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| 14:16 Uhr

Schlossgespräch in Bad Muskau
Mobilität ist der Schlüssel zur Zukunft

 Verkehrsexperte Christoph Gipp vom IGES Institut Berlin (v.l.), Marco Wanderwitz, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesinnenministerium, und Johanna Hohaus von der Konrad-Adenauer-Siftung bei der Podiumsdiskussion im Neuen Schloss Bad Muskau.
Verkehrsexperte Christoph Gipp vom IGES Institut Berlin (v.l.), Marco Wanderwitz, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesinnenministerium, und Johanna Hohaus von der Konrad-Adenauer-Siftung bei der Podiumsdiskussion im Neuen Schloss Bad Muskau. FOTO: Steffen Bistrosch
Bad Muskau. Beim Schlossgespräch in Bad Muskau geht es neben dem Handynetz auch um Mobilität. Zuhörer aber bleiben skeptisch, dass die Politik Lösungen hat. Von Steffen Bistrosch

Während am Donnerstagabend noch zahlreiche Besucher die späten Sommersonnenstrahlen im Muskauer Park genießen, finden einige Dutzend den Weg in den kühlen Festsaal des Neuen Schlosses, um am Podiumsgespräch mit Marco Wanderwitz, Mitglied des Bundestages und Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesinnenminister, sowie mit dem Verkehrsexperten Christoph Gipp vom IGES Institut Berlin teilzuhaben.

Das Thema des Abends: „Mobil im ländlichen Raum, Erreichbarkeit als Schlüssel zur Entwicklung“. Die Anforderungen sind ebenso wie die Erwartungen über Jahrzehnte ständig angestiegen und werden es auch weiter tun, sind sich Redner und Zuhörer einig. Wenngleich einiges erreicht worden sei, sei der Ist-Zustand nicht zufriedenstellend.

Als Beispiel genügen schlechter Mobilfunk in der Lausitz, die sogenannten „Weißen Flecken“, oder die Taktung der Buslinien abseits der größeren Städte. Marco Wanderwitz, der selbst aus dem Chemnitzer Raum stammt, kennt die Probleme in der Lausitz. Hinzu komme der demografische Wandel. Wanderwitz erläutert den Anwesenden, die Bevölkerungszahl in den neuen Bundesländern entspreche etwa der des Jahres 1905, allerdings sei der Altersdurchschnitt deutlich höher. Dass mit der Wende gerade die Jüngeren der Arbeit und vermeintlich besseren Lebensbedingungen hinterhergezogen sind und es immer noch tun, wissen alle im Saal. Ballungsgebiete wie Dresden, Leipzig oder Chemnitz ziehen die Jüngeren an. Der gut bezahlten Arbeit und Attraktivität stehen auf der anderen Seite Wohnungsmangel, hohe Mietpreise, extreme Bevölkerungsdichte oder Kriminalität entgegen. „Hier bietet der ländliche Raum Möglichkeiten, die es zu erkennen und nutzen gilt“, so Wanderwitz.

Sein Ministerium arbeite mit Nachdruck an dem Projekt, gleiche Lebensverhältnisse in der Stadt wie auf dem Land zu erreichen. Der Strukturwandel mit Ausstieg aus der Kohle nimmt bereits Fahrt auf. Am meisten betroffen sind (wieder)  die ländlichen Gebiete. Im Gegensatz zu 1989 stellt die Bundesregierung in den kommenden Jahrzehnten zielgerichtet insgesamt 40 Milliarden Euro zur Verfügung.

Christoph Gipp, Experte für die strategische Entwicklung und Planung von Mobilität und Infrastrukturen, ist mit dem Thema ebenfalls bestens vertraut. Er stammt selbst aus einem „echten Kuhdorf“ in Vorpommern. Er fordert zukunftsfähige Lösungen für Mobilität und Nahversorgung und zeigt einige denk- und machbare in seiner Powerpointpräsentation auf. „Für Lösungen braucht es die öffentliche Hand ebenso wie privates Engagement“, sagt er. Die Lausitz könne Modellregion werden. Er nennt den Odenwaldkreis als Beispiel. Hier gebe es eine tatsächliche Mobilitätsgarantie im ländlichen Raum von fünf Uhr morgens bis 22 Uhr abends. Das funktioniere, weil alle an einem Strang ziehen. Umfassende Digitalisierung ist zwingend notwendig, genau wie die schnelle Erreichbarkeit von Job, Supermarkt, Arzt, Verwaltung und allen Dingen des täglichen Lebens. Gipp nennt Busse und Züge im Stundentakt als Minimumanforderung.

Alle Möglichkeiten der Vernetzung zu nutzen, erfordere auch Umdenken. Ein schlechtes Mobilfunknetz verhindere eben auch autonomes Fahren. Die Zuhörer im Saal bleiben skeptisch: „Diskussionen anstelle Lösungen, Großprojekte scheitern regelmäßig. Wenn gebaut wird, dann dauert das ewig, und wenn es doch irgendwann fertiggestellt wird, dann ist es bereits veraltet. Jeder klagt gegen jeden. Entscheidungen werden gekippt. Planungen überdauern ganze Jahrzehnte. Das Geld für den Kohleausstieg fließt bereits jetzt in Projekte weitab von den Braunkohleregionen“, sagt ein Zuhörer.

Wolfgang Riedel, Geschäftsführer der Straßen- und Tiefbau GmbH See, fügt der Diskussion hinzu, er habe gehofft, Antworten auf Fragen zu erhalten. Stattdessen habe er jetzt noch mehr Fragen. Wanderwitz bleibt optimistisch, Planungen müssten zwingend beschleunigt werden, Geld sei genügend da, es gebe genügend positive Beispiele auch in Sachsen, wo totgesagte Gegenden Aufwind durch Verkehrs- oder Industrieprojekte erhalten. Das erhofft er sich auch von der Lausitz. Gipp wird konkreter, nennt den Verkehrsverbund ZVON zukunftsorientiert und offen. Sagt, Bahnhöfe wie der in Weißwasser können zu Knotenpunkten werden, auch Ärzte könnten mobil werden wie Pflegedienste. „Wenn in einem Dorf für Infrastruktur gesorgt wird, gilt es die Nachbarorte miteinander zu vernetzen“, so Gipp. Der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) kann so optimiert werden, dass das eigene Auto stehen bleibt.

Thomas Heisler aus Bad Muskau ist regelmäßiger Nutzer der Bahn. Er meint, der allgemeine Zustand verschlechtere sich hier eher, ebenso wie Fahrpläne. Er erinnert sich noch bestens an die Direktverbindung von Weißwasser an die Ostsee. „Rahmenbedingungen müsse die Politik schaffen, Fehler wie die Teilprivatisierung der Bahn sind und bleiben Hemmnisse“, sagt er.

Parkleiter Cord Panning wünscht sich eine „Denkweise im Verbund über Stadt oder Ländergrenzen hinweg“. Seine Vision sind Besucher aus Hamburg oder Breslau, die mit dem ICE nach Weißwasser reisen und am Bahnhof in die Waldeisenbahn umsteigen, um eine Woche in Bad Muskau oder dem Umland zu bleiben.

 Verkehrsexperte Christoph Gipp vom IGES Institut Berlin (v.l.), Marco Wanderwitz, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesinnenministerium und Johanna Hohaus von der Konrad Adenauer Siftung bei der Podiumsdiskussion im Neuen Schloss Bad Muskau.
Verkehrsexperte Christoph Gipp vom IGES Institut Berlin (v.l.), Marco Wanderwitz, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesinnenministerium und Johanna Hohaus von der Konrad Adenauer Siftung bei der Podiumsdiskussion im Neuen Schloss Bad Muskau. FOTO: Steffen Bistrosch