die Petrick-Wiesen, die Biele- und die Zähring-Wiesen. Hier und dort künden alte Obstbäume, derzeit in voller Blüte stehend, darüber hinaus Mauerreste, von den früheren Bewohnern der Tzschellner Siedlung Altes Fließ. „Ich kenne Tzschelln noch vor der Abbaggerung“, berichtet Hubert Friedemann. Der Weißwasseraner schwärmt vom Dorf, das einst idyllisch an der Spree lag. In der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre musste der Ort allerdings dem Tagebau Nochten weichen. Die etwas außerhalb befindlichen Streusiedlungen fielen jedoch nicht dem Bagger zum Opfer, mussten aber dennoch von den Bewohnern aufgegeben werden.

An das Dorf erinnert auch ein weiterer Punkt der Bundeswehr-Wanderung. Und zwar das Tzschellner Wehr in der Spree. Dort wird heute Strom für rund 350 Haushalte erzeugt. Die vor genau 20 Jahren errichtete Anlage besitzt sogar eine Fischtreppe. Mehr noch: Unterhalb des Wehrs darf die Spree wieder in ihrem ursprünglichen Bett fließen. Der Abschnitt weiter oben wurde im Zuge des Bergbaus auf viele Kilometer kanalisiert. Hier und dort sind noch die Reste des ehemaligen Spreeverlaufes, heute meist ohne Wasser, erkennbar.

Nur einen Steinwurf entfernt beginnen die schier endlosen Kiefernforsten. Zu rund 90 Prozent dominiert der Lausitzer Brotbaum auf dem Truppenübungsplatz, sagt Bundesförster Ralf Gleiche. Sein Betrieb versuche aber, den Laubholzanteil zu erhöhen, insbesondere an den Rändern des Platzes. „Wir wollen die Lärmbelastung möglichst niedrig halten“, lautet seine Begründung. In Spreenähe gibt es auch starke Eichen, hier und dort auch Buchen. „Da sind die Standorte einfach besser“, begründet Förster Gleiche.

Erstmals auf dem westlichen Teil des Truppenübungsplatzes Oberlausitz auf Achse sind die „Wandervögel“ aus Weißwasser. Dieser lose Zusammenschluss mehrerer Familien, der bereits seit 40 Jahren besteht, hat sich vor allem der Erkundung der Heimat verschrieben. „Wir sind einfach mal neugierig, was sich hinter den Sperrschildern befindet“, sagt Karl-Heinz Melcher. „Und diese Gegend war uns bislang völlig unbekannt.“

Indes plant die Bundeswehr für den kommenden Herbst den nächsten Wandertag. Dieser könnte nach Angaben von Platzkommandant René Pierschel in die Wüstung Tränke führen. Ein genauer Termin stehe allerdings noch nicht fest. Mehr noch: Im nächsten Jahr werde es wieder das beliebte Tränke-Fest geben und weitere zwölf Monate später den Tag der offenen Tür auf dem Truppenübungsplatz, wie Pierschel jetzt schon verrät.