| 06:26 Uhr

Notarztversorgung
Streit um Auslastung von Notaufnahmen der Krankenhäuser

Cottbus. Krankenkassen und Krankenhausgesellschaft streiten über Zahl der Notaufnahmen in Deutschland. Eine jetzt vorgelegte Studie soll belegen, dass viele Notaufnahmen im Land keineswegs ausgelastet sind. Wer schon einmal viele Stunden in der Rettungsstelle eines Krankenhauses ausharren musste, sieht das ganz anders.

Auf den ersten Blick hat die am Mittwoch bekannt gewordene Studie des Zentralinstitutes für die kassenärztliche Versorgung (Zi) Sprengkraft. Danach sind die meisten Notaufnahmen an Krankenhäusern im Land nicht überbeansprucht, sondern im Gegenteil nicht ausgelastet. Nur 1,7 Patienten würden durchschnittlich pro Stunde in den Rettungsstellen behandelt, so die Studie. Und das sei für die Patienten sogar gefährlich.

Denn dort, wo im Durchschnitt weniger als 2,3 Patienten pro Stunde notfallversorgt werden, seien höhere Sterblichkeitsquoten zu verzeichnen. Auch die Zahl der Komplikationen und die Dauer des Krankenhausaufenthaltes stiegen an, so die Macher der Studie. Das belegten internationale Untersuchungen.

Andreas Gassen ist als Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) oberster Vertreter der niedergelassenen Ärzte. Er fordert die Deutsche Krankenhausgesellschaft auf, darüber nachzudenken, ob alle Notaufnahmen um jeden Preis erhalten werden müssten. Es müsse die Frage erlaubt sein, „ob hier nicht Synergien genutzt werden können“.

Die Krankenhausgesellschaft, Dachverband für fast 2000 Kliniken keilt prompt zurück. Würde der ambulante Bereitschaftsdienst durch die niedergelassenen Ärzte funktionieren, müssten nicht zehn Millionen Patienten jährlich die Kliniken zur Notfallbehandlung aufsuchen, wovon drei Millionen ohne Probleme in Notfallpraxen versorgt werden könnten. Übereinstimmend versichern KVB und Krankenhausgesellschaft jedoch, die Probleme könnten nur gemeinsam gelöst werden.

Hinter fachlichen Argumenten geht es dabei jedoch, wie so oft im Gesundheitssystem, um Geld. Die ambulanten Mediziner befürchten, dass immer mehr Geld aus ihrem Honorartopf für ambulante Leistungen an die Krankenhäuser fließt und der Gesetzgeber den Kliniken immer weiter die Türen für ambulante Notfallversorgungen öffnet.

In der Lausitz zeigt sich ein differenziertes Bild der Inanspruchnahme der Rettungsstellen an den Kliniken. Am Cottbuser Carl-Thiem-Klinikum, einer Schwerpunktklinik, hat die Rettungsstelle genug zu tun. Mit 4,2 angenommenen Patienten pro Stunde liegt sie weit über der in der Zi-Studie als kritische Grenze genannten Marke von 2,3.

Chefarzt Olaf Konopke hält der KBV angesichts der Studie vor, nicht zu wissen, was in den Notaufnahmen wirklich los ist. „Die Leute stimmen mit den Füßen ab, wenn sie in den Praxen keinen Termin bekommen“, so der Chef der Cottbuser ­Notaufnahme. Und die Patientenzahl sage wenig über den damit verbundenen Betreuungsaufwand. Während ein Patient bei seinem Hausarzt vielleicht zehn Minuten im Behandlungszimmer sei, zöge sich die Diagnostik in der Notaufnahme meist über Stunden hin.

Das sei auch aus rechtlichen Gründen notwendig, so Konopke: „Ein Patient mit Kopfschmerzen ist für uns so lange ein Notfall, bis wir geklärt haben, dass dahinter keine lebensgefährliche Erkrankung steckt, zum Beispiel eine Hirnblutung.“ Und hinter einem Schwindelgefühl könne sich auch ein Schlaganfall verbergen.

Ähnlich gut ausgelastet wie das CTK ist auch das zweitgrößte Krankenhaus der Region, das Seenlandklinikum im sächsischen Hoyerswerda. Auch hier werden im Durchschnitt täglich etwa 100 Patienten in der Notaufnahme versorgt. In kleineren Häusern liegen die Zahlen jedoch tiefer.

Beispiel Spreewaldklinik Lübben. nach Angaben des Chefarztes der Rettungsstelle, Benno Bretag, kümmert sich die dortige Notaufnahme um rund 20 000 Patienten jährlich. Das sind 2,2 pro Tag, was bereits an der in der Zi-Studie genannten Grenze der fachlich wünschenswerten Frequenz liegt. Lübben hat dabei als Plus die Zertifizierung als Traumazentrum und die Nähe der Autobahn A13. Viele Unfallpatienten werden hier eingeliefert.

In Forst und Spremberg liegt die Zahl der jährlich behandelten Notaufnahmefälle dagegen nur bei 9000 beziehungsweise 10 000 Fällen. Damit liegen beide Häuser im Durchschnitt bei nur einem Patienten pro Stunde und damit weit unter der Grenzmarke der Studie.

Auch in der Spremberger Notaufnahme spiegelten sich Probleme der ambulanten ärztlichen Versorgung, so Chefarzt Michael Lang. Es gebe in Spremberg noch sehr engagierte Hausärzte, jedoch Probleme bei orthopädischen Facharztterminen. Passend dazu sei auffällig, dass relativ viele Patienten mit Rückenproblemen in die Notaufnahme kämen.

Eine noch geringere Auslastung mit rund 4000 Patienten jährlich, also einem im Durchschnitt alle zwei Stunden, verzeichnet das Naemi-Wilke-Stift in Guben. Um die Rettungsstelle trotzdem aufrecht zu erhalten und das Personal auszulasten, wird dort auch die geplante Aufnahme stationärer Patienten einschließlich Erstuntersuchung abgewickelt. Die Notaufnahme schließen käme für Geschäftsführer Gottfried Hain nicht infrage: „Die Patienten müssen versorgt werden.“

Dass bei der Frage einer Reduzierung von Notaufnahmen in Deutschland nicht ländliche Regionen im Vordergrund stehen, darauf verweist auch ausdrücklich die Zi-Studie. Nachgedacht werden müsse vor allem über die Zahl der Notaufnahmen in Ballungsräumen, von denen oft mehrere in weniger als 30 Minuten erreichbar seien. In dünn besiedelten Gegenden müsse dagegen immer die eventuell längere Fahrzeit zur nächsten Notaufnahme im Blick behalten werden.

Bei der besseren Zusammenarbeit der ambulanten und stationären Mediziner in der Bereitschafts- und Notfallversorgung ist Brandenburg mit der Einrichtung von RegioMed Bereitschaftspraxen der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) ein ganzes Stück vorangekommen. Diese Praxen sind an Krankenhäuser angegliedert und haben sich bereits an sechs Standorten bewährt, darunter am CTK in Cottbus. An einem gemeinsamen Empfangstresen wird dort entschieden, ob der Patient ein Notfall ist oder nebenan zum kassenärztlichen Bereitschaftsarzt gehört. Stellt sich diese Erstbeurteilung als falsch heraus, beträgt der Weg zur kompletten notfallmedizinischen Versorgung nur wenige Meter.

In den kommenden Jahren sollen weitere 15 solcher Praxen an Krankenhäusern in Brandenburg eingerichtet werden. Sachsen verfügt bisher über neun solche Einrichtungen, scheint beim Ausbau jedoch etwas zögerlicher voranzugehen. Dabei entspricht die Einrichtung solcher „Portalpraxen“ einer Forderung des 2016 in Kraft getretenen Krankenhausstrukturgesetzes.

Eine weitere Idee der besseren Notfallversorgung hatten KBV und Marburger Bund, die Vertretung der Krankenhausärzte, vor zweieinhalb Monaten vorgestellt. Sie schlagen vor, die Notfallnummer des Rettungsdienstes 112 und die Bereitschaftsnummer der Praxisärzte 116117 stärker zu vernetzen.

In Cottbus ist das bereits Wirklichkeit. Wer in der Stadt eine der beiden Nummern wählt, landet beim selben Fachpersonal der Leitstelle Lausitz.

Die könne dann entscheiden, so Olaf Konopke, Chefarzt der Notaufnahme am CTK, ob ein Rettungswagen geschickt wird oder ob es reicht, dem Anrufer die Adresse der Bereitschaftspraxis mitzuteilen.