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| 14:49 Uhr

Weißwasser
Ausweg für genervte Großstädter

In einer Podiumsdiskussion tauschen sich Raumpioniere mit Städtern und anderen Land-Experten aus.
In einer Podiumsdiskussion tauschen sich Raumpioniere mit Städtern und anderen Land-Experten aus. FOTO: Anja Guhlan
Weißwasser. In Städten wird es enger, stressiger, teurer. Antwort der Oberlausitzer Raumpioniere: aufs Land ziehen. In Weißwasser zeigen sie, wie es geht. Von Anja Guhlan

Die Veranstaltung „Temporäre Raumpionier-Landebahn“ ist restlos ausgebucht. 140 Interessierte sind nach Weißwasser in die Telux gekommen, darunter mindestens 70 Städter, so aus Dresden, Berlin, Düsseldorf und sogar Oslo und rund 40 Raumpioniere. Die Initiatoren Arielle Kohlschmidt und ihr Partner Jan Hufenbach, die einst von Berlin aufs Land zogen, wollen als Raumpioniere abwanderungswilligen Städtern „Landeplätze“ aufzeigen. Denn viele Großstädter träumen davon, das Weite zu suchen. Zu viel Lärm, Stau und Wohnungsmangel herrschen in den Großstädten. Ein Umzug von der Stadt aufs Land bietet daher viele Vorteile: die Natur, billigen Wohnraum und kreative Netzwerke. Die Raumpioniere haben es sich zur Aufgabe gemacht, für das Land zu werben. Sie sammeln Geschichten von Menschen, denen es genauso ergangen ist wie ihnen. Zudem verbinden sie sich mit Bürgermeistern und regionalen Wirtschaftsleuten, um zu erfahren, wo es Jobs und Häuser gibt, und geben die Infos weiter. Pampa-Beratungen kostenlos und ehrenamtlich.

Großstadtmüde Menschen sind unter anderem Carsten Seidel (44) und Sebastian Stragies (42) aus Berlin. „Wir haben beide mittlerweile einen Stadtkoller und überlegen, aufs Land zu ziehen“, sagt Sebastian Stragies. „Die Landsehnsucht allein reicht jedoch nicht. Wir brauchen Ideen und weiteren Input sowie ein Netzwerk, um hier Fuß zu fassen. Die Veranstaltung ist ein erster Anfang“, meint Carsten Seidel. Auch Linda Böckenhoff (32) und Daniel Witt (32) sind Städter. Sie wohnen in Berlin. Sie sind allerdings schon einen Schritt weiter, indem sie sich für ein Arbeitsleben auf dem Land entschieden haben: Beide arbeiten in Naturparks im  ländlichen Raum. „Wir überlegen nun, gänzlich aufs Land zu ziehen“, sagt Daniel Witt. Deshalb wollen sie sich mit anderen, die bereits Fuß gefasst haben, auf dem Land austauschen. Bei der „temporären Landebahn“ treffen sie auf die beiden Raumpioniere Anne-Sophie Hußler und Patrick Pirl. Beide haben vier Jahre lang in Dresden gelebt. Sie sind vor einem Jahr aufs Land zurückgekehrt. „Bereut haben wir diesen Schritt nie. Obwohl wir auch Bedenken hatten. Aber die haben sich nach dem Machen  irgendwie aufgelöst“, erklärt Patrick Pirl. Die beiden sind dabei, einen Bauwagen als Wohnraum umzubauen und haben das Projekt „1NiteTent“ ins Leben gerufen, wo Menschen ihre Wiese als Zeltübernachtung anbieten können, ähnlich wie beim Couchsurfen. Auch der Raumpionier  Matthias Rompe, der das Blog „Pimp my Bauernhof“ betreibt, appelliert an die Städter: „Wenn die Anfangsmotivation da ist, einfach machen und aufs Land ziehen“.  Viele andere Raumpioniere wie Lena Steudtner vom Steudtnerhof, Sandy Hebel von Ankerevents, Lisa Kießling von Animalact oder Sybille und Alexander Tetsch vom Flammkuchen-Lokal „Schmeckerein“ werben fürs Land, erzählen von ihren Erfahrungen und tauschen sich mit den Städtern einander aus. Dabei sind sie schonungslos ehrlich und offen: Die ärztliche Versorgung auf dem Land momentan noch nicht zufriedenstellend, Wohnprojekte könnte es noch mehr geben. In Fragen der Mobilität hinkt das Land auch  etwas hinterher, obwohl man auch mit Fahrrad oder mit Auto gut voran kommt, teils sogar mit Bus und Bahn.  Auch kulturmäßig habe das Land  allerhand zu bieten. Weniger große Stars als vielmehr  in guter Nachbarschaft. Viele Raumpioniere auf dem Land raten Neuankömmlingen, auf Menschen zuzugehen, bei Vereinen mitzumachen und sich unter die Leute zu mischen.

Inzwischen gibt es bei den Raumpionieren bereits 26 aktive Netzwerker.  Sie haben gemeinsam inzwischen rund 130 Leute beraten, die meisten davon telefonisch oder per Mail. „Mit der Veranstaltung wollen wir vor allem zwischenmenschliche Verbindungen herstellen. Das ist uns ganz gut gelungen“, zieht Arielle Kohlschmidt ihr Fazit.

Im nächsten Jahr wollen sie indes eine weitere Veranstaltung dieser Art in Weißwasser auf die Beine stellen. Auch denken sie über eine Veranstaltung in den Großstädten, beispielsweise Dresden oder Berlin, nach.