Es ist punkt 6 Uhr, ein kühler Aprilmorgen mit geschätzten vier Grad Celsius Außentemperatur. Bodennebel liegt wie ein Schleier über den Wiesen.
Ein paar Arbeitslose und Rentner stehen müde vor einem Feld bei Bergen. Jeder Neuankömmling wird mit einem genuschelten „Morg'n“ begrüßt. Die Kälte macht den Atem der Menschen als Dampf sichtbar.
Als Landwirt Roland Nuck kurz nach 6 Uhr munter aus seinem silbernen Nissan springt, erwachen die Akteure aus ihrem Standschlaf und trotten hinter ihm zum Gerätewagen. Dort verteilt Nuck die Werkzeuge: gelbe Handschuhe, Spargelstecher, Streichbrett, Metallkorb. Dazu bekommt jeder seine Stechkarten in die Hand gedrückt - kleine Holzstücke mit eingravierten Nummern.
Drei Jugendliche kichern, als sie sich mit ihrer Ausstattung gegenseitig betrachten. Nuck erklärt, was sie zu tun haben: „Mit Zeige- und Mittelfinger den Spargeltrieb freigraben, mit dem Stecher in die Erde fahren und den Trieb mit einem Zug abtrennen“ , erzählt der Landwirt, während er die Arbeitsschritte an einer Pflanze demonstriert.

Der Wettkampf startet
Mittlerweile ist es 6.15 Uhr und das Wettsuchen beginnt. Die Spargel-Stecher gehen zügig zu ihrer Bahn.
Christian Müller hat Bahn acht. In Turnschuhen, schwarzer Sporthose und Jeansjacke betritt der 30-Jährige den Weg zwischen den 25 Zentimeter hohen Erddämmen. Mit seinem Spargelstecher in der rechten Hand stochert er lässig an der Oberfläche des Erdhügels herum, während er den Metallkorb in der linken hält. Er sei das erste Mal hier, sagt er. Dass er als Erntehelfer so zeitig aufstehen muss, störe ihn nicht. „Früh einen Kaffee und das passt. Ich konnte die ganze Zeit ausschlafen“ , sagt Müller. Er sei arbeitslos, bekäme aber kein Geld von der Arge und wolle sich deshalb auf Minijob-Basis etwas dazuverdienen. Lange Zeit möchte er aber nicht als Spargel-Stecher arbeiten. „Ich habe ein paar Bewerbungen laufen“ , erzählt der gelernte Küchenverkäufer.
Als er nach drei Fehlversuchen den weißen Trieb einer Bleichspargel-Pflanze entdeckt, steigt er behäbig mit einem großen Schritt auf die andere Seite der Bahn. Mit seinen Fingern zieht er vorsichtig die Erde neben der Pflanze weg. Den Rücken nach vorn über den Spargel gebeugt, packt er die Pflanze am Kopf und fuhrwerkt blind mit dem Spargel-Stecher in der Erde.
6.37 Uhr, Christian Müller zieht gerade stolz einen seiner ersten Funde aus der Erde als Michael Emba (46) an der Spitze des Feldes gerade mit seiner zweiten Bahn beginnt. „Ob mir die Arbeit gefällt? Was soll ich dazu sagen. Mir macht es Spaß, Erster zu sein. Ich sehe es als eine sportliche Herausforderung“ , sagt der drahtige Mann und hetzt zur nächsten Spargelspur. Glück gehabt. Auch hier hat sich ein Trieb versteckt. Emba ist Profi, schon seit langer Zeit dabei. Jedes Jahr verdiene er sich ein paar Euros zu seiner Stütze dazu, sagt er. Blitzschnell hat er mit den Fingern den Spargel zur Hälfte freigelegt - zack. Dann ist schon der Stecher im Boden versenkt - zack. Und mit schnellen Hebelbewegungen wird der Hals geknackt.
Gegen die Bewegungen von Emba scheinen die von Maik Szelangewicz (38) wie eine Zeitlupenversion. Gegen 7 Uhr liegt er weit abgeschlagen hinter dem Mittelfeld zurück. In seinem Korb sieht es noch mager aus. Während viele Spargelsucher ihre zweite Bahn begonnen haben, bearbeitet er gerade die Hälfte seiner ersten. Mit seinen Fingern pult er sanft ein kleines Loch an einer Stelle, wo die leicht Erde aufgerissen ist. Doch nur ein darunter liegendes Holzstück hat ihn getäuscht. Trotz der zahlreichen Fehlversuche findet es Szelangewicz schön, so früh auf dem Feld zu sein. „Entweder ich habe Glück oder eben nicht“ , sagt er vergnügt. „Hauptsache man ist draußen in der Natur und lernt neue Leute kennen.“ Seine Geduld scheint Früchte zu tragen. Unter dem nächsten Erdriss haben sich zwei Triebe versteckt. Vor Freude strahlend geht er in die Hocke und stützt sich anschließend auf sein rechtes Knie. Die rechte Hand umfasst zart die Spargelspitze, die linke schiebt das Spargelmesser in die Erde. Nach einem zögerlichen Zug ertönt ein dumpfes Knacken aus der Erde. Szelangewicz legt eine weitere Spargelspitze in sein Körbchen. Anschließend nimmt er sein Streichbrett und schiebt die Erde in das Loch zurück.

Endspurt in Bergen
Es ist 7.53 Uhr, Endsport in Bergen. Die Sonne steht über den Häusern, Christian Müller schuftet bereits im T-Shirt. Sein Korb ist halbvoll. Es ginge ihm soweit ganz gut, sagt er. Rückenschmerzen habe er noch nicht. Nur die Finger könnten in den nächsten Tagen zum Problem werden.
Michael Emba ist derweil im Ziel angekommen. Er hat vier Bahnen abgegrast und fast zwei Körbe gesammelt. „Wenn der Spargel richtig wächst, werden es sieben bis acht Körbe sein“ , gibt er vor. Zufrieden legt er seine Stechkarten in die Körbe, dreht sich eine Zigarette, schwingt sich auf's Rad und fährt davon.
Maik Szelangewicz ist noch auf seiner dritten Bahn beschäftigt. „Hab' ich noch einen erwischt“ , sagt er, als er seinen letzten Spargel entdeckt. Gegen 8 Uhr ist auch er am Gerätewagen angekommen, von wo aus ein Traktor seinen Korb samt Stechkarte mitnimmt.
Kurz darauf ist der Arbeitseinsatz für die Spargel-Stecher zu Ende. Auf dem Feld bei Bergen kehrt wieder Ruhe ein. „Im Mai geht es bis zum Mittag, aber im Moment ist die Erde noch zu kalt und die Spargel wachsen langsam“ , sagt Landwirt Nuck. Insgesamt werde sechs Wochen lang Spargel gestochen, danach müssten sich die Pflanzen erholen.

Waschen, Bürsten, Schneiden
Für den Spargel geht die Reise weiter in die Gebäude der Bergener Landwirtschaftsgesellschaft. Dort warten Korinna Zindler und Christine Glaschka auf das Gemüse. Sie setzen die Körbe samt Inhalt in eine Waschanlage, die die Spargel von Sand befreit. Kurz vor 9 Uhr wird die Ware gewogen. „Nummer 20: vier Kilo, Nummer 71: zwei Kilo.“ Facharbeiter Manuel Liehr (25) ruft das Gewicht der Körbe und die Stechkartennummer durch den Raum. Anlagenleiterin Elke Kretschmer notiert alles auf einen Zettel. Die Ergebnisse der drei Spargel-Stecher liegen weit auseinander. Michael Jemba hat ein Rekordergebnis von 11,4 Kilogramm zu bieten. Weit abgeschlagen mit knapp unter zwei Kilo folgen Christian Müller und Maik Szelangewicz.
Insgesamt seien von den Feldern in Bergen an diesem Morgen 150 Kilogramm Spargel geerntet worden, sagt Elke Kretschmer. Wenn die Spargelsaison richtig begonnen hat, kämen bis zu 1,5 Tonnen zusammen.
Als letzte Etappe vor dem Verkauf müssen die Pflanzen in die Schneide- und Putzmaschine. Dazu legt Korinna Zindler die Stängel nebeneinander mit der Spitze nach oben auf ein Förderband. „In der Maschine werden die unteren Stücke abgeschnitten, danach werden sie von Bürsten gesäubert“ , sagt sie. Frisch geputzt und geschnitten kommt der Spargel auf der anderen Seite der Maschine heraus. Punkt 9.30 Uhr liegt er dann verkaufsfertig im Geschäft.

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Quelle: Bundesagentur für Arbeit