Von Christian Köhler

Schon vor der Abstimmung über den Verkauf der einstigen Kindergartenkombination Buratinos – heute wird in der Gemeindeverwaltung von der „Diesterwegstraße 38“ gesprochen – rumort es unter den Bürgern, die der Ratssitzung am Montagabend in Boxberg beiwohnen. Von einem abgekarteten Spiel ist die Rede. Davon, dass doch alles längst hinter den Kulissen geklärt worden sei. Das hat sich auch nach der Abstimmung nicht geändert. Mit acht Ja-Stimmen, sechs Nein-Stimmen und zwei Enthaltungen ist nämlich das Gebäude samt 2300 Quadratmeter großem Grundstück zum Verkauf freigegeben worden. Insgesamt 270 000 Euro fließen so in die Gemeindekasse.

Bürgermeister: Einigung leider nicht zustande gekommen

Zuvor hat Bürgermeister Achim Junker (CDU) die Diskussion um den Verkauf eröffnet. „Wir haben bereits über Wochen darüber diskutiert, im vergangenen Jahr auch eine Einwohnerversammlung durchgeführt“, erinnert er und konstatiert: „Es war leider kein Einvernehmen bei der Diesterwegstraße 38 hinzubekommen.“ Dennoch: Seiner Ansicht nach ist der Verkauf des Flachbaus im Boxberger Ortskern nötig, „da wir es nicht schaffen werden, das Gebäude zu sanieren und weiter zu entwickeln“. Das sieht auch Boxbergs Kämmerer Ulrich Bänsch so. Er appelliert an den Rat, dem Verkauf zu zustimmen. „Damit garantieren wir eine Entwicklung im gewerblichen Bereich und das Gebäude wird vollständig saniert“, springt er dem Gemeindechef zur Seite.

Bereits im September hat der Käufer, Herr Steffen Palmroth, ein entsprechendes Angebot der Gemeinde unterbreitet sowie ein Nutzungskonzept vorgelegt. Er plant die Sanierung des Objektes mit einem Ausbau der beiden oberen Etagen zu seniorengerechtem Wohnraum, heißt es aus der Gemeindeverwaltung. Den aktuellen Mietern der oberen Etage soll in Abstimmung mit der Gemeinde geeignete Räume im Objekt bzw. Alternativen im Ort angeboten werden. Für die im Erdgeschoss befindlichen Mieter ändere sich nichts, hieß es.

Kritik von einigen Räten am Verkauf

Die Freude darüber allerdings wehrt nicht bei allen. Gemeinderätin Sigrun Hajdamowicz (CDU) etwa erklärt: „Wir haben aus dem Amtsblatt erfahren, dass der Verkauf eines „bebauten Grundstückes“ heute auf der Tagesordnung steht. Das ist nicht besonders hilfreich gewesen, denn es hätte sich ja auch um ein anderes Objekt im Gemeindegebiet handeln können.“ Schon bei der Einwohnerversammlung Anfang Dezember des vergangenen Jahres hatte sie sich gegen den Verkauf ausgesprochen. Ihrer Ansicht nach laufe der Verkauf des Gebäudes dem Ortsentwicklungskonzept von Boxberg entgegen. „Es gibt im Ort so eine Konzentration von einer Altersschicht, die ich nicht befürworte“, sagt die Rätin und ergänzt: „Ich verstehe, dass wir Geld brauchen, aber der Erlös ist doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein.“ Mit dem Verkauf vergebe sich die Gemeinde die Option, mit künftigen Strukturhilfen, die im Rahmen des Kohleausstieges kommen würden, die Gestaltung des Ortszentrum selbst in die Hand zu nehmen.

Auch der Ortschaftsrat Boxberg lehnt geschlossen den Verkauf ab, wie Göran Dodt – stellvertretend für Ortsvorsteher Claudius Urban, der eigenen Angaben zufolge nichts habe während der Diskussion sagen dürfen – den Räten berichtet. „Es ist das Zentrum für Boxberg und man sollte es nicht aus der Hand geben“, meint Dodt und appelliert: „Ihr solltet die Bürger im Herzen haben.“ Das, so entgegnet Bürgermeister Achim Junker, „haben wir“, aber damit sich etwas entwickeln kann, „sollten wir verkaufen.“

Jannack: „Wir fangen nun an, unser Tafelsilber zu verkaufen.“

Horst Jannack (Linke) spricht sich ebenfalls gegen den Verkauf aus. „Ich habe große Achtung vor dem Unternehmen Palmroth“, will er betonen, „aber ich denke doch, dass ein Neubau an der Straße der Freundschaft auch für die Zwecke des Unternehmens geeignet gewesen wäre.“ Er habe noch einmal in seinen Unterlagen recherchiert und festgestellt, dass bis 2015 keine Rede davon war, dass sich an der Diesterwegstraße ein Investitionsstau ergeben habe, wie nun von der Gemeindeverwaltung argumentiert. „Noch 2015 hat die Gemeinde einen Überschuss von 15 000 Euro im Jahr aus Mieteinnahmen generiert“, so Jannack. Er könne nicht verstehen, warum man nicht einen Teil davon für eine Sanierung zurückgelegt habe. „Während andere Kommunen wieder Grundstücke in ihren Ortszentren für teures Geld zurück kaufen, wollen wir verkaufen. Wir fangen nun an, unser Tafelsilber zu verkaufen“, meint der Linken-Gemeinderat.

Hoffmann: Zur Sachlichkeit zurück

Eine ganz andere Sicht auf die Dinge hat Gemeinderat Armin Hoffmann (WV Kringelsdorf). „Wir müssen einmal die Emotionalität aus der Debatte nehmen und zur Sachlichkeit zurückkehren“, erklärt er. Das vorgelegte Konzept des Investors erscheine ihm plausibel, keiner der Mieter habe einen Nachteil. „Was wäre denn, wenn wir nicht verkaufen?“, fragt Hoffmann. Dann nämlich würde Kosten auf die Gemeinde zulaufen, die sie gar nicht stemmen könne. Ulrich Bänsch hatte bei der Einwohnerversammlung die nötigen Aufwendungen auf rund 881 000 Euro beziffert. „Deshalb denke ich, es überwiegt das Positive bei einem Verkauf“, argumentiert Hoffmann.

Nach dem Verkaufsbeschluss sagt ein Mieter: „Wir werden sehen, was nun kommt.“