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| 16:55 Uhr

Blick in die Geschichte
Überraschung im Lausitzer Zuckersand

  Grabungsleiter Olaf Ullrich mit der Drohnenaufnahme von der Untersuchungsfläche in Schleife. Die Suchstreifen geben von oben betrachtet am besten ihre Geheimnisse preis.
Grabungsleiter Olaf Ullrich mit der Drohnenaufnahme von der Untersuchungsfläche in Schleife. Die Suchstreifen geben von oben betrachtet am besten ihre Geheimnisse preis. FOTO: Regina Weiß
Schleife. Ausgrabungen am Umsiedlungsstandort Mühlrose bringen in Schleife ein frühes Industriezentrum der Oberlausitz ans Tageslicht. Der Umfang überrascht selbst Archäologen. Die Funde stammen nicht nur aus einer Epoche. Von Regina Weiß

Zahllose weiße Zettel stecken im Sand. Gleich daneben sind rote oder grüne Schnüre gespannt. Ockerfarbener Sand wechselt sich mit dunkleren Stellen ab. Hier und da geht es in einzelnen Rechtecken noch etwas tiefer ins Lausitzer Erdreich.

Der Betrachter steht am Rande des Geschehens und versucht zu „lesen“, was er dort sieht und geht dabei ein bisschen ins Aus. Olaf Ullrich kann das nachvollziehen. Er ist hier in Schleife der Grabungsleiter vom Landesamt für Archäologie Sachsen (LfA).

Seit dem 21 März sind er, ein weiterer Archäologe und sechs Arbeiter vor Ort, um die künftige Ansiedlungsfläche für Mühlrose, das dem Tagebau Nochten weichen soll, zu untersuchen. Das geschieht im Auftrag der Lausitzer Energie Bergbau AG (Leag). Dabei haben die Mitarbeiter rund zwölf Hektar genauer unter die Lupe genommen.

Grabung in Schleife mit vorgeschichtlichen Funden

„Der Umfang hat uns alle überrascht“, sagt Ullrich bei einem Vor-Ort-Termin am Donnerstag in Schleife. Damit meint der Fachmann nicht die Größe der Fläche, sondern die Anzahl der Funde. „Es ist die erste Grabung in Schleife mit vorgeschichtlichen Funden“, so Ullrich.

 Mitarbeiter des Ausgrabungsteams dokumentieren in Schleife jede einzelne Fundstelle mit dem Fotoapparat.
Mitarbeiter des Ausgrabungsteams dokumentieren in Schleife jede einzelne Fundstelle mit dem Fotoapparat. FOTO: Regina Weiß

Vor drei Jahren waren die Fachleute bereits an der Stelle zugange, wo heute der Deutsch-Sorbische Schulkomplex wächst. Dort war, um es mal salopp zu formulieren, nicht viel zu holen.

Ähnlich mager sieht es am eigentlichen Umsiedlungsstandort aus. Dort wurde ein einzelnes Urnengrab gefunden. Datiert wird es auf die Bronzezeit um 1000 vor Christus. Enthalten war ein Behältnis mit Leichenbrand. Allerdings hatte das Grab sonst keine weiteren Beigaben.

 Bei einem der Grubenhäuser legt man die „Fundamente" frei. So wird geschaut, wo die tragenden Pfosten sind.
Bei einem der Grubenhäuser legt man die „Fundamente" frei. So wird geschaut, wo die tragenden Pfosten sind. FOTO: Regina Weiß

Die meisten Funde weist die Fläche zwischen Spremberger Straße und Friedhof auf. Genau dort, wo die Anlage des Friedhofes Mühlrose geplant ist. Auch hier wurden vier Meter breite Suchstreifen angelegt, auf denen das Erdreich um rund
40 Zentimeter abgetragen wurde.

Dann kam eine Drohne zum Einsatz. Sie stieg auf, um Luftbilder zu machen. Der Blick von oben nach unten offenbart nämlich schon einiges, wie Olaf Ullrich anhand der Luftaufnahme zeigen kann. Wo der Laie auf der Erde ahnungslos die Auffälligkeiten sucht, sind sie auf dem Bild gleich zu erkennen. Alles, was eine dunklere Farbe hat, deutet auf Fundstellen hin.

Vierhundert Einzelbefunde bei Ausgrabung in Schleife

Dann wurde genauer geguckt. Vorsichtig im Lausitzer Zuckersand geschippt, gepinselt, freigelegt. Auf über 4000 Quadratmeter zeichnen sich über vierhundert Einzelbefunde ab, die unterschiedlichen Zeiten angehören. Zuerst hatte man am Ende der Bronzezeit (um 800 vor Christus/Jungbronzezeit) hier gesiedelt, dann noch einmal in der Römischen Kaiserzeit um 200 nach Christus. Damals wurden mindestens sieben Grubenhäuser angelegt. Auch ein Langhaus muss es gegeben haben. Die Entdeckungen, so Ullrich, stehen im Odergermanischen Kontext. Vermutet werde, dass damals die Burgunder hier siedelten.

Bemerkenswert für alle Seiten sind jedoch die Überreste von nicht weniger als 100 Rennöfen, die auf Eisengewinnung in großem Stil in diesen Jahrhunderten der spätrömischen Kaiserzeit hinweisen. Die Rennöfen dienten der Verhüttung von Raseneisenerz, das in der Region leicht erreichbar gewonnen werden kann. Konkret sind es nur 200 Meter. Gleich am Dorfgraben finde sich ein gutes Erzvorkommen.

Öfen deuten auf frühen „Industriestandort in der Oberlausitz“

Achtzig Öfen waren in einer regelrechten Batterie dicht an dicht angelegt worden, erläutert Ullrich. Ein kleines Grubenhaus, in dem vermutlich die Weiterverarbeitung des gewonnenen Eisens stattfand, stand in sicherer Entfernung davon – „das mutet fast industriell an“. Kiloweise Schlacke deutet auf diesen frühen „Industriestandort in der Oberlausitz“.

Nachfolgenden Generationen waren diese Brocken im Wege. Vermutlich im Mittelalter bei der Bestellung der Äcker gefunden, wurden die Schlackenreste in einzelnen Gruben versenkt.

„Die Brocken werden wir nicht alle mitnehmen“, lacht Olaf Ullrich. Anders als die feinen Keramikscherben oder der Rest einer Spindel sowie zahllose Zeichnungen und Fotos. So wird Geschichte festgehalten.

Doch nicht alles lässt sich sichern. Im Sand sind auch die Spuren von Spatenstichen der Vor-Vor-.....-Vorfahren zu sehen. Genauso wie Reste von Wölbäckern.

Am 15. Juli werden die Arbeiten in Schleife abgeschlossen. Dann beginnt die Aufarbeitung der Funde im Landesamt.

„Das Landesamt für Archäologie Sachsen führt bereits seit Beginn der 90er-Jahre Untersuchungen im Bereich der Tagebaue Nochten und Reichwalde durch. Langfristig angelegte Vereinbarungen mit der Lausitz Energie Bergbau AG gewährleisten, dass die archäologischen Zeugnisse nicht undokumentiert für die Nachwelt verloren gehen“, hebt Wolfgang Ender, stellvertretender Abteilungsleiter im Landesamt für Archäologie, hervor.