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| 03:05 Uhr

Begleiter in schwerer Zeit

Seit sechs Jahren arbeitet Wolfgang Lehmann aus Gablenz als Trauerredner.
Seit sechs Jahren arbeitet Wolfgang Lehmann aus Gablenz als Trauerredner. FOTO: Regina Weiß
Gablenz. Der morgige Totensonntag ist ein Gedenktag für die Verstorbenen. Familienangehörige, Freunde zu verlieren, ist schmerzhaft. Wolfgang Lehmann erlebt Schmerz, Trauer, Hilflosigkeit seit sechs Jahren immer wieder – er arbeitet als Trauerredner. Regina Weiß

Sensibilität und Distanz - beides braucht Wolfgang Lehmann, wenn er trauernde Angehörige zu Hause besucht. Er muss zuhören können, mit dem nötigen Fingerspitzengefühl agieren, "aber ich will und kann die Schicksale einzelner nicht zu nah an mich ranlassen", erklärt er der RUNDSCHAU.

Der ehemalige Lehrer für Geografie und Sport ist gefragt, wenn es darum geht, die richtigen Worte zum Abschied eines Menschen zu finden. Mittlerweile hat er sich schon einen Namen gemacht, wird mitunter von Betroffenen direkt angesprochen.

Angefangen hat es mit einer sehr persönlichen Geschichte. "Meine Eltern sind kurz hintereinander verstorben." Mutter und Vater verabschiedete er als Sohn mit seinen ganz persönlichen Worten. Damals noch nicht in der Trauerhalle, sondern bei der anschließenden Kaffeetafel. "Das war der Auslöser." Hatte er vorher gedacht, er kann so etwas nicht, wusste er ab diesem Moment, genau das Gegenteil ist der Fall.

"Ich gebe ihrer Trauer eine Stimme" ist so etwas wie das Motto für die Arbeit des Gablenzers. Bei den Angehörigen nimmt er sich Zeit, um die Lebensgeschichte des Verstorbenen zu erfahren. Längst geht es da nicht nur um Daten von Schulzeit, Ausbildung, beruflicher Entwicklung. Wolfgang Lehmann interessieren die Hobbys, Erinnerungen aus der gemeinsamen Lebenszeit mit der Familie, Episoden, die den Charakter eines Menschen zeigen. "Schon dieses Gespräch ist ein Stück Trauerbewältigung für die Hinterbliebenen", weiß Wolfgang Lehmann aus der Erfahrung.

Nicht auf Tränendrüse drücken

Da jedes Leben seine eigene Geschichte hat, wird jede Rede individuell neu erstellt. Manche Stunde bringt der 62-Jährige damit dann an seinem Computer zu. Die Rede soll schließlich persönlich sein, das Leben des Verstorbenen Revue passieren lassen. Da kommt mancher schon auf den Gedanken, Wolfgang Lehmann könnte den Verstorbenen selbst gekannt haben. "Was ich nicht will, ist auf die Tränendrüse zu drücken", so Lehmann. Und er will auch niemanden auf einen Sockel heben. Die Arbeit als Lehrer habe ihn gelehrt, laut und deutlich zu sprechen, nicht am Papier zu kleben. "Ich suche mir einen Punkt, auf den ich schaue. Aber nie auf die Trauernden persönlich." Schließlich will und muss er als Redner die Emotionen außen vor lassen.

Längst beschäftigen Wolfgang Lehmann nicht nur die Worte, die er beim letzten Gang eines Verstorbenen spricht. Er klärt auf, was genau bei einer Trauerfeier passiert, wie der Ablauf ist, wer wo sitzt, wann man aufsteht, was genau an der Grabstätte geschieht etc. Dabei hilft, dass er anhand von Bildern jede Trauerhalle im Altkreis Weißwasser erklären kann. Wichtig sei auch, den Angehörigen die Rede vorzulesen. "Das alles nimmt Druck von der Seele." Diese sind beruhigter und auch Wolfgang Lehmann weiß, ob alle Daten und Fakten stimmen, die er in die 25- bis 35-minütige Rede eingearbeitet hat.

Das gesprochene Wort wechselt sich mit Musik ab. Das kann die "Träumerei" vom Keybord gespielt, das Schlesierlied oder Musik von Rammstein von einer CD sein. Die Titel sucht der Gablenzer auch gern mit den Familienangehörigen aus. Dabei gibt er aber zu bedenken, dass oft eben jene Lieder mit den Erinnerungen an die Trauerfeier verschmelzen. Wird dann so ein Lied im Radio gespielt, ist der Schmerz automatisch immer wieder präsent.

Erfahrungen als Lehrer helfen

Es ist keine einfache Aufgabe, die sich Wolfgang Lehmann "ausgesucht" hat. Er spricht im selben Atemzug aber auch von einer sehr interessanten Arbeit. Um für diese gewappnet zu sein, hat er Fortbildungen und Hospitationen absolviert und einschlägige Fachliteratur sowie Seiten im Internet studiert. Außerdem kann er die pädagogisch-psychologische Arbeit aus seinem langjährigen Lehrerberuf mit einfließen lassen, erklärt er. Längst sieht er sich nicht nur als Redner, sondern als Vertrauter, Ratgeber und Ruhepol, "um die Trauernden über einen der schwersten Tage ihres Lebens zu begleiten".