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| 02:54 Uhr

Alle Menschen sind gleichwertig

Beim ehrenamtlichen Deutsch-Kurs in Niesky mit Menschen aus Syrien, sagte einer (noch auf Englisch): "Wir wollen leben! Die strengen Islamisten verbieten uns alles. Sollen sie doch in die Wüste gehen und uns leben lassen.

Wir sollten schießen. Alles ist zerbombt! Aber Gott hat uns allen das Leben gegeben und wir wollen leben!"

Weil Gott uns alle gleich geschaffen hat, schrieb ich mehrmals am Anfang der Stunde folgenden Satz an die Tafel. Wir besprachen ihn und manche konnten ihn bald auswendig und begrüßten mich damit: Alle Menschen sind gleichwertig!

Also Frauen und Männer und Kinder - überall auf der Welt - sind in vielen Punkten unterschiedlich, aber haben denselben Wert. Menschen mit und ohne Behinderung sind gleichwertig! Junge und Alte, Kranke und Gesunde sind gleichwertig! Arme und Reiche sind als Menschen gleichwertig!! Einheimische und Zugezogene und Flüchtlinge sind gleichwertig. Deutsche und Syrer und Türken und Polen sind gleichwertig! Christen und Moslems und Juden sind gleichwertig!

Das ist nichts Neues. Das geht schon aus der Bibel hervor, dass vor Gott alle Menschen gleich sind. Das steht auch in der Erklärung der Menschenrechte von 1948: "Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren". Und in unserem deutschen Grundgesetz steht: "Die Würde des Menschen ist unantastbar". Das klingt einfach und ist der Hauptwert Europas! Es ist aber die schwerste Aufgabe der Menschheit - und nicht erst seit der sogenannten Flüchtlingskrise. Denn die jetzige Krise ist freilich auch eine Krise der einzelnen Flüchtlinge.

Doch die Krise ist einerseits die Katastrophe des fanatisierten und internationalisierten Bürgerkrieges in Syrien und bei uns eine Krise unseres eigenen Selbstverständnisses als Menschen. Jeder im christlichen Abendland muss sich fragen, ob seine Worte und sein Verhalten noch der Würde aller Mitmenschen, aber auch seiner eigenen Würde entsprechen. Menschen sind keine ‚Flut‘ und keine ‚Lawine‘ und kein ‚Pack‘. Und auch ‚Obergrenze‘ und ‚Schaffen‘ oder ‚nicht Schaffen‘ sind keine Kategorien der Menschlichkeit. Da handeln erfreulicherweise unzählige Deutsche und andere mitmenschlich und helfen Flüchtlingen. Einzelne sind überfordert, aber jenseits der Ballungsgebiete gibt es noch Reserven.

Wer nicht zu helfen vermag, sollte nicht pauschal dagegen sein oder gar dagegen wettern oder gewalttätig werden, sondern seine Menschlichkeit woanders anwenden.

Reinhard Müller, Pfarrer

in Ruhe, Nieder Seifersdorf