Von Regina Weiß

So etwas sollte es öfter geben. Ich hätte nicht gedacht, dass Kunst so eine Wirkung haben kann. Stau bei einer Kunstausstellung – dies erlebt man auch nicht alle Tage. Drei Sätze. Drei von vielen, die den Erfolg des Blockbuster-Kunstprojektes in Weißwasser beschreiben. Genau 15 Jahre ist es in diesen Juni-Tagen her, dass ein Neubaublock in der Geschwister-Scholl-Straße in Weißwasser das Interesse der Bevölkerung weckte und im Fokus vieler Medien stand. Oberbürgermeister Torsten Pötzsch (Klartext) erinnert am Montag bei einem Pressegespräch im Neufert-Bau an diese Erfolgsgeschichte. Er hofft, dass sich diese wiederholen lässt.

Dabei spielen allerdings diesmal mehrere Gebäude eine nicht unwesentliche Nebenrolle. Eins davon ist der Neufert-Bau. Wo noch vor Wochen Schuttberge lagen, ist der Premieren-Teppich schon mal ausgelegt. Allerdings kein roter. Sondern er ist kunterbunt. „Wenn man von Weitem drauf schaut, sieht er aus wie ein Orientteppich. Hat also durchaus was Wertiges“, so Hendrik Scheel, Bühnenbildner aus Berlin und einer der Mitwirkenden beim „Modellfall Weißwasser – das Masz aller Dinge“. Wer genau hinsieht, bemerkt, dass sich hier eine Modellstadt einem Raster gleich wiederholt. Es ist einfach der passende Teppich zum Projekt, mit dem Weißwasser im Reigen der Bauhausstädte im 100. Jahr seines Bestehens mitspielen will.

Das Projekt „Modellfall Weißwasser – das Masz aller Dinge“ läuft seit September 2018 mit dem Ziel, besondere Orte für die Stadt zurückzugewinnen. Die für die Öffentlichkeit nicht mehr zugänglichen Gebäude – vom Volkshaus über den Neufert-Bau bis zu den Telux-Glaswerken – werden mit Unterstützung verschiedener Partner im Rahmen eines besonderen Stadtrundgangs am 21./ 22. Juni sowie 28./ 29. Juni seit Jahren wieder geöffnet. Die Gäste erwartet Tanz, Theater, Licht- und Videoinstallationen sowie Musik.

„Ich bin kein Ruinenporno, reiß mich auf und niemals ab“, fordert Bernadette La Hengst musikalisch auf. Am Montag singt sie ihr eigens für Weißwasser geschriebenes Lied „Bela Woda“ gemeinsam mit Designikone Professor Wilhelm Wagenfeld (alias Schauspieler Heiner Bomhard) im Duett. Die Künstler fordern auf, den Dornröschenschlaf mit einem Kuss zu beenden, sodass aus Magie Poesie werden kann. Es geht um das Bauhauserbe von Weißwasser, dass einfach mehr ins Bewusstsein gerückt werden soll, erklärt Professor Holger Schmidt, Vorsitzender vom Verein Neufert-Bau Weißwasser.

Und darüber hinaus geht es noch um viel mehr. „Es wäre schön, wenn wir ein Identifikationsgefühl aufbauen könnten. Wir wollen einen Prozess anstoßen und hoffen, dass wir die Leute mitreißen können“, so der Oberbürgermeister. Nicht unwichtig, wo der nächste Strukturwandel an Weißwassers Stadttore klopft.

Im Kleinen hat das Begeistern schon mal geklappt. Rund 100 Mitwirkende haben sich für den Parcours gefunden. Obwohl Stefan Nolte, der künstlerische Leiter des Modellfalls zugibt, dass am Start schon mehr Pionierarbeit in Sachen Bauhaus nötig war. Der Türöffner war letztlich die Glas- und später auch die Energieindustrie. Da wurden Erinnerungen wach und Bereitschaft signalisiert, mitzutun. Beide Industriezweige haben Weißwasser boomen lassen. Zuzug war angesagt. Wo lässt sich also der Rundgang besser beginnen als am Bahnhof. Ab 1867 gab es die Bahnstrecke. Zum Begrüßungskommando gehören Wagenfeld und Ernst Neufert (alias Sebastian Straub). Die beiden statten der Stadt seit dem Projektstart immer mal wieder einen Besuch ab. Danach geht es in die Roten Kuppe auf dem Telux-Gelände, in den Neufert-Bau, auf die Schnitterbrache, ins Volkshaus und die Glasfachschule, bevor sich alle auf dem Boulevard wieder treffen. Und an jeder Station gibt es Unerwartetes: Scherbentänzer, Lichtinstallation, Seh- und Hörrohre, eine Bauhütte sowie ein Trimm-Dich-Pfad für Geist und Körper.

Rolf Kuhn, Direktor des Bauhauses Dessau a.D. und Geschäftsführer der Internationalen Bauausstellung (IBA) Fürst-Pückler-Land a.D., findet die Idee toll. „Man kann nicht einfach die Leute von A nach B schieben. Wandel bedeutet auch Wandel bei den Menschen. Die Frage, wie sie sich ihr Leben in der Zukunft vorstellen“, so Kuhn in Anspielung auf den Strukturwandel und auf das Bauhaus, dass nicht nur Produkte, sondern auch einen neuen Geist hervorgebracht habe. Mit dem Projekt in Weißwasser werden Erinnerungen an den Abschluss der IBA wach. Damals hieß es auch: Die Lausitzer gehen auf die Bühne und die Gäste staunen. Zudem sei es wie im Falle des Modellfalls geschickt, den Blick von außen mit dem von innen zu verbinden. „Allein den Blick von Innen – das wird zu kleinkariert“, findet Kuhn grundsätzlich.

Infos zu den Zeiten, dem Kartenvorverkauf etc. gib es unter www.modellfall-weisswasser.de