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Bürgermeister für ein Dreivierteljahr

weißwasser.. Anfang 1947 übernahm Kurt Schildan die Amtsgeschäfte des Bürgermeisters aus den Händen von Paul Bistrosch. Die neu gebildete Stadtverwaltung übernahm weitere Verwaltungsaufgaben. Da viele Einrichtungen, besonders Dienstleistungsbetriebe, nicht mehr bestanden, mussten von staatlicher Seite neue eingerichtet werden. Eine besondere Abteilung zur Führung der städtischen Wirtschaftsbetriebe, später kommunale Wohnungsverwaltung, wurde gegründet. Von lutz stucka

Kurt SchildanDas Weißwasseraner Rathaus wurde im Zweiten Weltkrieg stark zerstört. 1947 bot sich vom Gebäude dieser Anblick.Viele Flüchtlinge waren in die Stadt zurückgekehrt. In Weißwasser lebten wieder 12 940 Einwohner, davon über 2000 Neubürger. Wie nicht anders zu erwarten, war der Männeranteil im Alter über 15 Jahre mit etwa 4000 recht klein. So mussten viele schwere Arbeiten, besonders die Beseitigung der Kriegsschäden und die Wiederaufnahme der Produktion, von Frauen und Kindern verrichtet werden.

Reparationen als Bürde
Schildans erste Aufgabe war die Beschaffung von Brennmaterial für Industrie und Haushalte. Besonders schwer machte sich die Demontage der Bergbautechnik in der Grube „Hermann“ am Nordrand Weißwassers als Reparationsleistung für die Sowjetunion bei der Brennstoff-Förderung bemerkbar. An erster Stelle stand allerdings die Versorgung der Betriebe, denn die Braunkohle war wichtigster Energielieferant. Die Bevölkerung hatte sich oft nur mit dem ausgesiebten Teil der Braunkohle zufrieden zugeben.
Die nach dem Volksentscheid enteigneten Weißwasseraner Industriebetriebe mussten neu strukturiert werden, woran der Bürgermeister eine entscheidende Mitwirkung hatte. Hauptsächlich mühte er sich um die Wiedereinrichtung städtischer Einrichtungen und die Beseitigung der Trümmer in der Stadt.
Die Opfer des Krieges blieben mit seinem Ende aber nicht aus. Neben den zu bestattenden gefallenen Soldaten kamen besonders ältere Einwohner und Kinder hinzu, die sich Gesundheitsschäden während der Flucht vor der Front und der anschließenden Unterernährung zuzogen. Die Friedhofskommission stellte fest, dass der Bestattungsplatz nur noch für etwa zwei Jahre ausreichen würde. So entschied Bürgermeister Schildan, anschließendes Waldgelände zur Friedhofserweiterung anzukaufen. Es erfolgte die Einebnung und Umzäunung, wofür der Forstwirtschaftsbetrieb 160 Granitsteine bereitstellte. Diese Zaunsäulen standen infolge des Rückbaus des gräflichen Tiergartenzaunes zur Verfügung. Privilegierte Jagdgebiete sollte es nicht mehr geben. Die Bildung und Umgestaltung der städtischen Verwaltung musste sich in kurzen Zeitabschnitten vollziehen. Erfahrungen, wie es am Besten geschehen könnte, gab es kaum. Die Leute in den Spitzenpositionen hatten es äußerst schwer. So auch der Bürgermeister, dem darüber hinaus noch so mancher Stein in den Weg gelegt wurde. Denn an einigen Stellen konnte man auf ehemalige NS-Beamte noch nicht verzichten. Ein Beispiel, wie der Verwal tungsapparat der Glasindustrie entstand, in dem auch der Bürgermeister der Stadt eine nicht unbedeutende Rolle zu spielen hatte, soll hier genannt sein: Die nach dem Volksentscheid enteigneten Weißwasseraner Industriebetriebe wurden der sächsischen Landesregierung unterstellt.

Verwaltungsrat
Es entstand ein Verwaltungsrat, an dessen Spitze sich der Weißwasser Kommunist Ferdinand Greiner befand. Die neue Einrichtung wurde als „Industrieverwaltung (IV) 29 Glas Bernsdorf“ bezeichnet. Kurz darauf wurde diese Industrieverwaltung zur „Vereinigung Volkseigener Betriebe Koalin-Glas-Keramik in Sachsen, Brandenburg und Thüringen“ zusammengestellt. Nur wenige Wochen später, am 23. Juni 1948, nach der Enteignung der Glashütte Gelsdorf, kamen die sächsischen Betriebe der Branche zur „Vereinigung Volkseigener Betriebe Glas-Keramik Land Sachsen“ mit dem Sitz in Kamenz und unterstanden nun dem Minister für Schwerindustrie Fritz Selbmann.
Jetzt wurde bemerkt, dass es besser sei, die Betriebe identischer Branchen enger zusammenzufassen, was noch im selben Jahr geschah. Es entstanden die „Vereinigung Volkseigener Betriebe (VVB) (Z) Ostglas, Weißwasser“ , die VVB (Z) Mittelglas, Cottbus und die VVB (Z) Westglas, Ilmenau. Der Sitz der Verwaltung Ostglas war bis 1955 die Villa Gelsdorf, heute Glasmuseum. Ende 1950 erfolgte wieder eine Neuordnung der VVB Ostglas. Die bisher vom Land gesteuerten sächsischen Glasbetriebe wurden von der VVB-Verwaltung selbst übernommen. Die brandenburgischen Betriebe schieden aus, und im Jahr 1956 wurden diese drei Werksvereinigungen (VVB) wieder aufgelöst. Es entstand die Hauptverwaltung Glas in Dresden. Aber auch das wirkte sich nicht günstig aus. Zwei Jahre danach erfolgte wieder die Dezentralisierung der einzelnen Glasbranchen. So entstand die VVB (Z) Glas Dresden, die VVB (B) Glas Weißwasser, und die VVB (B) Groß Breitenbach. In den folgenden sechs Jahren reifte erneut die Erkenntnis, dass die VVB nach ihren Erzeugnisgruppen strukturiert werden müssen. So gab es ab dem ersten Tag des Jahres 1964 die VVB Haushalts- und Verpackungsglas Weißwasser, die VV B Bauglas Dresden und die VVB Technisches Glas Ilmenau. Weißwasser war also für die Erzeugnisgruppen Wirtschafts- und Bleiglas, Behälter- und Beleuchtungsglas zuständig. Dieser Schritt sollte dennoch nicht der letzte sein. 1978 erfolgte schließlich die vollständige Auflösung dieser Vereinigung unter gleichzeitiger Eingliederung in das Kombinat Lausitzer Glas.
Dieses Beispiel soll zeigen, dass Verwaltungsaufgaben recht schwierig zu erfüllen waren und besonders in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg die Stadtoberhäupter rasch überforderten. Schon Ende des Jahres 1947 übergab Bürgermeister Kurt Schildan sein Amt an Georg Teubner.

Erinnerungen
Einige Episoden aus jener Zeit können vielleicht Erlebtes ins Gedächtnis zurückrufen. Karl-Heinz Heuer wusste eine Begebenheit zu erzählen: „Die Lebensmittelknappheit nach dem Krieg machte besonders den Stadtbewohnern schwer zu schaffen. Die aufgefundenen Nahrungsmittelkonserven aus den Kellern der nicht mehr zurückgekehrten Einwohner waren bald in den Volksküchen aufgebraucht. Die Essenrationen der russischen Kommandantur an die Zivilbevölkerung konnten natürlich nicht ausreichend sein. Die Leute mussten sich selbst helfen. Viele, die ein Stück Land hatten oder etwas pachten konnten, bauten Kartoffeln und Getreide an. Andere gingen im Halbdunkeln auf die Felder der Bauern, um während der Ernte verloren gegangenes Getreide, Kartoffeln oder Rüben aufzulesen.

Wer etwas hatte . . .
Wer aber im Besitz von Schmuckgegenständen, Uhren, Geschirr, Kleidung, Tabak, Zucker, Salz und anderes war, der konnte sich die fehlenden Nahrungsmittel auf dem Schwarzmarkt eintauschen. Oft sah ich Leute aus Weißwasser nach den umliegenden Dörfern gehen, um dort einige Habseligkeiten gegen Lebensmittel einzutauschen.
Etwas später, als die begrenzten Nahrungsmittel wieder in die Geschäfte kamen und gegen Lebensmittelmarken ausgegeben wurden, kam es schon vor, dass einige Kunden bevorzugt wurden, oder gar größere Mengen Ware nicht da ankamen, wo sie hingehörten, also verschoben wurden. Von der Stadtverwaltung eingesetzte Kontrolleure sollten dies unterbinden. Die Mitbürger waren darüber geteilter Ansicht und mittels Witzen und Karikaturen wollte man diesen Zustand benennen. An eine Karikatur, die ein Milchhändler in seinem kleinen Laden angebracht hatte, kann ich mich noch gut erinnern. Auf einer Zeichnung war eine Person zu sehen, die einen Leiterwagen schob. Eine zweite Person, an der Deichsel gehend, versuchte mit aller Kraft, diesen Wagen zu bremsen, so als ob er einen Hang herunter führe. Unterschrieben war dieses Bild mit den Worten: ,Wo alles schiebt, darf keiner bremsen.' War dies nun ein Aufruf oder eine zynische Kritik„ Lange hing di ese Zeichnung aber nicht an ihrem Fleck. Alle Kunden, die dies bemerkten, lächelten nun erst recht darüber, muss sie doch jemandem, der etwas zu sagen hatte, gestört haben.“
Weitere Geschichten, von Leuten aus Weißwasser erzählt, sind diese: „Es gab bei der Versorgung der Einwohner durch den Handel immer viel Kritik. Einmal fehlte es an Scheuertüchern und ich versuchte, welche zu beschaffen. Unser Geschäft wurde über die Deutsche Handelszentrale Textil, Niederlassung Forst, beliefert. Während wir im Jahr zuvor regelmäßig etwa 15 000 Stück im Quartal erhielten, schrumpfte die Zahl plötzlich auf 4000 zusammen. Ein halbes Jahr hagelte es Beschwerden und Eingaben an zentraler Stelle in Berlin, aber immer ohne Erfolg. Sogar als wir eine Zusatzlieferung von 20 000 dieser begehrten Lappen aufgeben mussten, erhielten wir nicht mal eine Antwort, obwohl das neue Jahr erst begonnen hatte. Irgendwann hatte die Sache sich dann doch ergeben, als jeder einen überreichlichen Vorrat von der einen oder anderen Mangelware zu Haus angelegt hatte.

Vorrat bis Ostern
Die meisten Leute stellten zur Weihnachtszeit ihren Stollen selbst her und dann davon so viel, dass der Vorrat oft bis Ostern reichte. Es war also sehr wichtig, sich bei Zeiten mit den nötigen Backzutaten zu versehen. Ende November konnten aber noch immer keine Zutaten verkauft werden, nicht deswegen, dass es keine gab, sondern deswegen, weil die Rechnungen zu den bereits vor einigen Wochen gelieferten Lebensmittel fehlten.
Ein weiteres Beispiel war die Versorgung der HO-Verkaufsstellen mit Fischwaren, die schon längere Zeit keine Bratheringe, Rollmöpse und dergleichen verkaufen konnten. Die Verkäuferin schimpfte ebenso wie ich: ,Gerade unsere Glasmacher verlangen zum Frühstück diese Waren, um ihre trockene Kehle etwas zu befeuchten. Warum bekommen wir so etwas nicht für den Verkauf geliefert, obwohl es in anderen Geschäften so etwas gibt“'“ „Zu Weihnachten fand in der HO-Gaststätte Volkshaus eine Weihnachtsausstellung und Verkaufsmesse statt. Sie war nötig, da im vergangenen Jahr der Spielwarenhandel sehr schlecht beliefert wurde.

Spremberg gut eingedeckt
Ich erfuhr von einem Verantwortlichen, dass sich das Lager in Spremberg gut eingedeckt habe. Weißwasser war allerdings ein Nebenlager von Spremberg und wurde bisher auch so behandelt, was aber besser werden sollte. Sehr wichtig war die Belieferung der Läden mit mechanisch-automatischem Blechspielzeug. Der Mann von der HO beruhigte mich mit der Information, dass durch den Aufschwung in der Blechwarenindustrie seit dem Beginn des neuen Kurses von Regierung und Partei auch hier größere Mengen an Abfallblechen frei werden, die für die Spielwarenerzeugung verwandt werden können. Alle anderen Spielwaren wie Puppen usw. gäbe es ja bereits in Hülle und Fülle und in den verschiedensten Arten und Qualitäten. Die Weihnachtsausstellung soll ihre Reichhaltigkeit zeigen und alle Einwohner der Stadt befriedigen. Zur gleichen Zeit soll eines der großen Schaufenster in der Konfektionsabteilung der HO an der Bautzener Stra*amp *szlig;e als Spielwarenausstellung gestaltet werden. Die Werbeabteilung wolle sich dabei alle Mühe geben.“