ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 16:42 Uhr

Band vier der Reichwalder erschienen
Aha-Effekte sind erwünscht

Wolfgang Wurl zeigt die vier Bände, in denen Reichwalder Geschichte(n) aufgeschrieben wurden.
Wolfgang Wurl zeigt die vier Bände, in denen Reichwalder Geschichte(n) aufgeschrieben wurden. FOTO: Regina Weiß
Reichwalde. Die Reichwalder Hefte sind bei Band vier angekommen. Am Samstag sind sie beim Weihnachtsmarkt zu haben. Von Regina Weiß

Wenn eine Kirche ein neues Dach und neue Fenster braucht, dann geht das nicht ohne das nötige Kleingeld. Darum wissen die Mitglieder des Kirchbaufördervereins und sind deshalb seit Längerem aktiv. „Wir wollten aber nicht nur Spenden sammeln“, nennt Wolfgang Wurl den eigentlichen Anstoß für die Publikationen, die mittlerweile bei Band vier angekommen sind. Hinzu kam, dass der damalige Pfarrer einwarf, dass es so viele Ordner im Archiv gibt, in denen sich viel interessanter Lesestoff verbergen würde. So kam eins zum anderen und die Idee von den Reichwalder Heften wurde geboren. Wobei der Titel wahrlich einer Untertreibung gleich kommt, denn die Reichwalder Hefte sind Bücher, teilweise bis zu 90 Seiten stark.

Zum Weihnachtsmarkt 2017 hatten sie Premiere. „Einen Tag vorher hat die Postfrau gesagt, die Bücher sind da“, erinnert sich Wolfgang Wurl. Der Anfang wurde – wie konnte es auch anders sein – mit der Kirche des Ortes gemacht. Der Band eins „Von Glocken, Engeln und viel Einsatz“ ist mittlerweile ausverkauft. Band zwei – „Von Lehrern und Pfarrern“ – widmet sich  zwei wichtigen Berufsgruppen im Dorf. Zwischendurch fiel Wolfgang Wurl ein maschinegeschriebenes Manuskript in die Hände. Es stammt aus den Händen des inzwischen verstorbenen Günter Mitschke. Dessen Erinnerungen an die Zeit zwischen 1920 und 1940 waren so interessant, dass Wolfgang Wurl fand: Daraus machst du Band drei. „Postmeister Moppel, Gastwirt Emil und ich“ lautet der vielversprechende Titel, der Reichwalder Geschichte personalisiert lebendig werden lässt. Seit Oktober gibt es nun Band vier. „Schlossgeschichte(n)“ sind es, die nun auf ihre Leser warten.

Geschichten einzufangen und aufzubereiten, ist manchmal gar nicht einfach. So musste aus einem 100-seitigen Text die Quintessenz gezogen oder Gesprächspartnern mehr als „es war schön“ entlockt werden. Doch Wolfgang Wurl, der seit elf Jahren in Reichwalde lebt, hat sich nicht nur in die Thematik hineingearbeitet, sondern findet auch den richtigen Draht zu den Menschen. Irgendwann trifft er den Punkt, wo sie anfangen zu erzählen, Fotos und Dokumente zeigen. Wobei sich Bilder durchaus als Problem herausgestellt haben. „Die Leute haben damals nicht so viel fotografiert und wenn, dann oft weit weg, mit kleinen Abzügen. Das war halt damals so mit der Pouva Start“, sagt er. Da ist er froh, wenn sich noch Dias finden, die man verwenden kann. So wie beim Thema verschwundene Dörfer, über die in Band sechs erzählt werden soll. Dieses Buch soll ein Gemeinschaftswerk mit dem Förderverein Erlichthof Rietschen werden. Dessen Vorsitzender Kurt John hat schon die entsprechende schriftliche Zuarbeit geleistet. Ist ja auch irgendwie logisch, denn Häuser aus den Dörfern, die dem Tagebau Reichwalde weichen mussten, haben im heutigen Museumsdorf in Rietschen eine neue Heimat gefunden.

Dem Rentner Wurl macht es Spaß, Geschichten auszubuddeln. Aha-Effekte sind beim Lesen der Bücher durchaus erwünscht. „Wenn die Leute zu mir sagen: Mensch, wo hast du denn das wieder her, dann freut mich das sehr“, erfährt die RUNDSCHAU von dem 67-Jährigen.  Bei den verschwundenen Dörfern wird über die Mühle in Mocholz zu lesen sein oder die Nähe von Publick zum Militärgelände. „Im Panzerbecken sind die Menschen damals baden gegangen“, hat Wurl erfahren. Die Arbeiterkolonie Wunscha oder das Kinderheim Schadendorf werden in dem Buch auch ihren Platz finden.

Bereits fertig und gerade beim Probelesen befindet sich Buch Nummer fünf. Es handelt von der Feuerwehr, von den Bränden und Hochwassern, die Reichwalde heimgesucht haben. Passend wird es 2019 zum 85. Feuerwehrgeburtstag und dem 20-jährigen Bestehen des Feuerwehrtraditionsvereins präsentiert.

Vereine, das ist das passende Stichwort für den eigentlichen Schlusspunkt der Reihe: Die Vereine des Ortes, die es heute noch gibt und die es einmal gab, sollen das Heft füllen. Wolfgang Wurl weiß, dass er dabei auf die Hilfe aus den einzelnen Gruppen angewiesen ist. Einiges hat er aber auch schon selbst zusammengetragen, so über den ehemaligen Militär- oder Radfahrverein. 2020 soll dieses Heft erscheinen.

Und so, wie es jetzt schon aussieht, wird es vermutlich nicht das letzte sein. Schließlich weiß so mancher besonders gut aus seinem Leben zu berichten oder hat einst die Dorfgeschicke mitgeprägt. In den Reichwalder Lebenslinien könnte sich das durchaus widerspiegeln. Aber, so Wurl, das ist wahrlich noch Zukunftsmusik.