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| 01:47 Uhr

Bildungsreise in die Oberlausitzer Wolfsregion

Rietschen/Boxberg. Aufklärung über Wölfe in Sachsen wollte Umweltminister Frank Kupfer am Mittwoch betreiben. Dazu hatte er einen Tross von Journalisten ins Nochtener Wolfsrevier eingeladen und mit Experten zusammengeführt. Von Daniel Preikschat

Carlo und Ben erkennen gleich, dass von diesem Rudel keine Gefahr für ihre Schafherde ausgeht. Friedfertig trotten die Pyrenäen-Berghunde auf die Journalisten zu und lassen sich fotografieren.

Dabei können sie durchaus angriffslustig sein, wie Herrchen Frank Neumann auf der Schafweide nahe Mühlrose vor klickenden Fotoapparaten, laufenden Kameras und gezückten Notizblöcken versichert. Nämlich dann, wenn sich Wölfe der Herde nähern. Seit 1998 habe er 45 Tiere verloren, erzählt der Schäfer aus Rohne. Die meisten gerissen von Wölfen. Nach dem Kauf zweier Hütehunde vor fünf Jahren gebe es kaum mehr Verluste. Mittlerweile hat Neumann fünf von ihnen, die seine zwei Herden mit je 270 bis 300 Tieren zuverlässig vor dem Wolf schützen.

Wovon sich Wölfe in der Oberlausitz in der Hauptsache ernähren, erfährt Kupfers Reisegruppe, die am Morgen in Dresden im Bus gestartet ist, später am Tag von Ilka Reinhardt. Am Westrand des Truppenübungsplatzes Oberlausitz nimmt die Fachfrau vom Wildbiologischen Büro Lupus in Spreewitz die Journalisten in Empfang. 3000 Kotproben der Lausitzer Wölfe habe das Görlitzer Naturkundemuseum schon untersucht, erzählt die studierte Biologin. "Sie zeigen, dass die Wölfe vor allem Rehe fressen, aber auch Wildschweine und Hirsche." Von diesen Tieren gebe es genug in der Region.

Ilka Reinhardt erzählt das nicht nur. Sie zeigt ihren neugierigen Zuhörern auch gleich einige Häuflein nahe einer Panzerstraße. Als wären sie vorher bei den Wölfen bestellt worden, finden sich auch Pfotenabdrücke von ihnen. Aus einem selbst auslösenden Fotoapparat, befestigt an einem Baumstamm, nimmt Reinhardts Kollegin Gesa Kluth den Chip und sieht sich mit Minister Kupfer die Bilder am Laptop an. In jedem der neun Rudelgebiete, die es mittlerweile in der Lausitz gibt, seien zwei Fotofallen installiert, erzählt Kluth. Regelmäßig liefen die Wölfe rein. Da einige der geschützten Tiere außerdem mit Sendern ausgestattet werden konnten, erfährt Lupus eine ganze Menge über sie: wie viele Rudel sie haben, wie viel Nachwuchs, was sie fressen, in welche Richtung sie sich ausbreiten. "Derzeit Richtung Nord-West", so Ilka Reinhardt.

Ob es nicht irgendwann zu viele Wölfe in der Region geben kann, fragt ein Journalist. Dem beugten die Wölfe selbst vor, entgegnet die Fachfrau: "Sie zeichnet ein Territorialverhalten aus." Der Nachwuchs in einem Rudel sucht sich neuen Lebensraum. Auf diese Weise aber, hakt ein anderer Medienvertreter nach, nähere sich der Wolf in der Königsbrücker Heide schon Dresden. "Dort", beruhigt Reinhardt, "wird er nie auftauchen." Von der Lausitz aus betrachtet finde er in allen Himmelsrichtungen bessere Bedingungen vor. Ruhe und genug zu fressen.

Im Rietschener Erlichthof, wo es eine Wolfsausstellung zu sehen gibt, erzählt Minister Kupfer, dass es ihm heute genau darauf ankommt: "Journalisten sollen aus erster Hand gut informiert werden." Vor allem diejenigen, die bisher nicht über Wölfe berichtet haben. So habe er bevorzugt Redaktionen südlich der Oberlausitz zur Reise eingeladen, wo der Wolf künftig auch auftauchen könnte. Die Erfahrungen in der Lausitz zeigten, so Kupfer, dass Mensch und Wolf gut miteinander leben können. Diese Botschaft sollten die Medienvertreter nach außen tragen.

Vorbehalte, bestätigt Rietschens Bürgermeister Ralf Brehmer der Reisegruppe, habe es in Rietschen anfangs durchaus gegeben. "Wir wissen hier aber längst, dass es die Wölfe nicht auf uns, sondern höchstens auf unsere Komposthaufen abgesehen haben." Allerdings seien 2008 noch 56 Nutztiere gerissen worden, so Brehmer. Das sei "ärgerlich", die Halter würden jedoch entschädigt. Für ihn überraschend habe sich außerdem gezeigt, dass oft Hunde die Tiere reißen.

Für Brehmer ist der Wolf ein "Indikator für eine gesunde Umwelt". Außerdem ziehe er Touristen an. Exkursionen ins Wolfsgebiet seien immer beliebter. Leider, so der Bürgermeister, würden Touristen "regelmäßig enttäuscht", die den Wolf gern sehen würden. Eine Enttäuschung, die am Mittwoch auch Kupfers Reisegruppe nicht erspart blieb.