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| 01:12 Uhr

3. Sonntag nach Epiphanias

Der Verfassungsrechtler Ernst-Wolfgang Bockentörde schreibt: „Es gehört zur Struktur des freiheitlichen Rechtsstaates, dass er von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht garantieren kann, ohne seine Freiheitlichkeit in Frage zu stellen. . .

“ Diese Voraussetzungen sind zum Beispiel in unserem Menschenbild zu finden. Dass das Leben einmalig ist, dass der Mensch ein Individuum ist, dass jeder Mensch unendlich wertvoll ist, unabhängig davon ob er viel leistet oder fast nur noch auf die Leistung anderer angewiesen ist, dies alles scheint uns ziemlich selbstverständlich. Wir können uns fast nicht vorstellen, dass es auch anders sein kann. Ein Blick auf die indische Kultur zeigt, man kann das Leben statt als einmalig auch als eine ewige Wiederkehr ansehen. Ein Blick auf China zeigt, dass Individualität nicht in jeder Kultur eine so große Bedeutung hat. Ein Blick auf die Zeit des Nationalsozialismus mit seiner Rassenideologie und die Ermordung geistig behinderter Menschen zeigt, dass auch der Wert eines Menschen sehr unterschiedlich gesehen werden kann. Das Beispiel des Nationalsozialismus zeigt auch, wie schnell sich in den Köpfen der Menschen etwas verändern kann, wie wenig selbstverst*am p*auml;ndlich das Selbstverständliche ist.
Alle drei Beispiele haben ihren Ursprung im christlich-jüdischem Denken. Man muss zwar heute nicht unbedingt Christ oder Jude sein, um genauso zu denken, man sollte aber trotzdem nicht vergessen, aus welchen Quellen das eigene Denken schöpft.
Ein Staat sollte in Dingen die Letztgültigkeit beanspruchen neutral bleiben. Ein staatlich verordnetes Menschenbild wäre ein Verlust von Freiheit. Erziehung, und dazu gehört auch schulische Erziehung, darf nicht neutral bleiben, sonst vermittelt sie den Eindruck, dass alles gleich gültig und damit letztlich gleichgültig ist.
Die Erinnerung an unsere gemeinsamen christlichen Wurzeln ist die Erinnerung an die Voraussetzungen, die unseren Rechtsstaat tragen.