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| 01:04 Uhr

„Wir kämpfen weiter“

Türkendorf / Kahsel.. Wenn Brandenburg seit vielen Wochen unter Dürre und Hitze stöhnt, dann haben die Landwirte um Cottbus herum doppelt Grund dazu, denn in dieser Region konzentrierten sich Sonnenglut und ausbleibender Regen besonders. Die bereits jetzt abzusehende Folge: Vermutlich nicht einmal die Hälfte der erwarteten und notwendigen Getreide- und Futtererträge werden die Bauern einbringen. Besonders hart betroffen sind auch die landwirtschaftlichen Betriebe in Kahsel und Türkendorf. Von Thoralf Schirmer

Keine erfreuliche Bilanz konnte Andrea Kober, verantwortlich für die Pflanzenproduktion der Agrarproduktion Türkendorf und der Provela, in dieser Woche ziehen: „Wir sind jetzt mit der Ernte von Wintergerste und Raps fertig, und wir müssen feststellen, dass wir bei der Gerste nur etwa 60 Prozent des üblichen Ertrages eingebracht haben, beim Raps sind es 50 Prozent.“ Aber das Problem sei eben nicht nur, dass die Getreideähren auf Grund der langen Trockenheit zum Teil nur noch die Hälfte der Körner entwickelt haben, sondern auch die schlechtere Qualität des Wenigen, was nun übrig bleibt.
In der Folge der Ernteverluste wird nun auch Stroh zu einem knappen Gut. „Wir konnten sonst einen Teil davon als organischen Dünger auf den Feldern lassen, jetzt aber müssen wir zusehen, dass wir alles aufpressen, was wir kriegen können“ , erklärt Andrea Kober. Denn das Stroh ist für die Tierproduktion wichtig, die durch die starke Hitzeperiode ebenfalls ihre Schwierigkeiten bekommt. An Futterpflanzen habe man bislang nicht einmal die Hälfte der benötigten Menge einbringen können, so Andrea Kober. Nun bleibe bloß noch die Hoffnung auf etwas mehr Regen und bessere Erträge beim kommenden Futterschnitt, der noch zweimal erfolgt – im August und September. „Wir wollen hoffen, dass es dann über den Winter reicht. Zukauf wäre die allerletzte Möglichkeit, die wir in Betracht ziehen.“
In dieser Woche versuchten die Mähdrescherfahrer von der LTS Groß Luja, den Roggen für die Türkendorfer Agrarbetriebe einzubringen, soweit das Wetter es erlaubte. Aber schon am Mittwoch funkten heftige Niederschläge dazwischen, die die Felder zum Teil unter Wasser setzten.
Wenig gute Stimmung herrscht auch in der Ökologischen Agrarproduktion Kahsel GmbH. Hier sind Weizen und Raps, die auf Flächen von je 65 Hektar wuchsen, inzwischen in die Scheunen gebracht. „Bei beiden Kulturen ist der Ertrag unter 50 Prozent von dem, was hier eigentlich üblich ist“ , konstatiert der Geschäftsführer der Agrarproduktion Klaus Buder. „Wo wir sonst 40 bis 45 Dezitonnen pro Hektar bekommen, sind es jetzt gerade mal zwanzig.“ Einen Ertrag, der unter 50 Prozent des zu Erwartenden liegt, prognostiziert Buder jetzt auch schon für die gerade laufende Roggenernte, mit 140 Hektar der größte Anteil an den insgesamt 600 Hektar Ackerland, die von Kahsel aus bewirtschaftet werden.
Der finanzielle Verlust, bei Preisen, die sowieso schon am Boden sind, trifft die Ökologische Agrarproduktion Kahsel hart, zumal 2003 zwar das seit langem extremste, nicht aber das erste Dürrejahr ist. „Wir sind an die Grenze des Erträglichen gekommen“ , sagt Klaus Buder. „Wir werden darüber nachdenken müssen, ob wir im Winter wieder Mitarbeiter entlassen und ob wir den Anteil an stillgelegten Flächen erhöhen.“
Hinzu kommt, dass sich Investitionen wie der Umbau eines Rinderstalles nach modernem, umwelt- und tiergerechten Standard (etwa 300 000 Euro) im vorigen Jahr oder die neue Beregnungsanlage für die Kartoffelproduktion (etwa 40 000 Euro) bezahlt machen müssen. Aber wie soll das gehen, wenn neben dem Getreide auch das Tierfutter knapp wird, Weiden regelrecht vertrocknen, der Milcherlös weiter sinkt und zu allem Überfluss das Rotwild gleich Hektarweise den Weizen wegfrisst.
„Ich staune manchmal selbst, wie wir es fertig bringen, immer noch zu überleben“ , sagt Klaus Buder. „Wir kämpfen weiter, aber letztlich sind wir machtlos.“

Hintergrund Wenn Wasser ausbleibt
 Was mit Getreide schon vor Wochen passiert ist, erklärt Klaus Buder so: „Die Trockenheit hat die Kornreifungsphase gestört, und während des Pflanzenwachstums, wo sich das Getreide verzweigt und Ähren entwickelt, hat es nun so reagiert, dass es gleich zwei bis drei Ähren einfach abgestoßen hat. In der Kornbildungsphase dann, wo die Körner an Volumen zunehmen sollen, entstehen bei anhaltender Trockenheit nur kleine Körner, so genannte Schmachtkörner.“ Die Folge für den Landwirt, so Buder, sei ein Qualitätsverlust, der den ohnehin geringen Erlös weiter nach unten drückt. Das Korn kann oft nicht mehr als Brotgetreide, sondern nur noch als Futtergetreide verwendet werden.