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| 14:39 Uhr

Lesung
Als aus Sorben Texaner wurden

Die Autorin Trudla Malinkowa während ihrer Lesung im Trauzimmer des Sorbischen Kulturzentrums in Schleife.
Die Autorin Trudla Malinkowa während ihrer Lesung im Trauzimmer des Sorbischen Kulturzentrums in Schleife. FOTO: Torsten Richter-Zippack
Schleife. Im 19. Jahrhundert haben rund 5000 Sorben die Lausitz in Richtung Übersee verlassen. Autorin Trudla Malinkowa hat deren Geschichte aufgeschrieben. Von Torsten Richter-Zippack

„Ufer der Hoffnung“ heißt das Buch der Bautzener Autorin Trudla Malinkowa (Gertrud Mahling), das sie jetzt in Schleife präsentiert hat. Es war im Jahr 1995 erstmals erschienen. Doch anno 2017 kam die bereits dritte Auflage auf den Markt. Das Schicksal der Sorben, die in den Jahren von 1815 bis 1915 die Lausitz gen Australien, Amerika, Südafrika und in weitere Länder in Übersee verlassen hatten, scheint die heutigen Lausitzer brennend zu interessieren. Warum, erklärt Trudla Malinkowa so: „Zu DDR-Zeiten war das Thema verpönt. Gerade die USA galten als Klassenfeind.“ Daher habe es nach der Wende einen großen Nachholbedarf gegeben.

Die Autorin selbst verfüge über keine Vorfahren, die sich in Übersee ein neues Leben erhofften. „Aber“, so erklärt die 62-Jährige, „mein Mann ist Pfarrer, und wir lebten einige Zeit im Dorf Gröditz bei Weißenberg. Dorthin kamen Ende der 1980er-/Anfang der 1990er-Jahre mehrere Australier und US-Amerikaner, die sich alles ganz genau angeschaut haben. Sie wollten die Spuren ihrer Vorfahren erkunden. Das hat mein Interesse geweckt“, begründet die sorbische Muttersprachlerin ihre Motivation sich dem Thema zu widmen.

Besonders fasziniere Malinkowa das Schicksal derjenigen 558 Sorben, darunter 170 Kinder, die unter Leitung des Pfarrers Jan Kilian (1811 – 1884) Mitte der 1850er-Jahre auf einen Schlag in die USA ausgewandert waren. Trotz vieler Entbehrungen trafen die Lausitzer anno 1853 in Texas ein. Besonders erschütternd ist das Schicksal mehrerer Kinder, die die mehrmonatige Reise nicht überlebten. Denn das Schiff, so hat Trudla Malinkowa recherchiert, war mit gefährlichen Krankheitserregern verseucht. So starben viele Passagiere an der Cholera, die mit schweren Durchfällen einhergeht.

Von der Auswanderung betroffen waren vor allem die Alt-Lutheraner aus den Gegenden um Weigersdorf und Klitten, berichtet die Autorin. Die Gläubigen seien durch die preußischen Machthaber massiv gegängelt worden. Darüber hinaus machten sich auch zahlreiche reformierte Christen auf den Weg nach Übersee. Katholiken wanderten dagegen so gut wie gar nicht aus. Im Schleifer Gebiet begaben sich die Auswanderer erst ab dem Jahr 1870 auf den Weg. Sie reisten fast ausschließlich nach Texas. Die Sorben aus dem Senftenberg-Spremberger Gebiet siedelten sich dagegen in Iowa sowie im mittleren Westen der Vereinigten Staaten an.

Während der Lesung im Sorbischen Kulturzentrum Schleife ist auch Manfred Noack aufmerksamer Zuhörer. Der 79-jährige Mühlroser verweist auf einen Auswanderer aus seiner Familie. „Der Stiefbruder meines Großvaters war einst mit seiner ebenfalls aus Mühlrose stammenden Verlobten anno 1872 nach Amerika aufgebrochen. Noch heute leben deren Nachfahren bereits in der vierten Generation in der texanischen Siedlung Serbin. Vor rund sieben Jahren waren sie mal bei uns zu Besuch.“

Trudla Malinkowa hat den Ort Serbin, gegründet von sorbischen Auswanderern, bereits mit eigenen Augen gesehen. „Das Dorfzentrum bilden die Kirche, der Friedhof, die Schule und das wendische Museum. In der Umgebung gruppieren sich viele Farmen der Nachfahren der sorbischen Auswanderer. Die Muttersprache spricht dort niemand mehr. Den letzten sorbischen Gottesdienst in Serbin gab es im Jahr 1920.“

Die Mitarbeiterin des Sorbischen Institutes in Bautzen wird, so kündigt sie an, im Herbst das zweite wichtige Auswanderungsziel der Sorben besuchen. „Dann geht es nach Australien. Dort leben die Sorben über den ganzen Kontinent verteilt.“ Ihr Buch „Ufer der Hoffnung“ ist inzwischen nicht nur in Sorbisch und Deutsch zu haben, sondern ebenso in Englisch. Das Werk, das im Vergleich zu den beiden früheren Auflagen aktualisiert wurde, beinhaltet auch Namenslisten der einstigen Auswanderer. „Allerdings ohne Anspruch auf Vollständigkeit“, stellt Trudla Malinkowa klar. So findet sich beispielsweise Johann Noack, der Stiefbruder des Großvaters von Manfred Noack aus Mühlrose, dort nicht.

Das Buch „Ufer der Hoffnung“ ist im Bautzener Domowina-Verlag erschienen. Es kostet 16,90 Euro und ist überall im Buchhandel zu haben.