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Als Tausende Griechen in Görlitz Zuflucht suchten

Anfang Juli wurde in Zgorzelec feierlich eine Gedenksäule eingeweiht, wo sich das Lager des griechischen Armeekorps im Ersten Weltkrieg befand. Mit dabei waren der Görlitzer Oberbürgermeister Siegfried Deinege (2.v.l.) und sein Amtskollege aus Zgorzelec, Rafal Gronicz (r).
Anfang Juli wurde in Zgorzelec feierlich eine Gedenksäule eingeweiht, wo sich das Lager des griechischen Armeekorps im Ersten Weltkrieg befand. Mit dabei waren der Görlitzer Oberbürgermeister Siegfried Deinege (2.v.l.) und sein Amtskollege aus Zgorzelec, Rafal Gronicz (r). FOTO: dpa
Görlitz/Zgorzelec. Seit Jahrhunderten treiben Konflikte Menschen in die Flucht. In den Wirren des Ersten Weltkrieges war es gar eine ganze Militäreinheit, die Asyl in Görlitz bekam. Es ist ein ungewöhnliches historisches Kapitel, das jedoch nur wenig bekannt ist. Anett Böttger

Es ist eine nahezu in Vergessenheit geratene Geschichte, die sich vor 100 Jahren in Görlitz ereignete: Am 28. September 1916 trafen die ersten von knapp 7000 Angehörigen eines griechischen Armeekorps ein, die in der Stadt Schutz suchten. Eine "Besonderheit im Verlauf des Ersten Weltkrieges" nennt Petra Großert die historische Episode. Die Geschichtslehrerin am Görlitzer Augustum-Annen-Gymnasium bereitete für Oktober eine Projektwoche vor, in der sich deutsche und griechische Schüler mit diesem Kapitel beschäftigen.

"Es geht um Geschichte und die Auswirkungen von Kriegen", sagt die Pädagogin. Das 4. Armeekorps Griechenlands war 1916 zwischen die Fronten der Großmächte geraten. Der königstreue Kommandant, Oberst Ioannis Chatzopulos, ersuchte daraufhin Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg um Hilfe. Tatsächlich konnte er vereinbaren, dass seine Soldaten in Deutschland "Gäste der Reichsregierung für die Dauer des Krieges" sein dürften, wie aus historischen Quellen hervorgeht. Zwölf Tage dauerte die Bahnfahrt in zehn Zügen, die Soldaten und Offiziere aus der nordgriechischen Stadt Kavala nach Görlitz brachten.

"Lange Zeit war die Episode in der absoluten Versenkung verschwunden", sagt Großert. 2002 machte sie die sogenannte "Görlitzer Affäre" zum Thema im Leistungskurs für Geschichte. Ihre Schüler forschten im Ratsarchiv und führten Interviews mit Nachfahren der Griechen in Görlitz. Aus dem recherchierten Material entstand eine Broschüre. "Das, was wir damals erarbeitet haben, setzen wir heute ein", sagt die Lehrerin mit Blick auf den Schüleraustausch vom 19. bis 25. Oktober.

Die Initiative dafür ging vom Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge aus. An die Neiße kommen Jugendliche von der Insel Kreta. Dort gibt es auf dem Friedhof des kleinen Ortes Maleme einen Hinweis auf Görlitz als Zufluchtsort für griechische Soldaten. Während der Projektwoche ist auch eine Geschichtswerkstatt mit Gerassimos Alexatos geplant, der dieses ungewöhnliche Kapitel erforschte und ein Buch darüber schrieb.

"Exotische Erscheinungen"

Der in Berlin lebende Autor kann die oft gestellte Frage beantworten, weshalb das Armeekorps denn ausgerechnet nach Görlitz kam. Auf östlicher Seite der Stadt stand damals ein Lager leer, in dem zuvor russische Kriegsgefangene interniert waren. Auf der 28 Hektar großen Fläche, die seit 1945 auf polnischem Boden liegt, kamen die Soldaten unter. Die rund 500 Offiziere wohnten in Privatquartieren. "Die Griechen prägten damals das Bild der Stadt mit 90 000 Einwohnern", sagt Alexatos.

Er spricht von der "Begegnung fremder Kulturen unter denkbar ungünstigen Umständen". "Exotische Erscheinungen" belebten die Provinzstadt. "Sie spielten Billard in Kaffeehäusern, gaben kleine Konzerte, schlossen Freundschaften", erzählt der Autor. Auch das "Interesse, das die Frauenwelt an den Söhnen des Südens zeigte", lässt er nicht unerwähnt. Einige Männer blieben auch nach 1919 in Görlitz. Davon zeugen bis heute griechische Familiennamen in der Stadt.

Wiederentdeckung nach 1989

Auf dem Friedhof der Stadt bekamen die Griechen sogar ein eigenes Grabfeld. "133 Soldaten und Offiziere fanden dort zwischen 1916 und 1923 ihre letzte Ruhe", berichtet Betriebsleiterin Evelin Mühle. Die meisten von ihnen starben 1918 an der Spanischen Grippe.

Zu DDR-Zeiten wurde das Grabfeld eingeebnet. Sieben Obelisken für ranghohe Angehörige des Armeekorps verschwanden unter Efeu und Gras. "Vielleicht musste erst die Wende kommen, um diese europäische Geschichte wieder ins Bewusstsein zu rücken", vermutet die Friedhofschefin.

Nach 1990 wiederentdeckt und restauriert, kamen die Obelisken 2003 an ihren früheren Platz zurück. Gleich daneben wurden 2014 zwei Grabplatten mit den Namen von 123 griechischen Soldaten enthüllt. Und in der polnischen Nachbarstadt Zgorzelec steht seit diesem Sommer eine Gedenksäule an der Stelle, wo sich das Lager des Armeekorps einst befand.

Somit wurde das lange vergessene Kapitel schrittweise wieder ins öffentliche Bewusstsein geholt. Evelin Mühle hofft, "dass die alte Geschichte mit den Griechen uns dabei helfen kann, die Arme offenzuhalten für Menschen, die dringend unserer Hilfe bedürfen".