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| 17:53 Uhr

Natur
Experte: Biber halten sich nicht an Regeln

Bad Muskau. Norbert Allberger aus Bad Muskau befasst sich seit acht Jahren mit den Nagern. Von Torsten Richter-Zippack

Was steht über den Biber nicht alles in den Lehrbüchern! Die Nager fräßen nur weiches Holz, seien ortstreu. Die Jungtiere lebten nur im Haupt-, aber nie in Nebenbauen. „Das kann man alles vergessen“, sagt der Bad Muskauer Norbert Allberger. Seit rund acht Jahren befasst er sich mit Meister Bockert, wie der Volksmund den Biber nennt. Ebenso räumt der 62-Jährige mit der weit verbreiteten Meinung auf, dass Menschen Biber so gut wie nie zu Gesicht bekämen. „Wenn ich es will, sehe ich die Tiere jeden Tag.“

Seit ungefähr sieben Jahren ist Allberger im ehrenamtlichen sächsischen Naturschutzdienst tätig. Bei der Görlitzer Naturschutzbehörde gilt der Bad Muskauer als Biberbetreuer, einer von acht Biberbtreuern in der Muskauer Heide und im Zittauer Gebirge. Sein Gebiet erstreckt sich über große Teile des Altkreises Weißwasser entlang der Neiße zwischen dem Pecherner Wehr und der Landesgrenze zu Brandenburg sowie über die Gewässer westlich davon.

„Bei mir gibt es derzeit 13 besetzte Reviere“, sagt der Naturfreund. Darüber hinaus existierten weitere Flächen, wo früher Biber lebten. Allberger berichtet zudem von Arealen, auf denen er auf die Ankunft von Meister Bockert warte. „Ich bin für jeden Hinweis aus der Bevölkerung dankbar“, sagt der Experte.

Vor rund acht Jahren hatte der Bad Muskauer, der aus Weißwasser stammt, seine erste Begegnung mit diesen Nagetieren: „Das war am Neiße-Wasserwerk in Bad Muskau. Da hatte ich ein Knall ähnliches Geräusch vernommen. Das stammte von einem Biber, der mit seiner Kelle, also seinem Schwanz, auf das Wasser schlug. Das machen die Tiere, wenn Gefahr in Verzug ist.“ Ein paar Tage später traf sich Allberger mit dem Naturschutz-Beauftragten des Kreises. „Und siehe da, gleich mehrere Biber erschienen.“

Allbergers spannendste Erkenntnis aus den vielen Biberjahren ist: „Die Tiere halten sich an keinerlei Regeln, die in Büchern stehen. Klar kann man auf eine spezielle Handlung warten, doch dann machen sie doch etwas ganz Anderes.“ Vor allem stimme die Annahme nicht, die Nager würden sich nur weichen Holzes, also von Weiden, Pappeln und Birken, annehmen. „Einmal hat der Biber sogar eine 40 Zentimeter starke Hainbuche umgelegt. Und die besitzt nun wirklich sehr hartes Holz“, erklärt der Fachmann. „Das Kuriose ist, wenn man denkt, die Antwort auf zehn Biberfragen zu haben, kommen 15 neue hinzu.“ Mehr noch: „Der Biber ist eine Wissenschaft für sich.“

Norbert Allberger berät betroffene Landbesitzer. In enger Abstimmung mit der Kreisnaturschutzbehörde lässt er manche vom Biber errichtete Dämme zurückbauen. „Alle Maßnahmen, die ich bislang vorgeschlagen habe, wurden auch umgesetzt“, sagt der 62-Jährige. Betroffen seien Standorte, wo Gebäude in Gefahr geraten könnten. Dort drohe Vernässung. Oder wenn größere Bäume angenagt werden, die im Umsturzfall ebenfalls Häuser gefährden.

Außerdem kartiert Allberger alle ihm bekannten Biberreviere. So werde festgestellt, wo die meisten Aktivitäten stattfinden. Ein Territorium entlang eines Fließgewässers könne bis zu vier Kilometer lang sein, aber nur 20 bis 30 Meter breit. Fast jeden Tag sei er draußen, zumeist mit dem Fahrrad. Manchmal wundere er sich über die Unkenntnis manches Zeitgenossen. „So waren mehrere Muskauer einst der Meinung, unter ihrer Eisenbahnbrücke über die Neiße würden Biber leben. Die haben sich aber als Nutrias herausgestellt“, berichtet Allberger.

Die aus Südamerika stammenden Nutrias haben immer runde Schwänze, nie eine Kelle wie der einheimische Biber. Ohnehin sei Meister Bockert erst zur Jahrtausendwende an der Neiße eingewandert. Heute sei der Fluss von Görlitz stromabwärts so gut wie flächendeckend besiedelt. Und er dürfte es auf Dauer bleiben.