Von Regina Weiß

70 Jahre und kein bisschen altbacken. Im Gegenteil: An vielen Stellen modern, farbenfroh und innovativ. Vom Rentnerdasein, wo man die Hände in den Schoß legt, ganz zu schweigen. So lässt sich kurz und knapp der Istzustand der Jubilarin umschreiben: Am 1. April hat die WBG – Wohnungsbaugesellschaft mbH Weißwasser ihren 70. Geburtstag gefeiert.

Dazu hat sie Mitarbeiter, alte Weggefährten, Partner, Unterstützer, Politiker und Stadträte eingeladen. Geschäftsführerin Petra Sczesny nutzt die Gelegenheit in dieser Runde, den Blick in die Geschichte aber auch in die Zukunft zu richten. „Wir hatten eine bewegte und bewegende Geschichte“, so die Geschäftsführerin zur Begrüßung, „der besten Geburtstagsgesellschaft, die man sich wünschen kann.“

1949 – neben dem Hunger ist die Wohnungsnot das drückenste Problem, was die Menschen auch in Weißwasser umtreibt. Acht Mitarbeiter hat das Kommunale Wohnungsunternehmen. Die Verwaltung passt in einem Raum. Sie muss sich nicht nur um 647 Wohnungen kümmern. Auch die Verantwortung für Stadtgrün und Stadtbad gehören unter anderem zum umfangreichen Aufgabenfeld. „Der Bahnhof stand damals übrigens noch nicht zur Debatte“, spielt Sczesny auf die Jetztzeit an.

Lona und Fritz – die zwei Pferde zählen bis 1971 zu den zuverlässigsten Mitarbeitern des kommunalen Unternehmens. Die beiden Vierbeiner beschäftigten allerdings auch die Republik bis ins Ministerium. Denn nur von dort gibt es grünes Licht für Sägespäne. Andersherum sind auch Lona und Fritz nicht sehr freigiebig. Die Weißwasseraner schaffen es nicht, die vereinbarten 400 Gramm Pferdehaare abzuliefern. Übrigens dauert es fast 20 Jahre bis der VEB Kommunale Wohnungsverwaltung sein erstes Dienstfahrzeug bekommt. 1968 wird ein Trabant Kombi in Dienst gestellt.

Das Neubauprogramm der DDR trägt Früchte – ab 1962 wächst das WK I in Weißwasser. In Boxberg entstehen aufgrund der Anforderung durch Kohle- und Energiewirtschaft insgesamt 1036 Wohnungen. Dort gibt es auch die ersten mit Fernwärme und Warmwasser. Ein Luxus für die Mieter, erinnert Petra Sczesny. 1972 ist der Wohnungsbestand auf 4298 gewachsen. Er klettert weiter nach oben. Weißwasser, Boxberg, Schleife bis hin nach Rietschen – 8800 Wohnungen sind es bis zur Wende, die betreut werden.

Instandhaltung – sie wird zur Achillesferse des VEB Gebäudewirtschaft. Da hilft auch kein Improvisationstalent. „Es fehlte an allem.“ Im Selbsttest wurde überprüft, ob die Badewanne nach 20 Jahren wirklich zu rau war und ausgetauscht werden musste. Eine ganze Maschinerie setzt schließlich ein, wenn die Mieter zum wahrlich letzten Mittel greifen und ankündigen, nicht wählen gehen zu wollen.

Die Wende – Plan- und Mangelwirtschaft sind mit ihr Geschichte. Neue Gesetzesvorgaben und veränderte Rahmenbedingungen sorgen für Herausforderungen der anderen Art. Aus 143 Mitarbeiten im Jahr 1990 werden 28. Die WBG – Wohnungsbaugesellschaft mbH Weißwasser (sie heißt so seit dem 27. Dezember 1990) stellt sich der Sanierungsaufgabe. 200 Millionen Euro sind bis heute in die Verbesserung des Bestandes geflossen. Weitere Millionen sollen in den kommenden Jahren folgen. Wobei 1995 bisher als Rekordjahr gilt: 56 Millionen DM werden verbaut. Doch die WBG bekommt auch 60 Millionen Euro Altschulden aufgedrückt. Bis heute arbeitet sie daran, sie abzubauen. Ende 2025 will man sie lossein.

Leerstand – 0,91 Prozent der Wohnungen stehen 1990 leer. 2002 sind es über 26 Prozent. Die WBG steuert um und nimmt über 3000 Wohnungen vom Markt. Zahlreiche Blocks „verschwinden“ in Boxberg. In Weißwasser ist es die Südstadt. „Es sind die wirtschaftlichsten und modernsten Wohnungen gewesen“, erklärt Petra Sczesny. Die gleichen Bauarbeiter, die sie vermutlich aufgebaut haben, reißen nun ab. „Es blutet noch immer das Herz.“ Heute liegt der Leerstand bei 17,48 Prozent. Es ist der Altersdemografie geschuldet.

„Großen reicht kleines, aber Kleine müssen immer Großes leisten. Wir sind stolz auf das, was wir erreicht haben“, spricht Petra Sczesny für ihr Team. Diesem verpasst sie das Attribut fabelhaft. Man sei mit Herzblut bei der Sache, wenn es um den Wohnungsbestand in Weißwasser, Boxberg und Schleife sowie die Mietparteien geht. „Gutes Wohnen ist lebenswichtig.“ Wobei die Wohnung ein Sozialbarometer ist. Denn von Sozial- über Gesundheits- bis Energiepolitik kommt in der Wohnung an. Da seien die Auswirkungen des ersten Strukturbruchs noch nicht überwunden, da stehen weitere enorme Herausforderungen mit dem Strukturwandel an. Hinzu kommen Entscheidungen über Energieeinsparverordnung bis Fördermöglichkeiten und die Regulierungswut der Politik, die in Weißwasser zu meistern sind. „Wir gehen weiterhin spannenden Zeiten entgegen.“

In diesen schwierigen Rahmenbedingungen leiste die WBG Großes, lobt Gratulant Oberbürgermeister Torsten Pötzsch (Klartext). Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) verweist auf den Sturkturwandel und die einmalige Chance für die Region. Wichtig sei aus seiner Sicht vor allem, das nicht genörgelt wird, wenn Aufbruchstimmung angesagt ist.