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Folgen der Digitalisierung
Handel kämpft um seine Kunden

Mit breiteren Gängen, mehr Platz und Licht hat sich das Unternehmen Kaufland im Dezember neu an den Bedürfnissen seiner Spremberger Kunden ausgerichtet. Einen Rundgang unternahmen Bürgermeisterin Christine Herntier, Benjamin Schorg von der Lenkungsgruppe für eine generationenfreundliche Stadt, Rathaus-Mitarbeiterin Christina Bieder (von links) und Diana Born vom Fachbereich für Lebensmittelüberwachung beim Landkreis (rechts). Hausleiterin Nadine Kulms führte sie durch das Geschäft.
Mit breiteren Gängen, mehr Platz und Licht hat sich das Unternehmen Kaufland im Dezember neu an den Bedürfnissen seiner Spremberger Kunden ausgerichtet. Einen Rundgang unternahmen Bürgermeisterin Christine Herntier, Benjamin Schorg von der Lenkungsgruppe für eine generationenfreundliche Stadt, Rathaus-Mitarbeiterin Christina Bieder (von links) und Diana Born vom Fachbereich für Lebensmittelüberwachung beim Landkreis (rechts). Hausleiterin Nadine Kulms führte sie durch das Geschäft. FOTO: René Wappler / LR
Spremberg. Industrie- und Handelskammer beleuchtet die aktuelle Situation in Spremberg.

Die Kaufkraft der Verbraucher steigt, und trotzdem wünschen sich Einzelhändler bessere Zeiten zurück: Was auf den ersten Blick wie ein Widerspruch aussieht, lässt sich logisch erklären. Das geht aus dem aktuellen Handelsatlas für Südbrandenburg hervor, der detailliert auf die Lage in Spremberg und weiteren Orten des Spree-Neiße-Kreises eingeht. Herausgegeben hat ihn die Industrie- und Handelskammer (IHK) in Cottbus.

IHK-Geschäftsbereichsleiterin Katrin Erb betrachtet Spremberg als „ein wirkliches Vorzeigestädtchen in der Region“. Modernes Zentrum, kostenloses Parken, überdurchschnittlich viele Geschäfte – das alles spricht für einen Einkauf in Spremberg. Nur 23 Prozent der Einzelhandelsbetriebe stehen leer, ein guter Wert im Vergleich mit anderen Städten von Südbrandenburg: Auf 36 Prozent beläuft sich der Leerstand in Guben. Forst meldet 41 Prozent.

Im Jahr 2011 betrug die Kaufkraft in Spremberg je Einwohner noch 17 311 Euro, im Jahr 2017 bereits 19 603 Euro. Doch die Händler merken nicht viel von einem Aufschwung. Dafür gibt es nach Angaben der IHK-Expertin mehrere Gründe. „Gäbe es mitten im Stadtzentrum ein umfassendes Lebensmittel-Sortiment, wäre auch der erwünschte Kundenstrom höher“, sagt Katrin Erb. In Cottbus funktioniere das Prinzip des Magnetbetriebes seit dem Bau des Blechen-Carrés: Davon profitieren auch andere Geschäfte, wie die IHK-Mitarbeiterin erläutert.

Ein weiterer Trend belastet die Einzelhändler: Verbraucher müssen stetig mehr Geld für die Miete und weitere Ausgaben zur Seite legen, die ihrer Sicherheit dienen. Einen starken Anteil ihrer Kaufkraft investieren sie außerdem in Verkehr und Mobilkommunikation. Denn Spremberg zählt im Land Brandenburg zu den Städten mit besonders vielen Pendlern: Täglich verlassen 4075 Personen die Stadt, um zu ihren Arbeitsplätzen zu gelangen. Wer hingegen nicht mehr arbeiten muss und eine Rente bezieht, gibt verhältnismäßig viel Geld für Gesundheitsangebote wie Physiotherapien aus, wie IHK-Geschäftsbereichsleiterin Katrin Erb anmerkt.

Das alles trägt dazu bei, dass eine steigende Kaufkraft nicht zwangsläufig den Händlern vor Ort zu Gute kommt. Darüber hinaus nimmt das wachsende Digital-Angebot die Branchen in die Zange: Leute erledigen ihre Bankgeschäfte und das Ausfüllen von Formularen am Computer daheim, statt in die Stadt zu fahren und nebenher einzukaufen.

Über die Folgen der Digitalisierung sprach Katrin Erb bei einem Stammtisch der Spremberger Gewerbetreibenden im vergangenen Sommer. Beim Termin in der Aula der Berufsorientierenden Oberschule stellte der Blumenhaus-Inhaber Jens-Uwe Winkler das Konzept für eine Internet-Plattform ortsansässiger Händler vor, das er nach wie vor verfolgt. Ihn unterstützen dabei der Wirtschaftsförderer ASG und die IHK. Allerdings existiert derzeit noch kein derartiges Modell, das gänzlich ohne Fördermittel auskommt: Das gibt die IHK-Expertin zu bedenken.

Dabei ist der Handel mit einem Jahresumsatz von ungefähr 440 Milliarden Euro nach wie vor Deutschlands drittstärkste Wirtschaftsgruppe, wie aus dem Einzelhandelskonzept der Stadt Spremberg hervorgeht. Jeder sechste Arbeitsplatz wird dieser Sparte zugeordnet.

In Spremberg gibt es 340 Handelsunternehmen. Die größte Verkaufsfläche in der Stadt nehmen mit 11 515 Quadratmetern Nahrungs- und Genussmittel ein, gefolgt von Baumarkt-Artikeln mit 9005 Quadratmetern und Haushaltswaren mit 4070 Quadratmetern. Diese Rangfolge findet sich im aktuellen Handelsatlas.

Bis zum Jahr 2010 dehnte sich die Verkaufsfläche der Händler in Deutschland stetig aus. Seitdem verringert sich der Zuwachs deutlich. Im Einzelhandelskonzept der Stadt Spremberg heißt es dazu: „Während der Umsatz des gesamten Einzelhandels in den vergangenen Jahren nur leichte Steigerungen verzeichnen konnte, konnte der Einzelhandel im Internet eine rasante Entwicklung nehmen.“ Der stationäre Einzelhandel verzeichnet im Bundesmaßstab nach Angaben der IHK gerade mal zwei bis drei Prozent Zuwachs im Jahr, der Onlinehandel hingegen zwölf Prozent.

IHK-Mitarbeiterin Katrin Erb sagt: „Auf lange Sicht wird es Städte geben, die im Wettbewerb mit der zunehmenden Digitalisierung zu den Verlierern zählen.“ Chancen sieht sie für Regionen, die einzigartige Erlebnisse offerieren können. Persönliche Eindrücke wie eine Kahnfahrt durch den Spreewald lassen sich nicht per Knopfdruck im Internet nach Hause bestellen, wovon auch die Händler profitieren können.