ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 17:15 Uhr

Geschichtsunterricht der anderen Art
Zeitzeuge zu Gast bei Filmschau

 Während Raik Nowka (links) die Veranstaltung moderiert, schildert Karsten Köhler seine damaligen Erinnerungen.
Während Raik Nowka (links) die Veranstaltung moderiert, schildert Karsten Köhler seine damaligen Erinnerungen. FOTO: Marcel Laggai
Spremberg . 30 Jahre nach den letzten Kommunalwahlen in der DDR weckt eine Kinovorführung eindringliche Erinnerungen an längst vergangene Zeiten. Von Marcel Laggai

Politische Zwänge, Repressionen durch den Staatsapparat und subtile Mittel der Manipulation: All diese Dinge scheinen in einer demografisch gewachsenen Gesellschaft oftmals fernab der Vorstellungskraft. Dabei liegen die Zeiten eines zweigeteilten Deutschlands keine 30 Jahre zurück. Viele Ältere  erinnern sich  noch sehr gut an die DDR-Zeiten  – die einen besser, die anderen schlechter. Damit diese Erlebnisse nicht in Vergessenheit geraten, schicken sich engagierte Filmemacher regelmäßig dazu an, die Erinnerung am Leben zu halten. Dazu trägt auch der Film „Das schweigende Klassenzimmer“, von Regisseur Lars Kraume, bei.

Das Drama um den zivilen Ungehorsam einer Abiturklasse und den Konsequenzen daraus wurde am vergangenen Mittwoch im Spremberger Spreekino aufgeführt. „Und der Zuspruch war überragend“, so ein Mitarbeiter des Filmspielhauses. Dies lag allerdings weniger an dem historischen Datum. Wurden doch genau vor 30 Jahren die letzten Kommunalwahlen der DDR abgehalten. Mit den hinlänglich bekannten Mitteln und Folgen (die RUNDSCHAU berichtete). Der Grund für zwei nahezu restlos gefüllte Säle war ein anwesender Zeitzeuge. Kein geringerer als der damalige Klassensprecher: Karsten Köhler.

Zu dieser ganz besonderen Filmvorführung mit anschließender Gesprächsrunde hatten sowohl das Spreekino als auch der CDU-Stadtverband von Spremberg geladen. Raik Nowka, Kreisvorsitzender der Christdemokraten in Spree-Neiße, führte durch die Veranstaltung und erinnerte sich ebenfalls noch sehr gut an die damalige Zeit. „Ich war damals zwar erst 14 Jahre alt, aber die Unfreiheit und Unzufriedenheit waren allgegenwärtig“, so der CDU-Landtagsabgeordnete. Die Erinnerung daran dürfen nicht sterben und von daher seien die Schildrundungen von Zeitzeugen umso wichtiger, erklärte Nowka.

Das weiß auch Karsten Köhler, den die damaligen dramatischen Begebenheiten noch immer aufwühlen. „Wir waren alle um die 18 Jahre alt, aber was damals auf uns und unsere Familien einprasselte, ist wirklich unvorstellbar.“ Auslöser war eine Solidaritätsbekundung der Klasse anlässlich des Ungarischen Volksaufstands im Jahr 1956. Man habe nicht absehen können, welche Konsequenzen diese Schweigeminute haben würde, fügt der heute 80-Jährige hinzu. Es folgten der Verweis der gesamten Abiturklasse und die anschließende Flucht. Obwohl die Mauer erst 1961 gebaut werden sollte, kein ungefährliches Unterfangen, erinnert sich der damalige Klassensprecher noch sehr gut daran. „Viele Familien wurden über Jahre getrennt und bei manchen setzte sogar eine gewisse Entfremdung ein“, sagt Köhler, der den Film allerdings nicht als Anti-DDR-Film sehen möchte. Man solle lediglich sehen, wie es damals war. „Schicksale, die Tausende durchmachen mussten und wir waren ‚nur’ ein paar davon.“

Die Zeit in Ferne beziehungsweise in West-Deutschland, welche im Film nicht thematisiert wurde, offenbart Köhler bereitwillig dem aufmerksamen Publikum. Routiniert erzählt der „Flüchtling“, dass „die Zeit danach, eine Aneinanderreihung von Glücksfällen war.“ Kein Wunder, ist es doch bereits die 44. Veranstaltung dieser Art, die Köhler absolviert. Allerdings gehe jeder einzelne Termin ordentlich an die Konsistenz, gesteht der Senior. „Und trotzdem werde ich solange weitermachen, so lange mich die Geschichte und das Zurückliegende berührt.“

Bei den Gästen im Spremberger Spreekino treffen die Schilderungen von Köhler offensichtlich einen Nerv. Während es anwesenden Schülern des Strittmatter-Gymnasiums vor einer Trennung von der Familie graut, fühlen sich andere an die Zeiten von Unterdrückung und Gehorsam erinnert.

So auch Johannes Buchheim und Michael Scheller, die eigens aus dem Raum Weißwasser angereist sind, um der Veranstaltung beizuwohnen Das Verfilmte erinnere enorm an die Zeit und habe die damaligen Zustände wirklich gut widergespiegelt, loben beide und animieren Köhler gleichwohl dazu, mit seinen Auftritten weiterzumachen.