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Züchter bangen um ihre Zukunft

Ingbert Jurk aus Tschernitz fürchtet aus guten Gründen, dass es bald keine Kleintierzuchtvereine mehr geben wird.
Ingbert Jurk aus Tschernitz fürchtet aus guten Gründen, dass es bald keine Kleintierzuchtvereine mehr geben wird. FOTO: René Wappler
Spremberg. Fünf schwarze Laufenten suchen im Gras nach Schnecken. Ingbert Jurk schaut ihnen zu, während er Futter für die Hühner ausstreut: "Sie schnappen hier, sie schnappen da", sagt er über die Enten. René Wappler / bkh

"Dank ihres Appetits muss ich hier selbst keine Schnecken mehr aufsammeln."

So könnte also alles in bester Ordnung sein für den Vorsitzenden des Wolfshainer Rassegeflügelzüchtervereins. Wäre da nicht der Fuchs, der sich immer wieder anpirscht, um die Hühner von den Grundstücken im Dorf zu stehlen. Oder die Vogelgrippe, wegen der das Geflügel nahezu ein halbes Jahr lang eingesperrt blieb. Und die schrumpfende Zahl der Vereinsmitglieder. Es gibt also doch viele gute Gründe, sich Sorgen zu machen.

Ingbert Jurk, 64 Jahre alt, züchtet seit 51 Jahren Tiere. "Ich musste schon als Kind den Hühnerstall mit sauber machen." Nun fürchtet er jedoch um sein Lebenswerk: Es könnte nämlich passieren, dass es in zehn oder 20 Jahren keinen Geflügelzüchterverein mehr in Wolfshain und seinem Heimatdorf Tschernitz gibt, sagt er.

Zwar erheben Kleintierzüchter seit Jahrzehnten die Klage, dass ihre Tradition bald untergehen wird. Doch inzwischen scheint die Lage wirklich ernst zu sein. So sagt Wilfried Keil vom Vorstand des Landesverbandes der Rassegeflügelzüchter: "Ein Aspekt trifft uns in diesem Jahr besonders hart, nämlich die staatlich verordnete Tierquälerei, wegen der schon einige Mitglieder ihre Zucht aufgegeben haben." Er bezieht sich auf die Verfügung vom November 2016, in der es hieß: Geflügel müsse bis auf Weiteres in geschlossenen Ställen oder in Schutzvorrichtungen gehalten werden. Vor allem ärgert sich Wilfried Keil darüber, dass die Züchter der Vereine samt ihrer Tiere leiden mussten - obwohl die Problemfälle in großen Anlagen auftraten.

Ähnlich äußert sich Hartmut Petrick vom Kreisverband für Cottbus und den Spree-Neiße-Kreis. "Einige Züchter haben wegen der überzogenen Auflagen die Schnauze voll", sagt er. "Zwar lässt sich noch nicht genau überblicken, wie viele Mitglieder wir deshalb verlieren werden, aber schon in den vergangenen Jahren schrumpfte die Zahl im Durchschnitt um zehn Züchter pro Jahr." Die dramatische Tendenz beschleunige sich weiter durch Todesfälle und das Fehlen junger Mitglieder in den Vereinen. Wie Wilfried Keil vom Landesverband gibt Hartmut Petrick zu bedenken, das Arbeitsleben lasse den Menschen oft kaum noch Freiraum: Wer wegen des Jobs stets von seinem Heimatort in eine andere Stadt fahren müsse, habe eben keine Zeit mehr für eine Kleintierzucht.

So sieht es auch Paul Mock. Der 24-jährige Maschinen- und Anlagenführer kann den Vorsitz im Spremberger Rassegeflügelzüchter-Verband nur gewissenhaft bekleiden, weil er bei Dunapack im Industriepark Schwarze Pumpe arbeitet. "Täglich investiere ich drei bis vier Stunden in die Zucht", sagt er. "Allein das regelmäßige Säubern der Ställe verschlingt viel Zeit." Aufgrund seiner jungen Jahre gilt Paul Mock fast schon als Ausnahmeerscheinung unter den Züchtern in der Region. Allerdings weist er auf ein weiteres Hoffnungszeichen hin: Drei Mitglieder des Spremberger Kreisverbandes sind Jugendliche unter 18 Jahren.

Zum Thema:
Bei einem Besuch im Kreis Dahme-Spreewald hat Brandenburgs Minister für Verbraucherschutz, Stefan Ludwig (Die Linke) in dieser Woche erklärt: "Die Züchter kümmern sich um ein Kulturgut, das auch international zur Biodiversität beiträgt." Deshalb lohne es sich, darüber nachzudenken, ob für die privaten Züchter Sonderlösungen möglich wären. "Es werden aber immer Einzelfallentscheidungen in Zusammenarbeit mit den Veterinärämtern der Landkreise sein", sagte der Minister. Der Geflügelpestausbruch im Winter sei der bisher stärkste in Deutschland gewesen.(bkh)