ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 13:06 Uhr

Einkaufen in der Region
Händler beklagen strenge Regeln

Thomas Berges leitet den Rewe-Markt in Ströbitz. „Wir öffnen bis Mitternacht, weil es sich auszahlt“, sagt er.
Thomas Berges leitet den Rewe-Markt in Ströbitz. „Wir öffnen bis Mitternacht, weil es sich auszahlt“, sagt er. FOTO: René Wappler / LR
Cottbus/Spree-Neiße. Vertreter der Branche in der Lausitz wünschen sich Öffnungszeiten nach ihrem eigenen Bedarf. Von René Wappler

Fachleute aus der Handelsbranche in der Lausitz sprechen sich dafür aus, die Öffnungszeiten von Geschäften völlig zu liberalisieren. Sonst bestehe die Gefahr, auf lange Sicht von Internetangeboten verdrängt zu werden. Zudem zeige die Erfahrung der vergangenen Jahre, dass die Kunden gern bis spät in den Abend hinein einkaufen.

Bis 24 Uhr öffnet Thomas Berges seinen Rewe-Markt im Cottbuser Stadtteil Ströbitz. Der selbstständige Kaufmann sagt: „Für uns hat sich das eindeutig ausgezahlt.“ So wachse die Zahl der Kunden am späten Abend seit mehreren Jahren deutlich. Das mag mit dem Standort des Supermarkts zusammenhängen. Er befindet sich in der Nähe der Cottbuser Uni und des Staatstheaters. „Viele Leute erledigen tatsächlich ihre Einkäufe bei uns, nachdem sie eine Vorstellung besucht haben“, erklärt Thomas Berges. „Dabei befürchteten wir am Anfang noch, dass uns nur die Kunden der umliegenden Tankstellen besuchen werden.“

Ähnlich äußert sich Janina Wickel von der Unternehmenskommunikation bei Kaufland. Die Öffnungszeit der Filialen bis 22 Uhr entspreche sowohl in Cottbus als auch in Spremberg „den mehrheitlichen Verbraucherwünschen“, teilt sie mit. „An ausgewählten Standorten haben unsere Filialen sogar bis 24 Uhr geöffnet.“ Damit wolle Kaufland den Kunden einen zusätzlichen Service bieten. Die verlängerten Öffnungszeiten kämen vor allem den berufstätigen Kunden entgegen. Generell stellt Janina Wickel fest, dass an Tagen vor den Wochenenden und den Feiertagen sowie im Sommer mehr Kunden in den Abendstunden zum Einkaufen kommen.

Die Leute erwarten inzwischen längere Öffnungszeiten. Das berichtet Sylke Schulz-Apelt. Sie arbeitet als Center-Managerin im Cottbuser Lausitz Park. Außerdem bekleidet sie den Vorsitz des Handelsausschusses der Industrie- und Handelskammer (IHK). „Wir Händler wünschen uns, dass die Ladenöffnungszeit stärker liberalisiert wird“, sagt sie. „Nur so können wir mit den Online-Angeboten mithalten, die rund um die Uhr zum Einkaufen einladen, und das an jedem Tag der Woche.“

Diesem Befund schließt sich Katrin Erb an, die den Geschäftsbereich für Standortpolitik bei der IHK leitet. „Keine andere Branche wird bei den Öffnungszeiten so stark eingeschränkt wie der Handel“, gibt sie zu bedenken. „Gäbe es plötzlich ähnliche Restriktionen bei der Gastronomie, wäre ein Proteststurm garantiert.“ Katrin Erb erzählt von Händlern aus dem Spreewald, die ihre Waren gern sonntags anbieten würden, je nach Bedarf. Denn dann seien die meisten Touristen in der Region unterwegs.

Die 23-jährige Sophie Gaßmann aus Cottbus zählt zu den Supermarkt-Kunden, die sich über die längere Öffnungszeit freuen. „Ich nutze dieses Angebot auf jeden Fall“, sagt sie. „Wenn ich von der Schicht komme, auch mal kurz vor Mitternacht, hole ich mir noch schnell ein paar Kleinigkeiten.“

Anders sieht es die 61-jährige Heidi Mysliwiec, ebenfalls aus Cottbus. „Es kommt vielleicht zwei Mal im Jahr vor, dass ich spät am Abend einkaufen gehe“, erklärt sie. „Für mich müsste es also keine verlängerten Öffnungszeiten geben.“ Allerdings wisse sie von vielen Leuten, die diesen Service gern in Anspruch nehmen.

Ganz und gar kritisch äußert sich der 63-jährige Frank Mimietz aus Cottbus. „In meinen Augen wäre es überhaupt nicht nötig, so lange zu öffnen“, sagt er. „Das ist doch alles zusätzlicher Aufwand, vom Strom bis zum Personal.“

Eine Kernöffnungszeit von 9.30 bis 20 Uhr gilt bei Galeria Kaufhof in Cottbus. Geschäftsleiter Carl Guelck sagt: „Das zählt für uns zum Serviceversprechen an die Kunden, da wir für sie berechenbar sein wollen.“ Wer abends zu Galeria Kaufhof komme, kaufe im Durchschnitt hochwertigere Waren. Deshalb lohne sich eine längere Öffnungszeit auf jeden Fall.

Manche Unternehmen halten sich bedeckter. Zum Einkaufsverhalten ihrer Kunden äußert sich die Pressestelle der Supermarktkette Lidl grundsätzlich nicht. Mitarbeiterin Isabell Lehmann teilt mit: „Die Lidl-Filialen in Cottbus und dem Spree-Neiße-Kreis haben von 8 bis 20 Uhr beziehungsweise bis 21 Uhr geöffnet.“ Diese Zeit richte sich an den Wünschen der Kunden aus, deren Zufriedenheit „an oberster Stelle“ stehe.

Wie die Vertreter der Branche fordert der Deutsche Städte- und Gemeindebund eine Reform bei den Ladenöffnungszeiten. Die Kommunen müssten mit dem Einzelhandel vor Ort darüber hinaus die Freiheit bekommen, auch die Zahl verkaufsoffener Sonntage selbst festzulegen. Das erklärte Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg im Januar 2018, als der Städte- und Gemeindebund gemeinsam mit dem Handelsverband Deutschland eine „Allianz für Innenstädte“ gründete. Die Vertreter beider Organisationen warnen davor, dass „viele Stadtzentren veröden und zehntausende Handelsstandorte wegfallen“. Die Digitalisierung stelle vielerorts schon jetzt Geschäftsmodelle in Frage.

Die Besucher der Cottbuser Innenstadt bewerten die erweiterten Ladenöffnungszeiten trotzdem schon jetzt mit den Noten „gut“ bis „sehr gut“. Allerdings wünschen sie sich ebenfalls mehr verkaufsoffene Sonntage. Das geht aus einer Analyse hervor, die das Institut für Handelsforschung aus Köln im Jahr 2017 vorstellte. Das Durchschnittsalter der Menschen, die das Stadtzentrum besuchen, liegt bei 46,7 Jahren. Somit handelt es sich vor allem um Berufstätige, die tagsüber weniger Zeit haben. 16,7 Prozent der Befragten stimmen der Aussage zu: „Ja, ich kaufe verstärkt online ein und besuche daher die Innenstadt zum Einkaufen seltener.“

Für einen Vorwand hält jedoch die Bezirksgeschäftsführerin der Gewerkschaft Verdi das Argument der Händler, ihnen könnte der Online-Handel das Wasser abgraben. „Selbst wenn ich am Sonntag etwas im Internet bestelle, wird es mir ja auch erst einen oder mehrere Tage später geliefert“, gibt Heike Plechte zu bedenken. „Insofern sehe ich dort sonntags auch nicht mehr als ein Schaufenster.“ Außerdem hält sie es für wichtig, „dass das Leben ein bisschen getaktet bleibt“. Der Satz aus dem Alten Testament, „und am siebenten Tag sollst du ruhen“, habe durchaus seine Bewandtnis. „Als grundsätzliches Lebensrhythmusgefühl sollten wir das beibehalten“, sagt die Verdi-Mitarbeiterin.

FOTO: LR