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| 21:43 Uhr

Wartezeiten am Schienenweg
20-Minuten-Bahnübergang läuft nach Plan

Wenn sich die Schranken am Hermannsdorfer Weg schließen, dauert es zwei Minuten, bis der Zug durchfährt.
Wenn sich die Schranken am Hermannsdorfer Weg schließen, dauert es zwei Minuten, bis der Zug durchfährt. FOTO: Torsten Richter-Zippack
Weißwasser. Heute warten Autofahrer an geschlossenen Schranken meist nur kurz. Das war vor Jahrzehnten noch anders. Der Zugverkehr wird knapp getaktet. Von Torsten Richter-Zippack

Wer es vor 30 oder 40 Jahren eilig hatte und vor dem Rietschener Bahnübergang an der damaligen Fernverkehrsstraße 115 warten musste, besaß schlechte Karten. Denn es konnte durchaus mal 15 bis 20 Minuten dauern, bis sich die Schranken wieder öffneten. Mancher bezeichnete die rot-weißen Latten daher auch als Sabotagebalken. Heute ist dagegen bei vielen bereits der Unmut groß, wenn mal vier oder fünf Minuten auf den Zug gewartet werden muss.

Warum Autofahrer Geduld mitbringen müssen, wenn das Rotlicht im Andreaskreuz blinkt, weiß Heinz Ganick. Der inzwischen 88-Jährige Weißwasseraner war Zeit seines Lebens bei der Bahn tätig, davon mehrere Jahrzehnte als Fahrdienstleiter auf dem Bahnhof seiner Heimatstadt. „Bis Ende der 1960er-Jahre versahen die Schrankenposten ihre Arbeit, wenn sie in der Ferne den Zug sahen. Vor genau 50 Jahren wurde das sogenannte Leipziger Modell eingeführt. Das bedeutete, alle Schranken zwischen zwei Bahnhöfen müssen geschlossen sein, bevor der Zug ausfahren darf“, erklärt Ganick. Für die Strecke zwischen Weißwasser und Rietschen bedeutete dies konkret, dass in der Schöpsgemeinde die Schranken bereits unten waren, bevor sich im Bahnhof Weißwasser der Zug in Bewegung setzte. Insgesamt, so hat der Bahner nachgezählt, gab es auf diesem rund 16 Kilometer langen Abschnitt sieben Schrankenposten, die Tag und Nacht ihren Dienst versahen. „Fuhr in Weißwasser der Zug los, haben wir sie mit einem Läutewerk verständigt. Fünf Schläge gab es, wenn sich ein Zug aus Richtung Weißwasser näherte, zehn, wenn er von Rietschen kam“, erinnert sich Heinz Ganick. Damals, also zu tiefsten DDR-Zeiten, herrschte auf der Strecke ein wesentlich dichterer Verkehr als heutzutage. Dafür waren viel weniger Autos unterwegs, die an den Bahnübergängen warten mussten. Der Weißwasseraner Bahnhof war zu jener Zeit ein Verkehrsknotenpunkt. Schließlich verlief dort nicht nur die Hauptstrecke Berlin - Cottbus - Görlitz, sondern ebenso die Nebenbahnen nach Forst (bis 1996) und Bad Muskau (bis 2001).

Den 4. Februar 1961, einen Sonnabend, wird Heinz Ganick sein Leben nicht mehr vergessen. Damals gingen im Halbendorfer Weg ganz normal die Schranken nach unten. Ein Bus mit Schichtarbeitern aus Knappenrode rutschte aber wegen Glatteis gegen eine Schranke. „Er wurde dann von der Lok gerammt, zwei Tote waren zu beklagen“, sagt Ganick. Er selbst verständigte das Stellwerk am Cottbuser Bahnhof und forderte einen Arztwagen an.

Nach der Einführung des Leipziger Modells sieben Jahre später stiegen zwar die Wartezeiten an den Bahnübergängen erheblich an. „Aber Sicherheit geht immer vor“, begründet der Weißwasseraner Bahner. Obwohl an manchen Übergangen, beispielsweise in Rietschen, 15 bis 20 Minuten gewartet werden musste, habe sich keiner darüber beschwert. „Das traute sich niemand“, glaubt Heinz Ganick. Daher könne er nicht nachvollziehen, wie sich manche Leute heute aufregen, wenn sie mal vier Minuten am Kohlebahnübergang zwischen Mulkwitz und Neustadt warten müssten (die RUNDSCHAU berichtete).

Indes ist im Raum Weißwasser nicht ein Schrankenwärter mehr im Einsatz. Alle Schranken werden elektronisch gesteuert. Die Wartezeiten konnten dadurch erheblich reduziert werden. An der Cottbus- Görlitzer Bahn gibt es lediglich noch am Bahnhof Neuhausen (Spree) eine Schrankensteuerung via Menschenkraft.

Heinz Ganicks ehemaliges Fahrdienstleiterbüro im Weißwasseraner Bahnhof, in dem er bis vor 25 Jahren tätig war, wird noch heute genutzt. Nach wie vor versehen darin die Fahrdienstleiter ihre Dienste. Ansonsten ist es im Bahnhof relativ still geworden. Waren dort zu DDR-Zeiten bis zu 150 Menschen tätig, ist es heute nur noch eine Handvoll. „Der Bahnhof ist immer das Aushängeschild eines Ortes. Deshalb finde ich es sehr schade, dass das Gebäude in unserer Stadt so heruntergekommen aussieht. Dabei wird schon seit mindestens zehn Jahren versprochen, dass sich etwas ändert“, merkt Heinz Ganick an.

Immerhin ist der Bahnhof genutzt, seit einigen Jahren ist hier die Tourist-Information der Glasmacherstadt beheimatet.