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| 17:00 Uhr

Gespräch über Altersarmut
Wo die Gesellschaft nach und nach auseinander driftet

Kerstin Kircheis besuchte Spremberg.
Kerstin Kircheis besuchte Spremberg. FOTO: Wappler / LR
Spremberg. Spremberger diskutieren mit SPD-Politikerin Kircheis.

Eben noch hat die SPD-Politikerin Kerstin Kircheis über die Essener Tafel gesprochen. Deren Chef verhängte im Januar einen vorübergehenden Aufnahmestopp für Ausländer, weil es zu Rangeleien in der Warteschlange gekommen sei. Darauf bezieht sich Kerstin Kircheis bei ihrem Besuch im Spremberger Arbeitslosenservice. „Da kämpfen dann diejenigen, die nicht viel haben, gegen diejenigen, die noch weniger haben“, sagt sie.

Über Altersarmut will Kerstin Kircheis mit den Gästen reden, die sich am Mittwoch in der Heinrichstraße eingefunden haben. Doch schnell wird klar, dass sich dieses Problem nicht so einfach eingrenzen lässt. Ein Rentner meldet sich zu Wort. „Die Gewerkschaften sorgen dafür, dass der Lohn in der Kohle­industrie stark steigt“, sagt er. „Pflegekräfte gehen aber leer aus.“ Das hält er für ungerecht. „Ich wäre für einen Lohnfinanzausgleich“, erklärt der Mann, der die Gehälter im Bergbau als unangemessen hoch einschätzt. Seinen Namen will er in der öffentlichen Gesprächsrunde nicht nennen. Es sei „doch heute schlimmer als in der DDR“, schimpft er.

Einen „Werteverlust in der Gesellschaft“ beklagt die Gleichstellungsbeauftragte des Spremberger Rathauses, Christina Bieder. Sie fragt in die Runde: „Was ist heutzutage eigentlich los?“ Kinder zeigen nach ihren Worten keinen Respekt mehr vor den Lehrern, während Eltern die Verantwortung am liebsten gleich ganz den Pädagogen überhelfen wollten. Das alles wirke sich auf das Bildungsniveau junger Leute aus. „Im Industriepark in Schwarze Pumpe entsteht jetzt eine neue Papiermaschine“, sagt Christina Bieder. „Es wird keine einfache Aufgabe, gut ausgebildete Fachkräfte dafür zu finden.“

Der Mann, der seinen Namen nicht nennen will, beugt sich über den Tisch. Seinem Gegenüber flüstert er zu: „Zu viel Freiheit, es fehlt der Zug.“

Der andere Gast antwortet ihm: „Wer früher nicht gespurt hat, kam in den Jugendwerkhof.“

Die SPD-Politikerin Kerstin Kircheis äußert sich weit moderater. „Wenn ich als Kind vor meinen Eltern stand und sagte, der Lehrer ist schuld, kam ich nicht durch damit.“ Inzwischen habe sie jedoch Jugendliche kennengelernt, die mit dem Abgang von der Schule in der 8. Klasse weder lesen noch schreiben konnten.

Damit spannt die Landtagsabgeordnete wieder den Bogen zu ihrem eigentlichen Thema, der Altersarmut, die sich im Berufsleben begründet. „Wir steuern auf ein riesiges Problem zu“, sagt sie. Es betreffe Frauen stärker, weil sie ihr Erwerbsleben oft für längere Zeit unterbrechen. „Und dann nehmen sie Jobs an, die schlechter bezahlt werden.“ Für wichtig hält Kerstin Kircheis ein Angleichen des Rentenniveaus in Ost und West und Arbeitsplätze mit einem „vernünftigen Gehalt“.

Nichts hält sie hingegen vom Vorschlag, die Löhne in der Kohleindustrie zu senken. „Dann orientieren sich noch mehr junge Leute in Richtung Westen.“