ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 06:32 Uhr

Strukturwandel
Strukturwandel bringt frischen Wind in die Lausitz

Auch nach einem Ausstieg aus der Braunkohle könnten die Kraftwerke der Region weiter genutzt werden – durch eine Umrüstung auf Gas, Biomasse oder regenerative Energien. Das nötige Know-how dazu soll aus Cottbus kommen.
Auch nach einem Ausstieg aus der Braunkohle könnten die Kraftwerke der Region weiter genutzt werden – durch eine Umrüstung auf Gas, Biomasse oder regenerative Energien. Das nötige Know-how dazu soll aus Cottbus kommen. FOTO: picture alliance/dpa / Patrick Pleul
Cottbus. Die Ansiedlung eines DLR-Instituts an der BTU gilt als sicher. Die Energieforscher wollen rund 4000 Kraftwerks-Jobs in der Lausitz sichern. Die Universität gewinnt dadurch bundesweit an Bedeutung. Von Andrea Hilscher

Noch lässt die amtierende BTU-Chefin Prof. Christiane Hipp die Sektkorken nicht knallen. „Schließlich sind die Verträge noch nicht unterschrieben.“ Doch Freude ist schon mal erlaubt. Seit der Haushaltsausschuss des Bundes die Mittel für die Ansiedlung eines neuen Forschungsinstitutes in Cottbus freigegeben hat, ist es mehr als wahrscheinlich, dass in den nächsten Jahren hochkarätige Wissenschaftler in einer beachtlichen Größenordnung in der Lausitz arbeiten werden.

Das neue Institut gehört zum Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt DLR, beschäftigt sich aber mit ganz irdischen Themen. Es ist im Bereich Energieforschung angesiedelt und soll Möglichkeiten der Nachnutzung von Kraftwerken in der Lausitz prüfen. „Damit könnte ein wichtiges Kernproblem des Strukturwandels angepackt werden“, so Christiane Hipp.

Forschung
Forschung FOTO: LR / Elisabeth Wrobel

In einer im Mai veröffentlichten Vorstudie beschäftigt sich das DLR mit den Möglichkeiten der Umgestaltung von Kohlekraftwerken. Sie können quasi auf ein zweites und ein drittes Leben hoffen: zunächst in Form einer CO2-armen Energieerzeugung aus Gas, später dann nahezu CO2-frei mit vollständigem Einsatz regenerativer Energiequellen. Dadurch, so die Forscher, könnten 50 Prozent aller Kraftwerksarbeitsplätze erhalten bleiben. Auch die Zulieferbetriebe wären durch die neue Kraftwerksnutzung weitgehend abgesichert. Heißt also: Saubere Kraftwerke und sichere Jobs – wenn alles klappt.

„Noch ist die Technologie zu teuer“, so Christiane Hipp. Die Wirtschaft bräuchte regulatorische Anreize, um den Umstieg tatsächlich zu wagen. „Aber da der CO2-Ausstieg politisch gesetzt ist, gibt es ein großes Interesse an einer erfolgreichen Gestaltung der Energiewende“, sagt die Vizepräsidentin der BTU Cottbus-Senftenberg.

Die Gasturbinenproduktion von Siemens könnte in Zukunft mit dem neuen DLR-Institut am Standort Zittau/Görlitz zusammenarbeiten.
Die Gasturbinenproduktion von Siemens könnte in Zukunft mit dem neuen DLR-Institut am Standort Zittau/Görlitz zusammenarbeiten. FOTO: picture alliance / Rainer Jensen / Rainer Jensen

Der Bund und das Land, die einen Großteil der DLR-Finanzierung stemmen, ziehen nach Aussagen der Uni-Führung an einem Strang, auch das DLR selbst arbeitet mit Hochdruck an der Umsetzung der Instituts-Pläne. Das „Institut für CO2-arme Industrieprozesse, so der Name, hat beste Erfolgsaussichten.

Aktuell arbeiten 20 DLR-Institute in allen Teilen Deutschlands, die sich unter anderem mit Fragen der Raumfahrt, mit neuen Fahrzeugkonzepten, Energiethemen, Software- und Antriebsentwicklungen beschäftigen – ein gigantisches Forschungsnetzwerk, in das 8000 Wissenschaftler eingebunden sind, die wiederum mit allen großen Universitäten des Landes kooperieren.

„Wenn die BTU über das neue Institut in diesen Verbund aufgenommen wird, ist das ein enormer Fortschritt für den Wissenschaftsstandort“, erklärt Prof. Christoph Egbers, der den Lehrstuhl für Aerodynamik und Strömungslehre in Cottbus leitet. Seit 18 Jahren forscht er an der BTU. Seitdem träumt er davon, dass die Lausitz DLR-Standort wird. „Dass dieser Traum nun endlich Wirklichkeit wird, ist unglaublich wichtig. Mit einem DLR-Institut in Cottbus spielen wir in der ersten Liga.“

Der Wissenschaftler, der seit zwei Jahrzehnten eng mit den verschiedensten DLR-Forschungsinstituten in Deutschland im Bereich Luft- und Raumfahrt zusammenarbeitet, hat vor rund eineinhalb Jahren damit begonnen, zusammen mit der Universitätsspitze seine Fühler in Richtung einer DLR-Institutsansiedlung auszustrecken. „Aber allein der Gedanke daran war schon ein wenig kühn“, gibt Egbers lächelnd zu.

In den vergangenen Monaten allerdings spielten verschiedene bundespolitische Entwicklungen den Cottbusern in die Hände. Die Folgen des Strukturwandels wurden durch die Arbeit der Braunkohlekommission intensiv diskutiert. Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) sondierte bei einem Besuch in der Lausitz Forschungskapazitäten, Bedarfe und Potenzial der Region, stellte entscheidende Weichen in Richtung Ansiedlung. „Vor fünf Wochen klingelte mein Handy“, erinnert sich Christoph Egbers. „Es war Wochenende und der Leiter der DLR-Studie rief mich an – er bräuchte möglichst schnell einen Ansprechpartner bei uns.“

Seitdem laufen die Vorbereitungen an der Cottbuser Universität auf Hochtouren. „Wir haben alle Kontakte spielen lassen und alles in die Waagschale geworfen, was wir zu bieten haben“, sagt Christiane Hipp. Dass jetzt die Ansiedlung des Institutes zum Greifen nah scheint, sei tatsächlich die Verwirklichung eines lang gehegten Traums. „Wir sind dem Bundeswirtschaftsministerium, der Landesregierung und dem DLR dankbar, dass die Universität und damit auch die Region diese Chance erhält, sich positiv zu entwickeln“, sagt die Wissenschaftlerin. Die Kombination aus Forschungs-Kapazitäten und den Möglichkeiten des „Reallabors Leag“ sei eine vielversprechende Kombination – die sich als Erfolgsschlager für stillgelegte Reviere erweisen könnte.

Das DLR-Institut in Cottbus wird mit fünf Millionen Euro jährlich gefördert. Weitere fünf Millionen gehen an den Standort Zittau/Görlitz, der sich, auch in Zusammenarbeit mit dem Gasturbinenhersteller Siemens, mit dem Thema Wärmespeicherung befassen wird. Zu den insgesamt zehn Millionen Euro kommen weitere Millionen, die das Institut über Drittmittel aus EU-Projekten oder über Mittel der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG einwerben kann.

„Wie gesagt, wenn die Verträge unterschrieben sind, haben wir allen Grund zu feiern.“ Christiane Hipp und Christoph Egbers sind zuversichtlich.