Ein Bild wie aus dem Mittelalter. Der Mann in Jägerkleidung, auf der Hand, die ein Handschuh schützt, ein Falke. Der stolze Vogel trägt eine Kappe, die seine Augen verdeckt, um ihn nicht unnötig durch äußere Einflüsse zu beunruhigen. Die Glocken am Gefieder dienen dazu, seinem Besitzer hörbar anzuzeigen, wo sich der Greif aufhält, wenn er ihn hat fliegen lassen. Was eigentlich nur noch fehlt, ist das Pferd, auf dem der Jäger sitzt. Das war im Mittelalter notwendig, als die Jägermeute noch hoch zu Ross den Falken wieder einfing, denn er kann etliche Kilometer fliegen. Heute wird das Pferd dazu nicht mehr gebraucht. Außer den Glocken trägt der Falke einen kleinen Sender, der seinem Besitzer anzeigt, wo sich der Vogel nach dem Jagdflug aufhält.

Wenn die Glöckchen zu hören sind
Der Mann in Jägerkleidung, der vor uns steht, ist Steffen Bieder aus Mühlrose mit seinem Saker-Falkenmännchen „Saik“ . Am 1. Oktober begann die Beizjagd-Saison, da sieht man den 35-Jährigen wieder regelmäßig mit dem Falken und dem Habichtweibchen „Ester“ in Wald und Flur. Wenn die Glöckchen von „Saik“ beim Fliegen ertönen, wissen die Leute in Mühlrose und Umgebung - Bieder und seine Greife sind wieder in Aktion. Der Habicht trägt nur die Glöckchen, ihr akustisches Signal reicht aus, um ihn zu finden, denn diese Greifvogelart absolviert nur kurze Flüge.
Steffen Bieder fing schon mit 16 Jahren mit der Falknerei an. Er bekam ein Buch darüber in die Hand, dass ihn faszinierte. Mit 18 legte der junge Mann dann die Jagdeignungsprüfung mit der Waffe ab. In der DDR die Voraussetzung, um praktische Falknerei ausüben zu können. Sie ersetzte jedoch nicht die Falknerprüfung, die zusätzlich zu meistern war. In Winfried Konzan aus Schleife fand Steffen Bieder einen tollen Lehrmeister, wie er im Gespräch mit der RUNDSCHAU bekennt. „Er hat mir als Anfänger alles beigebracht, was man über Greifvögel, die Falk nerei und Beizjagd wissen muss. Ich habe ihm viel zu verdanken“ , so der Mühlroser.
Er ist neben Konzan der einzige Falkner im Altkreis Weißwasser. Innerhalb des Bundes für Falknerei und Greifvogelschutz e. V. in Sachsen gibt es nur 13 Mitglieder.
„Das Hobby erfordert viel Zeit sowie Wissen und Können. Wer nur aus der Überlegung heraus, möglichst an viel Fleisch für die eigene Bratpfanne zu kommen, Falkner werden möchte, braucht erst gar nicht damit anzufangen. Außerdem müssen die räumlichen Bedingungen stimmen. Ein großes Grundstück ist schon erforderlich“ , erläutert der Jäger. Er wohnt mit seiner Familie in Mühlrose, Am Damm 27. Dort finden „Saik“ und „Ester“ auf dem großen Areal in ihren vorzüglichen Volieren ideale Haltungsbedingungen vor.
Bieder hatte in den Anfangsjahren als ersten eigenen Vogel einen Mäusebussard. „Ein reiner Übungsvogel, der nur Mäuse jagt. Mit ihm lernte ich überhaupt den praktischen Umgang mit Greifen, wie sie zu halten und zu füttern sind“ , erzählt der 35-Jährige.

Spezialist für Krähenjagd
Mit dem Habicht sei das schon ganz anders, erfährt die RUNDSCHAU. Dieser weise ein breites Beutespektrum auf. Es reicht vom Hasen über das Kaninchen bis zur Ente. Der Saker-Falke wiederum ist der Spezialist für die Krähen- und Elsternjagd, weiß Bieder. Diese Vögel hätten so überhand genommen, dass sie bereits zur Plage geworden sind.
Steffen Bieder gerät beinahe ins Schwärmen, wenn er davon berichtet, wie „Saik“ und „Ester“ in der freien Natur agieren. „Die Schönheit des Jagdfluges ist es, die mich so begeistert. Ich will mit dazu beitragen, die Falknerei als wertvolles Kulturgut zu erhalten. Es geht nicht vordergründig darum, Beute nach Hause zu bringen. Ein oder zwei Hasen sind es im Durchschnitt, die ich in einer Saison durch meine beiden Vögel zur Strecke bringe. Es ist auch nicht so, dass bei jedem Flug ein Tier geschlagen wird, wie wir Weidleute sagen. Zehn Versuche etwa benötigt so ein Habicht, um zum Jagderfolg zu kommen“ , klärt der Mühlroser auf.
Er muss übrigens regelmäßig mit seinen beiden Tieren üben, damit ihr Jagdinstinkt nicht nachlässt. „Ich fertige beispielsweise Beuteattrappen an, klebe einige Federn daran, und fertig ist die Krähe. Federspiel sagen wir dazu.“ Nach wie vor bleibe bei den Greifvögeln die Wildheit bestehen, auch wenn sie zusammen mit den Menschen leben, berichtet Bieder. So lassen sich „Saik“ und „Ester“ von Fremden nicht anfassen.
Wie er erzählt, betrachte der Greifvogel den Jäger als Beutekumpan. Bieder muss sich beeilen, wenn er zu einem Stück geschlagenen Wildes kommt, damit sein Greif sich nicht über das Fleisch hermacht. „Dann decke ich die Beute ab und belohne meinen treuen Freund mit Futter“ , so der Falkner.

Zum Thema Keine Pflege verletzter Greife auf eigene Faust
 Steffen Bieder rät dringend davon ab, zu versuchen, verletzte oder kranke Greifvögel auf eigene Faust zu heilen und gesund zu pflegen. Wird so ein Tier gefunden, sollte es in die Hände eines Fachmannes kommen - entweder eines Tierarztes oder eben eines Falkners. Steffen Bieder wohnt in Mührose, Am Damm 27, ist telefonisch unter 035773/710 93 zu erreichen.