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| 12:57 Uhr

Bad Muskau
Uralt-Eichen geben ihre Geheimnisse preis

 Imposant und ehrfurchtseinflößend: die mächtige Thor-Eiche auf der polnischen Parkseite.
Imposant und ehrfurchtseinflößend: die mächtige Thor-Eiche auf der polnischen Parkseite. FOTO: LR / Torsten Richter-Zippack
Bad Muskau. 35 Naturfreunde erkunden die Baum-Giganten im Muskauer Park. Einer mächtigen Eiche ist ihre Schwester abhanden gekommen. Von Torsten Richter-Zippack

Sie besitzt einen Stammumfang von 7,20 Meter. Sie ist mehrere Jahrhunderte alt. Und sie hat keine Schwester mehr. Die Thor-Eiche im östlichen Teil des Muskauer Parks gilt als eine der dicksten und formschönsten Eichen des Pückler-Ensembles. „Ursprünglich waren es zwei Eichen, die eine Art Tor bildeten, daher der Name“, erklärt Astrid Roscher, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Stiftung Fürst-Pückler-Park Bad Muskau. Warum das zweite Gehölz weichen musste, es war um die vorvorige Jahrhundertwende, ist nicht wirklich bekannt. Doch auch der übrig gebliebene Baum fasziniert. „Vielleicht rührt dessen Bezeichnung vom Donnergott Thor her“, stellt Astrid Roscher eine weitere Namensthese auf. Darüber hinaus hat die Expertin in der Literatur einen Beleg gefunden, dass sich Parkbegründer Hermann von Pückler-Muskau selbst als „Tor“ bezeichnet hat, weil er sein ganzes Geld in das grüne Ensemble investiert hatte. Pückler musste Muskau im Jahr 1845 aus Geldmangel verkaufen.

Uralte Eichen hatten es dem Vater des Muskauer Parks von Anfang an angetan. Ursprünglich standen die Bäume auf Wiesen völlig frei in der Landschaft. „Sie dienten als Orientierungspunkte. Durch die exponierte Lage konnten die Eichen ihre üppigen Formen ausbilden“, erklärt Astrid Roscher. Selbst in der örtlichen Sagenwelt fehlen die Bäume nicht. So ist von den „heiligen Eichen von Muskau“ die Rede. Demzufolge haben Brautpaare am Morgen ihres Hochzeitstages jeweils zwei Eichen nebeneinander gepflanzt. So sollen die Zwillingsgehölze entstanden sein.

 Hier präsentiert Expertin Astrid Roscher historische Aufnahmen der Iduna-Eiche, von der heute nur noch ein Stubbenrest übrig geblieben ist.
Hier präsentiert Expertin Astrid Roscher historische Aufnahmen der Iduna-Eiche, von der heute nur noch ein Stubbenrest übrig geblieben ist. FOTO: LR / Torsten Richter-Zippack

Heute existiert im Park noch eine ganze Anzahl beeindruckender Baumpersönlichkeiten. Beispielsweise die beiden Odins-Eichen unweit der Braunsdorfer Felder. „Mein Lieblingsexemplar“, sagt Astrid Roscher zu einer der beiden Gehölze. „Urwüchsig, bemoost und geheimnisvoll“, lautet ihre Begründung. Tatsächlich wirken die Eichen so, als hätten sie die Gebrüder Grimm zu ihren Märchen inspiriert. Namensgeber Odin war für die alten Germanen der Göttervater beziehungsweise der Gott des Krieges. Bis in die Germanenzeit dürfte die Geschichte dieser beiden Muskauer-Park-Eichen indes nicht zurückreichen. Wie alt sie genau sind, könne nur geschätzt werden, sagt Parkmeister Bernd Witzmann. Er verweist auf die Pi-mal-Daumen-Formel, dass ein Meter Umfang ein Alter von rund 100 Jahren bedeutete. Eine der beiden Odins-Eichen bringt es auf einen Stammumfang von 6,30 Meter. Demzufolge müsste sie weit über 600 Jahre alt sein, also bereits im ausgehenden Mittelalter gekeimt haben.

Die einst berühmteste Eiche des Muskauer Ensembles war die Hermannseiche. Allerdings ist das Gehölz bereits vor 35 Jahren ausgebrannt. Die Einheimischen sprechen von einem Mix aus Blitzschlag und Zündelei. Damals wurde in den ausgebrannten Stamm eine Nachfolgerin eingepflanzt, die inzwischen zu einem stolzen Baum herangewachsen ist. Die Bezeichnung Hermannseiche könnte einerseits vom Fürsten Hermann von Pückler-Muskau selbst herrühren. Oder aber von dessen Großvater, der ebenfalls diesen Namen trug. Eine andere These verweist auf Hermann den Cherusker, der seit dem 18. Jahrhundert in Anlehnung an den Sieger der Varus-Schlacht, Arminius, als deutsche Mythen- und Symbolfigur fungiert.

Manche Eichen-Veteranen sind nur mit ortskundigen Führern zu finden, beispielsweise das Baumrelikt der inzwischen abgestorbenen Alt-Köbelner Eiche oder aber die wenigen Reste der einstigen Iduna-Eiche. Diese könnte nach Iduna Laube, der Frau des Schriftstellers Heinrich Laube, benannt wurden sein. Laut historischen Fotos fand in deren gespaltenem Stamm eine halbe Schulklasse mühelos Platz.

Indes unternehmen die Park-Protagonisten sowohl auf der deutschen als auch auf der polnischen Seite sehr eine Menge, um die Baum-Giganten möglichst lange zu erhalten. Falls ein Baum dann doch nicht mehr zu retten ist, wird zeitnah nachgepflanzt. Und zwar gleich in den Stubben seines Vorgängers. Laut Parkmeister Witzmann hat sich dieses Verfahren bewährt.

Erst im Juni 2018 ist am Petzold-Weg eine junge Eiche in die Relikte ihrer entfernten Vorgängerin gepflanzt worden. Dank der regelmäßigen und intensiven Bewässerung hat das Gehölz das besondere Dürrejahr 2018 gut überstanden. Schließlich wolle die Eiche auch in Hunderten von Jahren noch grünen und die Parkbesucher erfreuen, begründet Bernd Witzmann das Engagement.