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Ich kaufe regional
So halten Händler aus Spremberg ihre Stammkunden

Sebastian Schulz hat im Sommer jeden Freitagabend vor seine Weinhandlung eingeladen. Bei den Sprembergern kam dieses Angebot sehr gut an.
Sebastian Schulz hat im Sommer jeden Freitagabend vor seine Weinhandlung eingeladen. Bei den Sprembergern kam dieses Angebot sehr gut an. FOTO: Anita Schreiber
Spremberg. Die Stadt Spremberg und der Wirtschaftsförderer ASG versuchen, mit Konzepten die Innenstadt zu beleben. Aber viele Geschäftsinhaber haben längst selbst Strategien entwickelt, um eine Stammkundschaft zu entwickeln. Annett Igel-Allzeit

"In bester Innenstadtlage auf Kundschaft warten - das genügt heute nicht mehr." Sebastian Schulz, der junge Weinhändler, sammelt seit Monaten gute Erfahrungen in der Karl-Marx-Straße, dem "Stiefkind der Spremberger Einkaufsstraßen", wie er seufzend anmerkt. "Wenn ein Geschäft etwas bietet, was die Kunden unbedingt wollen, finden sie es auch in einer Randlage. Das geht nicht nur mir so, sondern auch dem Bio-Laden hier und dem Reformhaus", sagt Sebastian Schulz. Er beliefert Feste - wie jüngst das Winzerfest der Sellessener in Haidemühl. Und schnell hat er auch begriffen, dass neben dem Angebot von guten und verschiedenen Weinen viel Service am Kunden hilft. "Hat eine ältere Dame zum Beispiel aus Graustein einen guten Wein bei mir entdeckt, lasse ich sie nicht mit den Flaschen zum Busbahnhof laufen. Ich bringe ihr die Weinflaschen nach Hause." Eine zusätzliche Kraft hat er sich deshalb für den Laden gesucht. "So habe ich zwei Nachmittage in der Woche Zeit, um solche Lieferungen abzuarbeiten." Und richtig gut angekommen bei Alt und Jung ist sein "After Work": "Nach der Arbeit" stellte er an den Freitagen in den Sommermonaten Stühle und Tische raus. "Einmal hatte ich über 70 Gäste hier", sagt Schulz. So lerne er seine Kunden kennen, erfährt von ihren Lieblingsweinen, kann sie auf neue Geschmacksrichtungen bringen.

Auch "Stile mio", die Boutique von Romy Heinze an der Ecke Karl-Marx-Straße / Geschwister-Scholl-Straße lädt die Stammkunden zu kleinen Veranstaltungen ein. "Einmal im Vierteljahr", so die Verkäuferin Linda Becker, "gibt es eine kleine Modenschau bei uns, oder wir führen einfach so durch die neue Kollektion - es gibt Häppchen, Wein und Sekt dazu." Klar, geben die Modetrends viel vor, aber das Ohr an der Kundschaft zu haben, sei auch wichtig. "Am Anfang hatten wir zum Beispiel keine einzige Hose - wir wollen ja das Feminine betonen. Aber weil wir in den Gesprächen gemerkt haben, dass viele Frauen doch Hosen wollen und wir inzwischen auch Männermode anbieten, haben wir inzwischen feminine Hosen da." Mit Modenschauen bereichert die Boutique Feste in Spremberg oder sie beteiligen sich mit der Festkleidung an Hochzeitsmessen außerhalb von Spremberg.

Mehrmals im Jahr lädt auch Claudia Böttcher mit ihrer Boutique "originale.anziehsachen" am Bullwinkel in der Langen Straße zu kleinen Empfängen ein: im März, am Samstag nach Mittsommer, zu Halloween. Und am "Historischen Töpfermarkt" in Spremberg beteiligt sie sich, weil ihr das Flair in der Innenstadt dann besonders gefällt. "Zu meinen Empfängen im Laden hole ich mir immer zwei echte Zugpferde an die Seite: die Friseurin Birgit Mrosk aus Forst und die Spremberger Kosmetikerin Antje Weber. Und es gibt Champagner", sagt Claudia Böttcher. Ihr Laden ist ihr Leben. Das Markenzeichen - eine grinsende Katze mit sechs Beinen - war einer Kinderzeichnung ihrer Tochter entsprungen. Sie kennt ihre Stammkundinnen, deren Lieblingsfarben und Problemzonen. "Wir sind über die Jahre zusammen älter geworden", sagt Claudia Böttcher.

Um mehr junge Kunden bemüht sich gerade Angela Kunze in ihrem Geschäft "Taschentraum" in der Dresdener Straße in Spremberg. "Meine Kinder haben mir gezeigt, dass ich über Facebook mehr erreiche und erklären kann, dass ich nicht nur die klassische Ledertasche habe", sagt Angela Kunze. Gerade beschäftige sie sich mit Taschen aus Feuerwehrschläuchen. Selbst die Paketannahme, die sie zum Geschäft übernommen hat, zahle sich aus. "Meist holen die Leute nicht nur schnell ihr Paket ab, sondern sie schauen sich auch im Laden um", so Angela Kunze.

Aber ihr liegt auch am Herzen, die Dresdener Straße als Fortsetzung der Langen Straße zu einem Einkaufserlebnis zu machen. "Erst zum Töpfermarkt haben wir wieder versucht, mit weiteren Ständen die Besucher zu uns hoch zu locken." Mit Keramik und einen Stand des Spremberger Kreativ-Treffs sei das schon ganz gut gelungen. Immer, wenn Angela Kunze, solche Aktionen plant, besucht sie vorher die Nachbarläden, ermuntert die Inhaber, doch mitzumachen. "Ich möchte den Spremberger Weihnachtsmarkt erweitern. Unser Marktplatz ist zu klein, der Weihnachtsmarkt deshalb immer nur niedlich. Mit ein paar Buden in der Dresdener Straße kurz vor der Berliner Kreuzung und mehreren Aktionen dazwischen könnte er wesentlich größer werden. Für dieses Jahr schaffen wir das noch nicht, aber vielleicht für 2018."

Einen Weihnachtsbaum bekommt seit Jahren nicht nur der Spremberger Markt, sondern auch die Dresdener Straße.

Zum Thema:
Am kommenden Sonnabend lesen Sie in der RUNDSCHAU-Serie "Ich kaufe regional", was in Cottbus und dem Spree-Neiße-Kreis gegen den Laden-Leerstand getan wird.