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| 15:51 Uhr

Bürgermeister-Rückblick
„Das mit der Zeit habe ich unterschätzt“

 Andreas Bänder an seinem Schreibtisch. Den räumt er in der nächsten Woche. Neben einigen Akten nimmt er auch seine personengebundene Glocke mit, die er in den unzähligen Ratsrunden genutzt hat.
Andreas Bänder an seinem Schreibtisch. Den räumt er in der nächsten Woche. Neben einigen Akten nimmt er auch seine personengebundene Glocke mit, die er in den unzähligen Ratsrunden genutzt hat. FOTO: Regina Weiß
Bad Muskau . Für Andreas Bänder beginnt die letzte Arbeitswoche als Bürgermeister von Bad Muskau. Künftig hat er mehr Muße für seine Familie, Haus und Garten, Reisen, die Sammelleidenschaft sowie für seine 3500 Bücher. Von Regina Weiß

„Wir schaffen das.“ Mit diesem Zitat, was heute in Bezug auf Bundeskanzlerin Angela Merkel gern kritisiert wird, hat Ursula Bänder 2001 grünes Licht dafür gegeben, dass ihr Mann Andreas Bürgermeister wird. Als CDU-Stadtrat war er damals von der ersten Nachwende-Bürgermeisterin Roswitha Thomaschk (CDU) angesprochen worden, sich zur Wahl zu stellen. Das war 2001. 19 Jahre als Bürgermeister der Kur-, Park-, Pückler- und Grenzstadt folgten.

Am Montag beginnt seine letzte Arbeitswoche, die eigentlich nur anderthalb Tage lang ist. „Der Rest ist Urlaub“, so Bänder. Und Überraschungen. Von denen der 66-Jährige nichts weiß, nur etwas ahnt und sich damit ein bisschen schwer tut. „Ich stehe nicht gern im Mittelpunkt“, verrät er der RUNDSCHAU.

1969 lernte Andreas Bänder in Weißwasser in der Brauerei. Sein damaliger Lehrmeister sprach ihn an, ob er nicht in die SED eintreten wollte. Wollte er nach einem Gespräch mit seinem Vater nicht mehr. Andreas Bänder wurde Mitglied der NDPD. Er blieb es bis zur Wende. Später folgte über die CDU der Schritt in den Stadtrat. Dabei hat sich Bänder auch vor der Wende engagiert. Ende der 80er-Jahre wollte er mit einigen Gleichgesinnten eine Eingabe in Berlin machen, weil die Zustände in Bad Muskau, beispielsweise an den Gebäuden, als unhaltbar beschrieben wurden. Doch das Papier landete schneller bei der SED-Kreisleitung als die Gruppe gucken konnte.

Die Wiedervereinigung, die sich Andreas Bänder immer erhofft hatte, ging mit vielen Umbrüchen, aber auch Chancen einher. Bänders eröffneten ihren eigenen Laden. Das wollte Andreas Bänder sogar schon vor der Wende. Ein Eisenwarengeschäft wollte er übernehmen. Doch die Drohung, wenn er in der Brauerei in Bad Muskau aufhören würde, werde dazu führen, dass er nirgendwo mehr im Bezirk Cottbus Arbeit bekommen werde, ließ ihn „umdenken“.

So wurde es denn das Schreibwarengeschäft. Papier, viel Papier blieb ihm auch beim Wechsel ins Bürgermeisteramt erhalten. In 19 Jahren hat er die Hoffnung aufgegeben, dass es diesbezüglich mal besser werden würde. „Es ist eben Politik, die braucht halt viel Zeit für Veränderungen“, hat Bänder in seiner Amtszeit lernen müssen. Allerdings bezeichnet er es als Wahnsinn, welch bürokratischer Aufwand sich beispielsweise in deutsch-polnischen Förderanträgen versteckt. Und das unabhängig davon, ob es um ein neues Feuerwehrauto oder um 5000 Euro für ein Kleinprojekt geht.

Um so froher ist er, was alles geschaffen worden ist in seiner Heimatstadt: die neue Grundschule, Kita, die drei Plätze und anderes mehr. „Natürlich bin ich darauf stolz. Dass es gelungen ist, war ein Mannschaftsspiel.“ Soll heißen, viele sind an den erfolgreichen Investitionen beteiligt gewesen: der Stadtrat, die Mitarbeiter der Verwaltung, Geldgeber von Bund und Land, der Kreis als Genehmigungsbehörde. Nur so kann es funktionieren, ist sich Bänder sicher. Dafür hat er all die Jahre gestanden, auch als Mann des Ausgleichs. Öffentlich ist er nie aus der Haut gefahren. „Aber in meinem Zimmer sind auch Diskussionen stehend durchgeführt worden, und das in der entsprechenden Lautstärke“, erinnert sich Bänder.

Die Anfangszeit sei schwer gewesen. Viele Probleme hatten sich aufgestaut. Teilweise aus Unwissenheit, teilweise wegen schlechter Berater. „25 bis 30 Gerichtstermine habe ich als Bürgermeister gehabt. Das hätte ich mir vorher nicht träumen lassen.“ Mit einem Rechtsanwalt aus Dresden gelang es, reinen Tisch zu machen. „Ein Glücksgriff.“

Elternhaus und Freundeskreis haben Andreas Bänder besonders geprägt. Als Sohn eines Fotografen lernte er, dass die Familie in der ganzen Stadt bekannt ist. Über seine Kumpels und deren Familien lernte der Bürgermeister das Handwerkliche schätzen. Viel an seinem Zuhause ist selbst gemacht. „Das ist wie Autofahren, eine gute Ablenkung für mich.“ Als Bürgermeister hat er es bis zu 20 000 Kilometer im Jahr gebracht. Viele Fahrten führten nach Dresden. „Anfangs war ich öfter dort“, muss er schmunzeln. Die Kontakte haben sich später im wahrsten Wortsinn ausgezahlt.

Dafür hat er auch nicht auf die Uhr geschaut. „Das mit der Zeit habe ich manches Mal unterschätzt“, muss er sich eingestehen. Abends noch mal kurz weg zu müssen, mündete in mehreren Stunden. „Da gab bei meiner Frau schon mal ein langes Gesicht“, gesteht Andreas Bänder ein. Ob ihm die Angetraute nun die große Liste mit Aufgaben oder Reisezielen präsentiert, kann er nicht abschätzen. Auch die kommende Zeit noch nicht wirklich. Von 150 Prozent auf Null runterzufahren, sei nicht so einfach. „Der Tagesablauf ist ganz anders. Es ist schon ein komisches Gefühl.“ Doch mit 66 Jahren sei man einfach nicht mehr so leistungsfähig wie früher, wo er von 8 bis 23 Uhr durchziehen konnte. „Ich merke, dass ich unduldsamer werde. Das habe ich bisher nicht von mir gekannt, das ist nicht meine Art.“ Dann lieber einen Schlussstrich ziehen und die Arbeit übergeben.

Seinem Nachfolger rät er, mit den Mitarbeitern der Verwaltung, allen Angestellten der Stadt ein gutes Verhältnis zu pflegen. Das schlage sich letztlich auch beim Bürger nieder. Ein offenes Ohr sei wichtig, die Einigkeit von Stadt und Park ebenso. Dass dort das Schloss wieder stehe und ein Tourismusmagnet sei, ist für Andreas Bänder das größte  Wunder. „Als Junge bin ich in der Ruine rumgeturnt.“ Als nach der Wende eine Spendenaktion begann und Bänder auch 20 Westmarkt in den Krug steckte, habe er nicht wirklich an den Wiederaufbau gedacht. Um so schöner das Ergebnis.

Doch es gab nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen in seiner Amtszeit. „Die Geschichte mit der Turmvilla hat mich besonders bewegt, auch weil es bis ins Persönliche ging“, lässt er anklingen. In diesem Zusammenhang habe er auch in einer Person seine größte menschliche Enttäuschung erlebt.

Mit Rot-Weiß Bad Muskau und dem Förderverein Fürst-Pückler-Park bleiben ihm auch im Ruhestand zwei Betätigungsfelder außerhalb des privaten Bereichs. Mehr Zeit mit der Familie und für Haus und Garten sowie seine Keramiksammlung sind nun möglich. Außerdem warten 3500 Bücher im heimischen Büro darauf, systematisch geordnet zu werden. Gut 30 Prozent habe er davon noch nicht gelesen. Viele sind auf dem Trödelmarkt erstanden und für den Unruhestand in Wartestellung.

 Andreas Bänder an seinem Schreibtisch. Den räumt er in der nächsten Woche. Neben einigen Akten nimmt er auch seine personengebundene Glocke mit, die er in den unzähligen Ratsrunden genutzt hat.
Andreas Bänder an seinem Schreibtisch. Den räumt er in der nächsten Woche. Neben einigen Akten nimmt er auch seine personengebundene Glocke mit, die er in den unzähligen Ratsrunden genutzt hat. FOTO: Regina Weiß