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| 01:04 Uhr

Als Otto Rummert der Kragen platzte

weißwasser.. Per Recht und Gesetz war nun der Weißwasser Gemeindechef Otto Rummert Oberhaupt auch aller Hermannsdorfer. Aber war er das wirklich schon? Die „neuen Weißwasseraner“ , aufgerufen von ihrem ehemaligen Gemeindechef Krüger, wollten, wenn sie nun schon verloren hatten, sich teuer verkaufen. Von lutz stucka

23. April 1903. Der Gemeindevorsteher von Hermannsdorf, Traugott Krüger (7. November 1857 bis 28. August 1915), wird aufgefordert, an diesem Tag um 9 Uhr mit allen Akten zur Amtsübergabe im Geschäftszimmer von Otto Rummert zu erscheinen. Krüger verweigert den Termin und verlangt die Übergabe in seinem Geschäftszimmer im Beisein eines Vertreters des Königlichen Landratsamtes vorzunehmen. Auch wolle er nicht bedingungslos übergeben.
24. April 1903. Um die „Kapitulationsbedingungen“ zu beraten, trifft sich der Hermannsdorfer Gemeinderat zu einer letzten Beratung. Die Bedingungen sollen sein: Das Gemeindevermögen soll unter den Hermannsdorfer Einwohnern verteilt werden, Steuervergünstigungen sollen vereinbart werden, die Görlitzer-, Josef- und Hermannsdorfer Straße sollen innerhalb von zwei Jahren gepflastert sein, an die Kostenbeteiligung für den Bau der künftigen Kanalisation und Wasserleitung dürfen Hermannsdorfer nicht herangezogen werden, für Hermannsdorf darf kein Ortsbebauungsplan eingeführt werden, der die Einwohner beeinträchtigen könnte, innerhalb von zehn Jahren darf keine neue Steuer eingeführt werden, eine Steuerfreiheit für Hof- und Kettenhunde soll eingeführt werden und der vereinigte Ort soll den Namen Weißwasser-Hermannsdorf tragen. Auch sollen in der neuen Gemeindeverwaltung fünf Hermannsdorfer Beamte tätig werden.

6. Mai 1903. Die Weißwasseraner sind entrüstet über diese Unverfrorenheit. Otto Rummert weist die Forderungen als „dreist und undurchführbar“ zurück.
Ende Mai 1903. Da das Barvermögen, angeblich nur 200 Mark, nicht der Gemeinde Weißwasser in die Hände fallen soll, versucht Traugott Krüger, es auf einem Sperrkonto zu hinterlegen. Das Kreditinstitut verweigert aber die Annahme des Geldes. Eine zweite Übergabe der Kommunalakten an Otto Rummert scheitert erneut.

10. Juli 1903. Das Ortsstatut und alle Steuerzuschläge Weißwassers werden gegen den Willen der Hermannsdorfer eingeführt.
Januar 1904. Der Gemeindevorsteher Rummert begibt sich nun selbst in die Wohnung von Traugott Krüger, um dort alle Akten und Dokumente entgegen zu nehmen. Widerwillig werden sie ihm ausgehändigt, so auch der tatsächliche Kassenbestand in Höhe von von 13 384 Mark.
29. April 1915. Elf Jahre später. Die Hermannsdorfer kamen wohl bisher gut zurecht mit dieser zwangsweisen Vereinigung, kein Klagen oder Jammern wurde überliefert. Lediglich der ehemalige Gemeindevorsteher Traugott Krüger konnte es nicht verwinden. Er schied an diesem Tag freiwillig aus dem Leben, aus Gram und Schwermut, wie bekannt wurde. Es sollen allerdings familiäre Probleme eine Rolle gespielt haben. Oder konnte er sich mit der Eingemeindung letztendlich doch nicht abfinden?
Damit endet die Chronik von Hermannsdorf.

Zahlentafel
1820. In Hermannsdorf sind zwölf Häusler mit ihren Parzellen in einer Größe von 69 Hektar angesiedelt.
1853.
In Hermannsdorf leben 79 Personen.
3. Dezember 1867. In Hermannsdorf leben 81 Leute.
1. Dezember 1871. In Hermannsdorf leben 39 männliche und 44 weibliche Einwohner in 14 Familien und ebenso vielen Wohnhäusern. Von den gesamt 83 Leuten sind 19 Kinder. Lesen und schreiben können 42 aber 22 sind Analphabeten.
1885. In Hermannsdorf leben 80 Einwohner.
27. März 1895. Es wird die Gründung einer selbständigen Ortskrankenkasse für Weißwasser und Hermannsdorf beschlossen.
1. April 1895. In Weißwasser tritt ein neues Kommunalabgabesteuergesetz in Kraft. Es werden indirekte Gemeindesteuern wie Hundesteuer, Lustbarkeitssteuer und Biersteuer erhoben. Demnach müssen Gastwirte und Bierhändler pro Hektoliter ausgeschenktes Lagerbier 50 Pfennige, dieselbe Menge ausgeschenktes anderes Bier, wie Bayrisch, Graetzer, Kulmbacher, Patzenhofer … 60 Pfennige Steuern zahlen. Braunbier und Bier, das in weniger als zwei Litern eingeführt wird, ist steuerfrei. Da eine solche Steuer in Hermannsdorf nicht eingeführt wird, kommt es zu Zwistigkeiten. Das Gesetz wird mehrfach verändert und erst am 1. Juli 1896 in Kraft gesetzt. Natürlich kommt es zum Bierschmuggel über die Ortsgrenze. Weißwassers Behörden stellen fest, „…dass es besonders nachts unmöglich sei, durch das Vorhandensein der vie len Wege zwischen Weißwasser und Hermannsdorf diesen illegalen Verkehr zu unterbinden“ . Diejenigen Weißwasseraner, die eben nicht mit dem gefüllten Bierkrug des Nachts die Görlitzer-, Bismarck- oder Wilhelmstraße entlang schleichen wollten, um die Grenze zu überschreiten, liefen mit leerem Bauch ins Gasthaus „Waidmannsruh“ oder ins Gasthaus „Zur Glashütte“ an der Josephstraße, heute Karl-Marx-Straße, Ecke Brunnenstraße. Hier tranken sie sich auch einmal übervoll, mehr als zwei Liter, und brachten das unversteuerte Bier zum Leidwesen der Weißwasser Gemeindeobersten sicher über die Grenze.
1899. Gasthofbesitzer Gottlieb Simossek kommt im Jahr 1895 nach Weißwasser beginnt als Glasschleifer in der Glashütte Gelsdorf seine Arbeit. Vier Jahre später eröffnet er seinen Gasthof „Waidmannsruh“ in Hermannsdorf, den er selbst erbaut hatte.
Um 1900. Christian Marko aus Hermannsdorf dient beim Gardekorps und zählt zu den Schlossdienern Kaiser Wilhelm II. in Berlin.
1902. Die „Görlitzer Aktienbrauerei“ gründet in der Nähe des Osram-Werkes am Kaiserplatz eine Niederlage, die sich auf dem Territorium des noch nicht eingemeindeten Hermannsdorf befindet. Eine kontroverse Biersteuer zwischen beiden Gemeinden begünstigt die Standortwahl der Görlitzer. Leiter dieser Einrichtung und erster Vertreter des Landskronbieres im Ort wird Paul Eifler, 1937 war Paul Kuhnt Niederlassungsverwalter.
1. Oktober1903. Elf Parteimitglieder gründen im Gasthaus „Waidmannsruh“ (heut Gaststätte „Max“ ) die SPD-Ortsgruppe Weißwasser. Mit der anwachsenden Industrialisierung entstanden auch soziale Probleme, wie der Achtstunden-Arbeitstag, die betriebliche Krankenversorgung, die Arbeits- und Lebensbedingungen und anderes. Die ersten Arbeitervereine, so auch der Verband der Glasarbeiter, waren Ursprung des überdurchschnittlichen Engagements der Arbeiter und Handwerker in der linken Politszene. Weißwasser wird in den zwanziger Jahren als "Rote Hochburg" bezeichnet. Der Vorsitzende der SPD-Ortsgruppe Weißwasser heißt 1932 Schmidt.

1903. Der Kapelle der Freiwilligen Feuerwehr wurde gestattet, nur in den Gaststätten zum Tanz zu spielen, deren Besitzer Mitglieder der Wehr waren. Neben dem Restaurant „Waidmannsruh“ in Hermannsdorf stand nur noch drei weiteren Gaststätten dieses Recht zu. Zu damaliger Zeit gab es Musikkapellen nicht wie Sand am Meer, so wie heute, sondern sie waren eher selten und von den Gastwirten hart umworben. Im Waidmannsruh war eben immer etwas los, zumal auch das Bier, wegen der fehlenden Biersteuer, günstiger als in Weißwasser angeboten werden konnte.
Oktober 1903. Der neue Saal wird im Restaurant „Waidmannruh“ fertig gestellt und gehört zu den größten in Weißwasser. Er ist „… mit einer vorzüglichen Ventilation ausgestattet. Im Saal ist ein großes Orchestrion mit elektrischem Betriebe vorhanden“ . Neben dem Gasthaus, wo sich später eine Gartenanlage ausbreitete, befand sich der Arbeitersportplatz, der viele Jahre genutzt wurde. Es war zu jener Zeit nicht üblich, dass Bürgerliche und Arbeiter an den selben Stätten Sport trieben oder sich trafen. Das war streng getrennt. So gab es auch extra ein Arbeiterschwimmbad, den späteren „Totenteich“ , denn der Braunsteich war nur dem bürgerlichen Naturheilverein und dem Schwimmclub „Neptun“ vorbehalten. Der Sportplatz am heutigen Turnerheim durfte ab dem Jahr 1922 auch von Arbeitern genutzt werden, da sich der bürgerliche Männer-Turn-Verein mit dem Arbeiter-Turn-Verein vereinigte. Der Arbeitersportplatz in Hermannsdorf wurde dann nur noch gelegentlich benutzt.

1924. Obwohl die Glassandförderung in Hermannsdorf längst vorbei ist, betreibt die Familie Noack noch unter der Firma „Fuhrwerks- und Sandgrubenbesitzer Noack“ dieses Gewerbe.