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| 10:14 Uhr

Im Porträt
Sie kämpft weiter gegen die Kohle

 Auf dem Briefkasten von Hannelore Wodtke klebt Werbung für die Energiewende. „Schon seit meinem Umzug nach Welzow“, sagt sie.
Auf dem Briefkasten von Hannelore Wodtke klebt Werbung für die Energiewende. „Schon seit meinem Umzug nach Welzow“, sagt sie. FOTO: LR / René Wappler
Welzow. Warum Hannelore Wodtke aus Welzow auf ihrer einsamen Gegenstimme in der Kommission für Strukturwandel beharrt. Von Rene Wappler

Die Demonstranten trommeln unten vor dem Fenster. 300 Beschäftigte der Kohleindustrie kämpfen in der Berliner Invalidenstraße um ihre Arbeitsplätze. Auf der anderen Straßenseite tagen die Mitglieder der Kommission für Strukturwandel, zu denen Hannelore Wodtke aus Welzow zählt. In alphabetischer Reihenfolge sitzen sie um den Konferenztisch im Ludwig-Erhard-Saal des Bundeswirtschaftsministeriums. Seit acht Uhr morgens brüten sie über ihrem Abschlussbericht.

An diesen Freitag der vergangenen Woche wird sich Hannelore Wodtke nach eigenen Worten noch lange erinnern. „Ich war seit Donnerstagmittag in Berlin, und erst am Samstagmorgen um 5.32 Uhr bin ich wieder in den Zug nach Cottbus gestiegen.“ Gegen acht Uhr habe sie ihre Haustür aufgeschlossen, abgekämpft und müde.

Zu diesem Zeitpunkt hatte sie bereits beschlossen, dass sie gegen den Bericht der Kommission stimmen wird. Als einziges Mitglied. Solange er die Einwohner ihres Nachbardorfes Proschim nicht vor den Plänen für Tagebaugebiete schütze, könne sie ihm nicht guten Gewissens beipflichten. So lautete ihr Standpunkt am vergangenen Wochenende, und auf ihm beharrt sie. Trotz einer gewissen Erschöpfung.

„Als ich nach dem Abschlussbericht nach Hause kam, wollte ich nur noch ins Bett“, sagt sie. „Das Haus hätte einstürzen können, ich hätte das nicht mitgekriegt, so ermattet, wie ich war.“ Trotzdem würde sie sich auch heute wieder dafür entscheiden, in der Kommission mitzuarbeiten.

Einen Grund für ihre Gegenposition sieht sie in ihrer Biografie. Hannelore Wodtke, 68 Jahre alt, wuchs in Cottbus auf, lernte den Beruf der medizinisch-technischen Assistentin und arbeitete in den 1970er-Jahren in der Radiologie des Krankenhauses. Dort betreute sie Krebspatienten. „Wir mussten Statistiken erstellen, auf denen wir die Auswirkungen der Braunkohle sahen“, berichtet sie. „Kehlkopfkrebs und Bronchialkarzinome traten in unserer Region gehäuft auf.“ Nach zehn Jahren im Krankenhaus habe sie das Elend nicht mehr ertragen, sagt sie. „Mich hat schlimm getroffen, dass viele Kinder unter den unheilbaren Krebspatienten waren. Wir konnten ihnen nicht helfen, nur daneben stehen und die Leiden lindern. Das hielt ich nicht auf Dauer aus.“ Also wechselte sie ihren Beruf. Sie begann eine Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten, arbeitete danach bis zur bundesweiten Einführung von Hartz IV im Sozialamt der Stadt Cottbus. Als „diskriminierend“ bezeichnet sie heute das Hartz-IV-Modell. „Die Mehrheit der Leute, die arbeitslos werden, schämt sich dafür“, sagt Hannelore Wodtke. „Dieses System verstärkt das Schamgefühl der Betroffenen nur, und das halte ich für unmenschlich.“

Seit dem Jahr 2014 gehört sie dem Welzower Stadtparlament an. Zwar stimmt sie dort offiziell für die Fraktion aus CDU und Grüner Zukunft Welzow ab. Doch einer Partei will sie sich nicht anschließen.

Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass sie sich gut mit der heutigen Bundesvorsitzenden der Grünen versteht. Annalena Baerbock half ihr im Wahlkampf bei gemeinsamen Auftritten vor dem heimischen Publikum, als sie im Jahr 2017 für das Amt der Welzower Bürgermeisterin antrat. Dieser Plan misslang jedoch. Die SPD-Politikerin Birgit Zuchold blieb das Stadtoberhaupt. Hannelore Wodtke unterlag deutlich mit einem Stimmenanteil von 6,9 Prozent.

Damit hat sie jedoch ihren Frieden gefunden. „Mit meiner Kandidatur wollte ich vor allem zeigen, dass es in der Welzower Region Leute gibt, die den Abbau der Braunkohle kritisch betrachten.“ Ihr sei schon damals bewusst gewesen, dass sie nur geringe Chancen auf das Amt der Bürgermeisterin hatte. Ein zweites Mal werde sie nicht mehr kandidieren.

Obwohl sie grundsätzlich mit den Grünen sympathisiert, kann sie manche Positionen der Partei nicht mit ihrer Überzeugung vereinen. So setzt sich Hannelore Wodtke dafür ein, die Straßenausbaubeiträge  für Anwohner abzuschaffen. Anders sieht es die Fraktionschefin der Grünen im Brandenburger Landtag. Ursula Nonnemacher gibt zu bedenken: Der Verzicht auf die Beiträge dürfte „gerade für Gemeinden in angespannter finanzieller Lage“ sehr schwierig werden.

Auch die Rückkehr der Wölfe in die Lausitz betrachtet Hannelore Wodtke mit Skepsis. „Ich habe gesehen, welche Schäden die Tiere bei uns in der Landwirtschaft anrichten“, sagt sie. Deshalb könne sie die Euphorie vieler Naturfreunde nicht teilen.

Als die Kommission für Strukturwandel in der vergangenen Woche über ihren Abschlussbericht be­riet, nahm Hannelore Wodtke die Demonstration der Bergbauleute wahr, die sich in der Berliner Invalidenstraße versammelt hatten. Sie kennt die Argumente, die sich auf die Sorge um Arbeitsplätze in der Lausitz beziehen. Trotzdem bleibt sie konsequent. „Die Jobs der Energieindustrie stehen nicht über den Jobs in anderen Branchen“, erklärt sie. „Bei der Braunkohle handelt es sich um ein Auslaufmodell, wie auch immer wir die Situation betrachten.“ Wer das nicht einsehe, sei „nicht auf der Höhe der Zeit“.

Mit diesem Standpunkt macht sie sich nicht nur Freunde. Das erlebte Hannelore Wodtke nach eigenem Bekunden, als sie von anonym verbreiteten Gerüchten im Internet erfuhr. „Da behauptete jemand, ich hätte mir nur ein Haus in Welzow gekauft, um gegen den Tagebau Stimmung zu machen.“ Bestürzt äußert sie sich darüber, „dass es Leute gibt, die diesen Quatsch auch noch glauben“. Vielmehr sei sie „der Liebe wegen“ nach Welzow gezogen.

Dabei setzt sie sich selbst auch für Befürworter der Braunkohle ein, von denen sie denkt, dass sie unfair behandelt werden. Die parteilose Spremberger Bürgermeisterin Christine Herntier sah sich im Herbst mit Kritik aus der städtischen CDU-Fraktion konfrontiert: Seit sie in der Kommission für Strukturwandel mitarbeite, lasse die Qualität der Arbeit im Spremberger Rathaus zu wünschen übrig. Obwohl Christine Herntier für die Arbeitsplätze in der Braunkohleindustrie kämpft, erhielt sie Beistand von Hannelore Wodtke. Die Welzowerin erklärte, die Stadtverordneten in Spremberg sollten froh sein, dass ihre Bürgermeisterin in der Bundespolitik für ihre Interessen streitet, statt sie dafür zu kritisieren. Nun, nachdem die Kommission ihren Abschlussbericht vorgelegt hat, will sich Hannelore Wodtke ein paar freie Tage nehmen. Bisher ist ihr das nicht gelungen. Alle paar Minuten klingelt ihr Telefon. Von morgens bis abends beantwortet sie Fragen zu ihrer Arbeit in der Kommission. „Aber in der nächsten Woche gönne ich mir eine Auszeit“, sagt sie. „Vielleicht fahre ich nach Burg in die Spreewaldtherme, oder ich unternehme eine Tour mit dem Fahrrad.“ Früher sei sie gern im Wald spazieren gegangen. Doch das habe sich geändert, als im Januar 2018 ein Wolf am Zaun vor ihrer Terrasse stand, mitten in der Innenstadt von Welzow. „Da hatte ich Respekt“, erinnert sich Hannelore Wodtke. „Ich muss zugeben, dass ich diesen Tieren nicht allein im Wald begegnen möchte.“