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| 13:59 Uhr

Psychologe sagt im Landgericht Görlitz aus
Brutaler Mord in Weißwasser: Täter könnte wieder gewalttätig werden

 Der Angeklagte Walter T. im Görlitzer Landgericht. Der nächste Verhandlungstag ist für den 16. Mai angesetzt.
Der Angeklagte Walter T. im Görlitzer Landgericht. Der nächste Verhandlungstag ist für den 16. Mai angesetzt. FOTO: Danilo Dittrich
Görlitz/Weißwasser. In Weißwasser soll Walter T. einen Mann mit Messerstichen und Hammerschlägen getötet haben. Vor dem Görlitzer Landgericht zeichnet ein Psychologe ein düsteres Bild von dem mutmaßlichen Mörder. Von Torsten Richter-Zippack

Der Vorwurf wirkt schwer: Der fast 26-jährige Walter T. soll in der Nacht vom 22. auf den 23. August 2018 den 38-jährigen Daniel B. in dessen Wohnung in der Weißwasseraner Gartenstraße getötet haben. Mittels Messerstichen und Hammerschlägen war Daniel B. aus dem Leben geschieden. Äußerst brutal und gewalttätig ist der Angeklagte vorgegangen, wie die Staatsanwaltschaft in einem früheren Termin schildert. Anschließend zerstach Walter T. auf dem 1,2 Kilometer langen Weg von der Gartenstraße zu seiner Wohnung in der Puschkinstraße die Reifen von 13 Autos.

Während der Hauptverhandlung hat Dr. Frank Wendt, Sachverständiger der forensischen Psychiatrie, einen Einblick in die Biografie und in die Gedankenwelt des mutmaßlichen Mörders gewährt. Demnach hatte es Walter T. von Beginn an schwer, Freunde und Bekannte zu finden.

Einblicke in die Gedankenwelt des Angeklagten

„Er hat sich vor allem mit sich selbst beschäftigt“, berichtet Frank Wendt. In der Grundschule gab es zwar keine Lernschwierigkeiten, wohl aber Konzentrationsprobleme. Der Vater des Angeklagten wird als streng und desinteressiert beschrieben.

Bereits während der Schulzeit wurde Walter T. mit Medikamenten behandelt, so mit Ritalin. Diese Substanz wirkt stimulierend und wird bei Aufmerksamkeitsstörungen eingesetzt.

 Der Tatort: Der Mord hatte sich am 22. August in diesem Wohnblock in der Weißwasseraner Gartenstraße ereignet. (Archivfoto)
Der Tatort: Der Mord hatte sich am 22. August in diesem Wohnblock in der Weißwasseraner Gartenstraße ereignet. (Archivfoto) FOTO: Torsten Richter-Zippack

Den Hauptschulabschluss schaffte der Weißwasseraner erst nach einer „Ehrenrunde“. In jene Zeit fällt auch sein erster Aufenthalt im psychiatrischen Krankenhaus Großschweidnitz. „Dort hatte er sich wohl gefühlt und wurde ruhiger“, resümiert der Sachverständige Frank Wendt.

Der erste Alkohol im Alter von zwölf Jahren

Im Alter von zwölf Jahren konsumierte Walter T. erstmals Alkohol, zwölf Monate später auch Cannabis. Die Suchtmittel sollten ihn fortan nicht mehr loslassen. Nach der Schule war Walter T. unschlüssig, was aus ihm werde sollte. Im Jahr 2010 begann er zwar eine Ausbildung im Garten- und Landschaftsbau in Bautzen, die aber bald abgebrochen wurde. Der Grund: ein zu langer Fahrtweg.

Auch ein zweiter Versuch bei einer Gala-Bau-Firma in Tauer bei Peitz scheiterte. In Cottbus soll Walter T. in der dortigen Punkerszene seine Freundin Sarah kennengelernt haben. Später kehrte der mutmaßliche Mörder zu seinen Eltern zurück. Er begann in seiner Geburtsstadt Bad Muskau eine Kochausbildung. Nach zwei Jahren wurde allerdings auch diese abgebrochen.

Anschließend ging es wieder in die Großschweidnitzer Psychiatrie. Im Jahr 2014 stand eine eine körperliche Auseinandersetzung mit dem Vater auf dem Programm. Letztlich zog Walter T. zu seiner Uroma, doch kam es auch dort zu Problemen. Die Alkohol- und Drogensucht nahm immer extremere Züge an. „Er konsumierte, was er bekommen konnte“, sagt Frank Wendt. Letztlich scheiterte auch der geplante Neustart in Weißwasser. Dort hatte Walter T. eine Wohnung in der Puschkinstraße bezogen.

Es folgten Aufenthalte in den Krankenhäusern in Weißwasser und Großschweidnitz. Im Oktober 2017 hatte der Angeklagte in der Glasmacherstadt Polizisten beleidigt. Bis dato war er nicht mit dem Gesetz in Konflikt gekommen. Allerdings war Walter T. mit sich und der Welt sehr unzufrieden. Er hatte zwar viele Kontakte, aber kaum Freunde. Das Verhältnis zu seinem jüngeren Bruder beschreibt der Weißwasseraner als „gut“.

Gefahr, dass er wieder gewalttätig wird

Bei der Verhandlung im Görlitzer Landgericht wirkt Walter T. ruhig. Der mittelgroße schlanke Mann mit Oberlippenbart und dunklen schulterlangen Haaren, die zum Scheitel gekämmt sind, verzieht keine Miene. Die meiste Zeit stützen seine Hände den Kopf. Bisher hat er vor Gericht geschwiegen.

Im vergangenen August nahm Walter T. die Katzen vom Nachbar in Pflege. Allerdings wollte er nicht gemeinsam mit den Tieren in seiner Wohnung übernachten. Stattdessen zog es ihn zu seinem Bekannten Daniel B. Am Abend des Tattages hatten die beiden Alkohol konsumiert. „Rein rechnerisch hätte T. einen Alkoholwert von maximal 2,8 Promille aufweisen können“, sagt Gutachter Wendt. Am frühen Morgen des 23. August 2018 sind beim Angeklagten noch 1,86 Promille gemessen worden.

Die eigentliche Tat hatte sich wahrscheinlich gegen 23 Uhr oder etwas später ereignet. Wahrscheinlich, so Frank Wendt, geschah das Verbrechen abrupt ohne Vorplanung. Zudem habe es beim mutmaßlichen Mörder kein Abwägen zwischen Ursache und Wirkung gegeben.

Ein Test ergab, dass sich der Angeklagte ziemlich genau auf der Grenze zwischen moderatem und gewalttätigem Verhalten bewege. Sollte seine bisherige Perspektivlosigkeit weiter fortbestehen, sei das Risiko weiterer Straftaten sehr hoch, einschließlich massiver Gewaltanwendungen, urteilt Frank Wendt.

Für das Gerichtsverfahren sind zwei weitere Termine angesetzt. Der nächste findet am 16. Mai im Görlitzer Landgericht statt. Dem Beschuldigten droht bei einer Verurteilung wegen Mordes eine lebenslange Freiheitsstrafe.